Einsam zieht ein Betriebswagen auf den Evag-Gleisen seine Bahnen, womöglich, damit sich die Erfurter es sich nicht ganz abgewöhnen, vor dem Überqueren der Schiene nach links und rechts zu schauen. Doch für den Schneeschieber gab es an diesem Montag nicht viel zu tun. Ansonsten herrschte ungewöhnliche Leere am Anger, am Domplatz oder in der Bahnhofsunterführung, dort, wo sich sonst gewöhnlich Hunderte Straßenbahn-Reisende versammeln. Ein Streiktag bei der Evag sorgte für Sonntagsstimmung an diesem Montag (2. Februar).

Warnstreik Evag in Erfurt
Ungewöhnlich leer für einen Montagvormittag: Die Unterführung am Erfurter Hauptbahnhof.© Funke Medien Thüringen | Markus Stelle

Das gilt vor allem natürlich für all die, die hier ohne Hast unterwegs sind, weil sie gerade nicht zur Arbeit müssen oder die Kinder abholen. „Wir hatten einen Arzttermin, da haben wir heute eben das Auto genommen. Das geht schon mal“, antwortet Monika Scharr auf die Frage, wie sehr sie der Nahverkehrsstreik beeinträchtigt. Und Gudrun Straka findet sogar: „Es ist richtig entspannt, da bin ich gern zu Fuß unterwegs.

Warnstreik Evag in Erfurt
Gähnende Leere und Sonntagsstimmung auf dem Erfurter Anger.© Funke Medien Thüringen | Markus Stelle

Gelassenheit auf dem Erfurter Anger

Ausgerechnet heute ist ihr Auto stehen geblieben, berichtet Kristina Vollrath, da hätte sie schon gern die Bahn genommen. Doch sie nimmt es gelassen. „Ich finde es gut, dass die Evag-Mitarbeiter von ihrem Streikrecht Gebrauch machen, das ist wichtig.“ Hans Wundrak gehen die Forderungen der Gewerkschaft zu weit. „Aber wenn die Arbeitgeber nicht reagieren, dann ist das natürlich ihr gutes Recht zu streiken“, findet er dennoch. Weit hat er es nicht durch die Innenstadt. „Manchmal nehme ich die Bahn eher aus Bequemlichkeit, heute eben nicht“, sagt er.

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Generell scheinen die Erfurter gut auf den Nahverkehrsstreik vorbereitet gewesen zu sein. Viele Schulen versprachen Kulanz, wenn Schüler nicht oder nur verspätet zum Unterricht erschienen, auch wenn die Schulpflicht prinzipiell nicht aufgehoben sei. Am Morgen war auf den Haupteinfallstraßen zu spüren, dass erwartungsgemäß doch mehr Menschen ins Auto stiegen, um zur Arbeit zu kommen. Deutlich mehr Staus und Verzögerungen gab es unter anderem in der Leipziger Straße oder der Alfred-Hess-Straße.

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Amazon setzt eigene Busse ein

Reagieren mussten die großen Logistikunternehmen am Stadtrand, deren Mitarbeiter sich auf zusätzliche Evag-Busse im Berufsverkehr verlassen. So hat Amazon eigene Busse organisiert, die zwischen Hauptbahnhof und dem Logistikzentrum in Stotternheim verkehrten. „Das hat bis jetzt ganz gut funktioniert und der Betrieb läuft aktuell ganz normal“, sagt eine Sprecherin. Halbwegs normal sei auch der Betrieb bei Zalando im Güterverkehrszentrum gelaufen. Der Umgang mit dem Streik sei „pragmatisch“, berichtet ein Sprecher. „Bei der Dienstplangestaltung zeigen wir uns flexibel und ermöglichen dort, wo es machbar ist, die Nutzung von Urlaubs- oder Ausgleichstagen, um die Situation zu entzerren“, sagt der Zalando-Sprecher.

hw/mst/red