Der wummernde Glockenschlag, einst Markenzeichen der Uhr am Anger, ist – wie schnell doch die Zeit vergeht – schon seit Jahren verstummt. Eine Überspannung hatte im Februar 2019 die komplette Uhr außer Gefecht gesetzt. Damals zeigte sie für vier Wochen die falsche Zeit, war kurz vor 6 Uhr stehen geblieben. Für den Zeitanzeiger wurden letztlich die notwendigen Ersatzteile beschafft, doch der Gong blieb seither stumm. Nun gibt es Hoffnung auf eine Rückkehr.

Erinnerung an Gong noch einmal erwacht

Der Glockenschlag, der nicht nur das Blech des eigenen Uhrenkastens zum Vibrieren bringt, ist schlichtweg an verantwortlicher Stelle ein Opfer des Vergessens. 2023, als der Uhr mittels Ersatzteilen erneut der richtige Takt beigebracht werden musste, war die Erinnerung an den Gong noch einmal erwacht. Das war auch der Zeitpunkt, an dem die Idee erneut aufkam, es auch wieder gongen zu lassen – über diesem beliebten Ort für Verabredungen in der Innenstadt und die Pünktlichkeit der Verabredung quasi immer im Blick.

Die komplette Verstärkeranlage sei defekt, außerdem sei ein Kabel herausgerissen, wussten die beauftragten Handwerker schon 2023 zu berichten. Eine Reparatur werde wohl nichts werden, „Bastelkram“ sei vor Jahren zum Einsatz gekommen. Ein erster Kostenvoranschlag liege für einen Ersatz bereits vor – von mehr als 2000 Euro war damals die Rede. „Hauptsache ist doch erst mal, dass die Uhr wieder geht“, hieß es damals. Der Westminster-Gong müsse noch ein wenig warten.

Aus kurzer Wartezeit wurden Jahre

Dabei lagen die Handwerker doppelt daneben: Aus dem „wenig warten“ wurden Jahre. Und verstummt war zuletzt ein ganz anderer Klang. Die Vorgängeruhr, nach dem Juwelier Freitag benannt, holte noch ein Stück England nach Erfurt und ließ den Westminster-Gong erklingen. Die Uhr war nach der Wende ins Stadtmuseum gegeben worden. Das Schlagwerk aber landete bei einem Erben der Familie Freytag in München: In dessen Wohnzimmer soll es später geklungen haben, als stünde man neben Big Ben in London – oder eben auf dem Erfurter Anger.

Angeruhr
Unter der Uhr am Anger treffen sich viele zu Verabredungen. © Funke Medien Thüringen | Frank Karmeyer

Ein ehemaliger Erfurter, der damals in Berlin lebte, soll sich daraufhin um einen Ersatz bemüht und für den neuen Glockenklang aus dem Blechkasten gesorgt haben, der vier Meter hoch über dem Anger hängt. Damit war seither der Ton der Berliner Freiheitsglocke aus dem Schöneberger Rathaus zu hören. Aus vier Lautsprechern, digital aufgezeichnet und zwischen 6 und 22 Uhr jeweils zur vollen Stunde zu hören.

Die Berliner Freiheitsglocke hängt im Turm des Rathauses Schöneberg. Sie ist ein Geschenk der US-amerikanischen Bevölkerung aus dem Jahr 1950, angelehnt an die amerikanische Liberty Bell. Jeden Tag um 12 Uhr mittags erinnert ihr Läuten an den Wert von Freiheit und Demokratie.

Hat den Gong tatsächlich niemand vermisst?

„Wir sollten den Gong wieder anstellen“, meint Arne Ott vom Amt für Gebäudemanagement, der bei der Reparatur zugegen war. Dafür erntete er viel Zustimmung unter den Handwerkern und Passanten. Vermisst aber haben den Ton in der Zwischenzeit wohl nur wenige: „Die Sache mit dem Gong ist tatsächlich im laufenden Tagesgeschäft aus dem Blick geraten“, sagt Ott auf aktuelle Nachfrage.

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„Seinerzeit sollte uns eine Fachfirma ein Angebot für die Instandsetzung beziehungsweise Wiederherstellung des Gongs unterbreiten. Dieses Angebot ist allerdings nicht eingegangen und wurde anschließend auch von unserer Seite nicht noch einmal nachverfolgt“, so Ott. „Offenbar bestand in der Zwischenzeit aber auch kein größerer Leidensdruck – jedenfalls haben uns nach Auskunft der Kollegen keine weiteren Nachfragen oder Hinweise zum fehlenden Gong erreicht. So ist das Thema über die Zeit schlicht etwas in den Hintergrund gerückt.“

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Die Nachfrage dazu hat die alte Geschichte wieder ein Stück in Bewegung gebracht: „Wir haben die Sache nun wieder aufgegriffen und bei der Firma nachgehakt. Dort war die Angebotserstellung ebenfalls aus dem Blick geraten. Das Angebot soll uns nun zeitnah vorgelegt werden“, kündigt der Chef des städtischen Gebäudemanagements an. Sobald das vorliegt, werde geprüft, mit welchem Aufwand und welchen Kosten eine Wiederherstellung des Gongs verbunden wäre – und wie generell damit weiter verfahren werden soll.