Der Stolperstein, der im Erfurter Ortsteil Marbach verlegt wird (Schwarzburger Straße 26, 15.30 Uhr), ist ein besonderer: Das Opfer des NS-Regimes, dem er gewidmet ist, lebt noch und könnte der Verlegung selbst beiwohnen. Aus Krankheitsgründen kann die inzwischen 94-jährige Ingeburg Geißler nicht nach Erfurt kommen. Auch an ihren Vater Herbert Frank (Klausenerstraße 32, 14 Uhr) wird mit einem Stolperstein erinnert. Vor anderthalb Jahren war Ingeburg Geißler erstmals in Erfurt, um vor Schülern über ihr Schicksal zu berichten. Wir begleiteten die Veranstaltung damals:

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Drei Daten haben sich in Ingeburg Geißlers Gedächtnis eingebrannt, drei Einschnitte, mit denen die Sicherheit einer sorglosen Kindheit zusammenstürzt und durch den Rassenwahn der Nationalsozialisten zur Hölle wird. So hat sie es schon Dutzende Male vor Schulklassen berichtet, erstmals nun auch in Erfurt, wo die heute 92-Jährige geboren wurde. Es ist ein Schicksal, wie es Tausenden Kindern in der NS-Zeit widerfahren ist, weil sie aus jüdischen Familien stammten. Stellvertretend für die, die nicht mehr davon erzählen können, ist sie hier, wird Ingeburg Geißler später sagen. In der Aula des Evangelischen Ratsgymnasiums haben sich mehr als 100 Schülerinnen und Schüler der zehnten und zwölften Klassen versammelt und lauschen der zugewandten, wachen, zierlichen Frau.

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Da ist das Jahr 1938, als Ingeburgs Eltern sich scheiden lassen in der Hoffnung, dass zumindest die damals fünfjährige Tochter und die Frau so sicher vor Verfolgung sind. Der Vater ist Jude. Im November, als die Synagogen brennen, wird er verhaftet, nach Buchenwald verschleppt. Er darf das Lager verlassen, weil er zusagt, aus Deutschland auszureisen. Im Dezember flieht er nach Shanghai. Die Mutter zieht nach Magdeburg, sucht Schutz in der Anonymität.

Für Jahre verlässt sie den Hof in Marbach kaum noch

Ingeburg Frank bleibt bei ihrer Großtante in Marbach, wird im Herbst 1938 eingeschult. Zweieinhalb Jahre später der nächste Schlag: Als „Halbjüdin“ darf sie nicht mehr die Schule besuchen, wenig später muss auch sie in der Öffentlichkeit den gelben Davidstern tragen. Sie war die einzige in Marbach, erinnert sie sich. Und an die Grausamkeit der Kinder. Ingeburg wird ausgegrenzt, angegriffen, mit Steinen beworfen. Die nächsten Jahre wird sie den Hof kaum noch verlassen.

Ingeburg Geißler
Diese Postkarte schreibt Ingeburg Geißler im Zug nach Theresienstadt, wirft ihn aus dem Fenster. Er wird tatsächlich an Großonkel und -tante in Marbach zugestellt. Daneben: Ein Davidstern, wie auch sie ihn ab 1941 tragen musste. Sie ist die einzige damals in dem Dorf bei Erfurt.© Funke Medien Thüringen | Marco Schmidt

Als Zwölfjährige wird sie nach Theresienstadt gebracht

Im Januar 1945 ist sie schließlich sicher, dass ihr Leben zu Ende ist. Die letzten verbliebenen Juden aus Erfurt und Umgebung werden mit der Bahn ins KZ Theresienstadt abtransportiert. Ingeburg ist zwölf Jahre alt, die jüngste auf dem Transport. Sie kennt niemanden. Dass sie in Theresienstadt zur Schule gehen, einen Beruf erlernen kann, wie es der Polizist in Marbach noch gesagt hatte, darüber schütteln die Erwachsenen im Zug den Kopf. Es gehe, erfährt sie, in den sicheren Tod. In ihrer Verzweiflung schreibt sie Abschiedsworte auf eine Postkarte, wirft sie wie die anderen an einem Bahnhof aus dem Zugfenster. Wie durch ein Wunder erreicht die Karte tatsächlich Großonkel und -tante in Marbach.

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Einen kleinen Aktenordner nimmt sie mit zu Gesprächen mit Schülern

Ingeburg Geißler hat die Karte mit dabei in dem kleinen Aktenordner, wenn sie vor Schülern spricht. Dokumente einer heute unvorstellbar grausamen Zeit. Den Befehl der Gestapo, sie, das Kind aus Marbach, nach Theresienstadt zu deportieren, hat sie im Erfurter Stadtarchiv gefunden, ausgestellt von der Staatspolizei in Weimar, akribisch weitergeleitet an den Landrat in Weißensee, an den Amtsvorsteher in Gispersleben und schließlich die Ortspolizei in Marbach. Der Vollzug sei mitzuteilen.

Marbach, der Bahnhof, die ehemalige Gestapo-Zentrale, hier ist alles so nah

Schon Dutzende Male hat die 92-Jährige vor Schulklassen aus den Dokumenten vorgelesen, ihre Geschichte erzählt. Meistens in Berlin, wo sie seit den 1950er-Jahren lebt. Hier in Erfurt ist es noch einmal etwas anderes. Die Orte des Geschehens, Marbach, die Erfurter Gestapo-Zentrale in der Arnstädter Straße, der Hauptbahnhof, das ist hier nah dran. In der Aula des Ratsgymnasiums herrscht gebannte Stille in den anderthalb Stunden, in denen Ingeburg Geißler berichtet.

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Die Zehnt- und Zwölftklässler sind nur wenig älter als Ingeburg Geißler damals

Das NS-Regime ist für die Schüler gerade Thema im Unterricht. Es geht um Daten und Zahlen. „Die Fakten, die Statistiken, die können das aber nicht ersetzen, diese individuellen Geschichten, die sich dahinter verbergen“, sagt Georg sichtlich berührt nach der Veranstaltung am Dienstagnachmittag. Die Schülerinnen und Schüler hier sind zwischen 15 und 18 Jahre alt, sie können sich noch gut erinnern, wie es war, zwölf zu sein. Und vielleicht erahnen, was es bedeutet, in diesem Alter aus der Gesellschaft ausgestoßen zu werden, in den möglichen Tod geschickt zu werden, mit Zustimmung oder doch der gleichgültigen Billigung der Nachbarn.

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Angehörige organisieren die Rückholung der Erfurter Juden

Ingeburg Geißler überlebt Theresienstadt, den Hunger, das Ungeziefer, die Seuchen. Als sie dort ankommt, ist Auschwitz gerade von der Roten Armee befreit worden, die Transporte in die Vernichtungslager weiter im Osten kommen zum Erliegen. Am 8. Mai 1945 rücken die sowjetischen Truppen auch in Theresienstadt ein, wochenlang müssen die Insassen aber wegen eines Typhus-Ausbruchs in Quarantäne bleiben. Am 9. Juni taucht plötzlich ein Bus der Erfurter Verkehrsbetriebe im Ghetto auf. Angehörige der Erfurter Juden hatten die Rückholung organisiert.

Lebenslange Freundschaft mit der Familie Cars in Erfurt

Ingeburg Geißler geht wieder nach Marbach, beendet die Volksschule. In Internatsschulen macht sie später das Abitur, geht nach Berlin, studiert Jura an der Humboldt-Universität. Sie ist eine der wenigen Juden, die in Deutschland, in der DDR bleiben. Der Vater emigriert mit einer neuen Ehefrau in die USA. Sie soll ihm folgen, doch das lehnt sie ab. Sie will in der Nähe von Großonkel und -tante bleiben, die sich in Marbach so für sie eingesetzt haben. Mit Erfurt verbindet sie eine lebenslange Freundschaft zu Hanne-Lore und Ruth Cars. Die Töchter von Max Cars, der nach dem Krieg die jüdische Landesgemeinde in Erfurt wieder aufbaut, lernte sie in Theresienstadt kennen, kehrte mit ihnen nach Hause zurück.

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Wer wird künftigen Schülergenerationen berichten?

Auf Einladung der Thüringer Staatskanzlei kam Ingeburg Geißler in diesen Tagen zurück nach Erfurt, besuchte die Alte Synagoge, ging auf Spurensuche in Marbach und stellte sich den Fragen der Schüler im Ratsgymnasium. Eine Herzensangelegenheit. Dass das, was ihr als Kind widerfahren ist, nie wieder geschehe, darum geht es letztlich. Die aktuelle Entwicklung in Deutschland und Europa, den Rechtsruck, die Fremdenfeindlichkeit, den wieder erstarkenden Antisemitismus betrachtet sie mit Sorge. Auch danach hatten Schüler in der Aula des Ratsgymnasiums gefragt. Ist das „Nie wieder!“ nicht mehr so selbstverständlich? Vielleicht auch, überlegt Georg, weil es nicht mehr viele Zeitzeugen gibt, die aus erster Hand berichten können.