Die Französische Revolution ist im vollen Gange, Mozart wird zur Musik-Ikone seiner Zeit und das gerade erfundene Quecksilberthermometer ist auf dem Vormarsch. Das 18. Jahrhundert hat einige Marken gesetzt, die in der Geschichtsforschung bis heute nennenswert sind. Auch an der Erfurter Stadtgeschichte lassen sich große Entwicklungen nachvollziehen. Historiker Kai Brodersen hat ein Buch übersetzt und herausgegeben, das die Metropole Thüringens als bedeutende Agrarstadt mit einer wichtigen Universität unter die Lupe nimmt.
Neues Buch zeigt Erfurt als gesunde Stadt

Im 18. Jahrhundert gehört Erfurt noch nicht zu Preußen, der Waid- und Samenhandel hatte die Stadt bedeutend gemacht, die Zitadelle auf dem Petersberg wird ausgebaut. Soweit kennen viele Blumenstädter die wichtigsten Epochenmarken dieser Zeit. Mit drei erstmals in dieser Form zusammengestellten Aufsätzen ermöglicht Brodersen einen Blick auf „Erfurt und seine Umwelt“, die ein lebendiges Stadtleben vor der Industrialisierung zeigen.
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Drei Dissertationen arbeiten besondere Aspekte der Stadtgeschichte auf
Johann Friedrich Tennemann schreibt 1751 „Über die Heilsamkeit Erfurts“, Jakob Heinrich Rittermann 1759 „Über die Mineralogie des Erfurter Gebiets“ und Johann Jakob Planer 1778 „Über Luft, Wasser und Orte des Erfurter Gebiets“. Verfasst wurden sie in lateinischer Sprache, die im Buch neben der deutschen Übersetzung zu lesen ist. Wer also sprachlich interessiert ist, kann die auf 180 Seiten aufbereiteten Schriften nebenher auch im Original genauer anschauen.
Erfurt historisch
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Erfurt hat eine heilsame Wirkung
Mögen sich die Erkenntnisse der drei Dissertationen aus heutiger Sicht durch die Sprache und die beobachtende Art der Forschung stellenweise etwas einfältig lesen, sind sie dennoch ernst zu nehmen. Vor allem Tennemanns Schrift stellt Erfurt als gesunden Ort mit guter Luft heraus – und schreibt Erfurt heilsame Kräfte zu. Die Forschungsfrage, inwieweit die größte Thüringer Stadt zur Gesundheitserhaltung oder zu Genesung beiträgt, beantwortet er beinahe überschwänglich positiv. Dabei ist die Pro-Liste für die gute Wirkung der Stadt schier unendlich: das Klima ist gut, die Natur „gütigst“, der Klee blüht, die Pflanzen versprühen einen „balsamischen Duft“.

Gemüse, Gärten und gute Winde bringen Erfurt nach vorn

Einer der glücklichsten Umstände für die Blumenstadt ist vor allem der Wind. Der weht nämlich so günstig durch die Stadt – nämlich von Nord und West, statt von Ost und Süd – dass alle „schädlichen Ausdünstungen“ gut über die Hauptstraßen weggeweht werden. Auch erfreut sich Erfurt eines „heiteren Himmels“, die Straßen sind „nicht zu eng“ und es gibt keine giftigen Tiere, die den Bürgern gefährlich werden könnten.
Auch die fischreiche Gera und die satten Felder und Gärten tragen ihren Teil zum Wohlsein der Erfurter bei: „Zwar zwingt die unterschiedliche Lebensweise der Bürger sehr viele, ihre Arbeit sitzend zu verrichten, [...] doch bieten die überaus angenehmen Gärten, Felder, Wiesen, der Wald Gelegenheit, sich zu ergehen und durch Umhergehen den Körper zu bewegen und überall die Gesundheit der Luft zu genießen“, wie der Mediziner damals analysierte.
Weinanbau, gute Fruchtbarkeit und Drachensteigen

Die Gemüsevielfalt, die Drei-Brunnen-Gärten und die gesunde Brunnenkresse werden ebenso ausführlich erwähnt. Die wechselhafte Geschichte des Weinanbaus, die vielen Brauereien in der Stadt, die Fruchtbarkeit der Erfurterinnen und die Arbeitskraft der jungen und alten Erfurter fördern die akademische Bewertung, in der Erfurt als sehr gesundheitsförderliche Gegend präsentiert wird.
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Neben dem Erholungseffekt und der Luftqualität kommen aber auch andere ungeahnte Spezialitäten der Stadt in dem neuen Buch zu Aufmerksamkeit: Unter anderem, dass die so gesundheitsförderlichen Winde Erfurt auch zu einem guten Ort zum Drachensteigen gemacht haben.
Kai Brodersen, „Erfurt und seine Umwelt im 18. Jahrhundert. Drei lateinische Dissertationen“, Zweisprachige Ausgabe in 180 Seiten, Speyer 2026.







