Beim Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium erschoss Robert Steinhäuser 16 Menschen und sich selbst. Der Autor Kaleb Erdmann war als Schüler der 5. Klasse am 26. April 2002 in einem der Klassenräume und erlebte die Morde als Zeuge mit. Im Juli diesen Jahres hat er mit seinem zweiten Roman „Die Ausweichschule“, das im August in die Longlist des Deutschen Buchpreises aufgenommen wurde und nun auch eine Platzierung auf der Shortlist erhalten hat.
Wie lässt sich Unbeschreibliches in Worte fassen?

In seinem Buch nähert er sich den Folgen des tragischen Tages in Erfurt an. Einträge in seinen Tagebüchern und Schreibheften und auch Handynotizen hat Erdmann als Fragmente bereits gesammelt. Ein namenlos bleibender Dramatiker bewegt den jungen Mann, die schriftliche, ja gar literarische Aufarbeitung der Geschehnisse in einem größeren zusammenhängenden Werk zu bündeln. „Ein Roman über den Erfurter Amoklauf von 2002 und mein elfjähriges Ich, das ihn erlebt und anschließend anderthalb Jahre in Gruppentherapiesitzungen verbringt. Ein Text über eine kollektiv traumatisierte Schule, ein Text über das Gutenberg-Gymnasium in den Jahren nach dem Amoklauf, über Gewalt und Verarbeitung.“ Das ist zu Beginn der Geschichte die Idee des Autors. Eine Idee, deren Verwirklichung er von Anfang an mit Unsicherheit gegenübersteht. Eine Unsicherheit, die sich nicht nur mit der Frage beschäftigt, wie so ein Text formuliert werden könnte, sondern auch dem Zweifel, ob es ihn überhaupt geben muss.
Mehr über den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium:
Fragen zum Amoklauf und seinen direkten Folgen bleiben ungeklärt

Zwar als Roman betitelt, ist „Die Ausweichschule“ eigentlich mehr eine Dokumentation seiner Recherche. Und einer transparenten Beschreibung des Versuchs, das gewünschte Buch aus dem belegbaren Tathergang im Gutenberg-Gymnasium und der Erinnerung zusammenzusetzen. Fragen, die sich Erdmann in der Reflexion stellt, werden die Fragen des Lesers, auf die es keine Antworten geben wird.

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Wie konnte die Erfurter Innenstadt so gespenstisch still erscheinen, wenn der Autoverkehr doch trotzdem über den Juri-Gagarin-Ring rollte und der Leierkastenmann auf der Krämerbrücke spielte? Wer schrieb die 1.500 Briefe an die Eltern von Robert Steinhäuser? Was steckte wirklich hinter dem Lächeln des Amokläufers, das auf dem Portraitfoto zu sehen war, das wochenlang durch alle Medien gereicht wurde und sich im Gedächtnis vieler Deutscher eingebrannt hat? Und warum durfte jeder Schüler nur eine Rose zum Gedenken im alten Schulhaus ablegen, obwohl doch 16 Menschen starben?
Erinnerungen an die Trauerfeier und die Ausweichschule

Dazu kommen die aufflackernden Erinnerungen an die Tausenden Menschen bei der Trauerfeier auf dem Domplatz, die Kondolenzbücher und die Debatten um die Schädlichkeit von Computerspielen. Die Suche nach Erinnerungen kulminiert im Treffen mit einem ehemaligen Mitschüler, der Steinhäuser im Treppenhaus noch hinterherlief, um zu sehen, was er tut. Der Junge hatte Morde und Leichen gesehen. Erdmann selbst nicht.
Traumatisierte Kinder im Klassenzimmer

Die Bedeutung der titelgebenden Ausweichschule – die Schule in der Scharnhorststraße am Herrenberg, in die das Gutenberg-Gymnasium nach dem Amoklauf umzog – bleibt zwar wider Erwarten schemenhaft, ist als Ort jedoch von Wichtigkeit. Über den Amoklauf wurde nicht gesprochen, auf dem Schulhof wurden Pokemonkarten getauscht. Und dann wurden die Traumata eben doch sichtbar, wenn Kinder Panikattacken ausstehen, weil Knallgeräusche in der Nähe zu hören sind oder die Türen der Klassenzimmer unvermittelt geöffnet werden.
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Am Ende bleibt es dem Leser überlassen, wie er mit Erdmanns Ringen um ein Verstehen umgeht. Erfurter Leser werden einen anderen Blick darauf haben als andere. Im Kern ist es ein Buch über das Schreiben eines Buches. Anders wäre es auch nicht gegangen.





