Den Steigerwald kennt jeder Erfurter. Jeder ist in ihm schon einmal hoch und runter, kreuz und quer gelaufen. Zur Entspannung, um den Kopf frei zu bekommen, oder im flotten Trab, um fit zu bleiben. Deshalb soll an dieser Stelle ein ganz anderer Aspekt dazu ermuntern, den Wanderstab zu greifen und die Stiefel zu schnüren. Denn vor allem im stadtnahen Steiger gibt es noch die Reste einer Zeit zu entdecken, in der der Steigerwald „verschönert“ und gestaltet wurde, in der sich zahlreiche Gaststätten aneinanderreihten, im Verein oder in Gesellschaft geschossen und gefeiert wurde.

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Wanderschaft zwischen alten Gaststätten

Silberhütte Steiger
Eine beliebte Ausflugsgaststätte der Erfurter war um 1900 die "Silberhütte" am Steiger.© Stadtarchiv Erfurt | Stadtarchiv Erfurt

Der Gastronomie im Steiger und den Möglichkeiten, sich dort dank des „Steiger-Verschönerungsvereins“ zu erholen und zu vergnügen, war es zu verdanken, dass einst die Straßenbahnlinie bis zur Steigerstraße gebaut wurde. Zu dem einzigen Zweck, die Städter schnell ins Grüne zu bringen. Gleich an der Endhaltestelle gab es im Hotel „Drei Linden“ die erste Möglichkeit, zu rasten. Bis zum Steigerrand stand dem Wanderer danach noch die „Flora“ im Weg.

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Ruinen des Felsenkellers sind noch sichtbar

Start unserer, mit nur etwa einem Kilometer relativ kurzen Wanderung, ist allerdings das Schützenhaus neben der Thüringenhalle – leicht mit der Straßenbahn zu erreichen. In der einstigen Hauptzufahrt in die Stadt, in der Arnstädter Hohle, fallen dem Wanderer gleich die ersten Ruinen in den Blick – Überbleibsel der einstigen Felsenkeller der Actienbrauerei, die zwischen Hohle und dem Domizil des Bürger-Schützen-Corps eine großflächige Gastronomie unterhielt. Sie lässt sich sogar noch erahnen – die einstige Kegelbahn steht heute als eingestürzte Ruine im Wald.

Vom Waldcasino bis zur Augustaburg

Revierförsterin Uta Krispin empfiehlt, den Weg in den östlichen Steiger auf einem Pfad oberhalb der Arndtstraße zu wählen. Über die B4 geht es von dort zum Waldcasino. Und damit zur letzten noch verbliebenen gastronomischen Oase am Steigerrand. Noch erahnen lassen sich die beiden Gaststätten, die einst links und rechts das Ensemble vervollständigten, die „Schöne Aussicht“ und die „Augustaburg“. Nach einem Schluck Bier geht es von dort gestärkt in den Wald, entlang des ehemaligen Trimm-Pfades in Richtung Sängerwiese.

Letzte Spuren eines einst florierenden Parks

Einige gestalterische Elemente zeugen heute noch davon, dass es hier einmal mehr gegeben hat als nur eine Wiese. Hier war einst der Augustapark zu finden, der sich bis an den unteren Steigerrand, bis an die nach ihm benannte Parkstraße ausdehnte. Einige Überbleibsel der Parkanlage sind heute noch fest verwurzelt – Bäume, die eigentlich nichts in einem Mischwald zu suchen haben.

Eine Grußkarte vom ehemaligen Steiger-Restaurant und Café „Augustaburg“.
Eine Grußkarte vom ehemaligen Steiger-Restaurant und Café „Augustaburg“.© Funke Medien Thüringen | Hartmut Schwarz


Entlang auf einem der einstigen Parkwege geht es schnurstracks zur ehemaligen Steigerbrauerei, zum heutigen Innenministerium. Berichtet wird von Wanderern, dass dort heute noch ab und zu im Wald entsorgtes Leergut der Brauerei zu finden ist. Schließt man die Augen, weht heute noch ein Hauch von Biergeruch durch die Luft.

Einzigartige Blicke auf Erfurt

Daneben (in Richtung Hochheim) war einst die Steiger-Lokalität zu finden – an die heute nichts mehr erinnert. Das frisch Gebraute konnte dort sofort konsumiert werden – mit herrlichem Blick über die Kresseklingen in Richtung Stadt. Nur gestört von zeitweisen Rauchschwaden der Dampflokomotiven. Von dort führt ein Fußweg weiter ostwärts zur Silberhütte. Es gibt alternative Pfade, einen Hauptweg und einen schmalen Fußweg, der zum Domblick abzweigt – mit einem seit ungezählten Jahren einzigartigen Blick auf die Stadt. Ein Motiv, das es auch auf viele Postkarten schaffte.

Preußische Schießbahnen wurden abgerissen

Wer dort am Hopfengrund den Berg hinaufschaut oder etwas in den Wald eindringt, kann sogar noch einige längliche Erhebungen sichten. Sie gehören zu den alten Schießbahnen des auf dem Petersberg stationierten Preußischen Infanterie-Regimentes, die zuletzt auch von den Schützen genutzt wurden, die in der Nähe des alten Forsthauses ein eigenes Domizil hatten. Erst in den 1990er-Jahren wurden die Reste abgerissen.

Erfurt historisch

Die Thüringer Landeshauptstadt hat eine bunte Geschichte. Das Mittelalter, die Zeit der Festung und die Moderne haben Spuren in Erfurt hinterlassen, die wir für unsere Leser entdecken. Hier lesen Sie mehr.

War Goethe im Steiger?

Abgerissen wurde nach einem großen Brand inzwischen auch die Ruine des Kurhauses am Geraufer am Ortsrand von Hochheim. Dort steht eine Bank, um am Ende der kleinen Wanderung zu rasten. Bei schönem Wetter soll von dort sogar der Blick bis zur Schneekoppe reichen. Erzählt wird sich (was nicht bewiesen ist), dass eben diese Aussichten, die vom Steiger geboten wurden, Johann Wolfgang Goethe einst zu seinem „Osterspaziergang“ inspirierten. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.“

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Fakt ist, dass dieser Ausflug in der Blütezeit der Steiger-Gastronomie in den 1920er-Jahren wesentlich länger gedauert hätte als heute. Damals gab es viele Gründe, sich hier und dort länger aufzuhalten. Für einige „Wanderer“ war einst im Schützenhaus das Ziel schon erreicht.

Regelmäßig werden von der Revierförsterei, von Revierleiterin Uta Krispin geführte Wanderungen durch den Steiger angeboten. Für die historischen Hintergründe bietet sich die Broschüre der „Grünen Reihe“ über das Dreienbrunnengebiet an – erhältlich bei der Erfurter Tourismus-Information.

  • Dieser Text erschien ursprünglich im Mai 2019 und wurde nun erstmals online veröffentlicht.