Ob mit 30, mit 60 oder 90 Jahren, Fotos von Karl-Friedrich, kurz „Karli“, Naue zeigen ihn fast ausschließlich vor dem Klavier oder in seinem Zuhause, der Heiligen Mühle in Erfurt Ilversgehofen. „Das war sein Leben“, sagt Christa Grahms. Worauf sie sich als seine Partnerin vor 38 Jahren einließ, war von Anfang an klar: „Ich habe in einem Buchhandel am Anger gearbeitet und Karli immer Zeitschriften ins Fach gelegt, die man nur schwer bekam“, erzählt Christa Grahms. Vor allem die DDR-Musikzeitschrift „Melodie & Rhythmus“ habe ihn interessiert, gelegentlich auch Fachzeitschriften über Heiztechnik. Was sein Beruf war, was lebenslang Hobby blieb, stand damals längst fest.

Früher schrieb Karli Naue eigene Stücke

Die Schulzeit hatte Karli Naue rund vierzig Jahre zuvor am Heinrich-Mann-Gymnasium, damals „Zur Himmelspforte“, mit dem Abitur abgeschlossen. Auf dem Akkordeon hatte er mit fünf Jahren Musik für sich entdeckt und gründete 1952 die Tanzkapelle „Karli Naue Sextett“.

Karli Naue Nachruf
Karli Naues langjährige Partnerin, Christa Grahms, und Sohn Jürgen Naue erinnern sich an viele Anekdoten der vergangenen Jahrzehnte.© Funke Medien Thüringen | Jade Pannier

Neben dem Einsatz am Keyboard schrieb Karli Naue dafür auch eigene Stücke. „Dafür hat er sich neben Vögel gesetzt und ihre Melodien abgehört“, sagt Christa Grahms. Besonders von Amseln, ergänzt Jürgen Naue, Sohn von Karli Naue und seiner jung verstorbenen ersten Ehefrau. Höhepunkte des “Karli Naue Sextetts“ waren zwei Titel auf einer Platte der Firma „Amiga“, die in Weimar aufgenommen und wie viele weitere Kompositionen im Rundfunk gespielt wurden. Der Titel als beste Amateurband der DDR in den Jahren 1957 und 1959 öffnete Türen zu weitaus größeren Bühnen.

Konzerte in Erfurts Tanzlokalen

„Wäre er nicht krank geworden in Moskau, wären sie vielleicht noch weiter gekommen“, sagt Jürgen Naue. Eine Lungenkrankheit machte Karli Naue damals einen Strich durch die Rechnung. Fortan spielte er sich mit verschiedenen Bands durch die etablierten und nischigen Erfurter Venues. „In allen Orten, wo getanzt wurde, auch mal im Kaisersaal“, sagt sein Sohn.

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Beim letzten Konzert anlässlich der Erfurter Denkmaltage vor einem Jahr war der heute 63-Jährige gemeinsam mit ihm aufgetreten. Gespielt wurde auf dem Gelände der Heiligen Mühle, das seit 1839 im Besitz der Familie ist. Während es heute durch musikalische Veranstaltungen und Führungen zugänglich ist, war die Kulisse zu Karli Naues Kindheit noch eine völlig andere.

Karli Naue Nachruf
Das Bild stammt wohl aus den 60ern, sagen die Angehörigen. Oftmals habe Karli Naue ein Stück gehört und für seine Bandmitglieder alle Noten aus dem Kopf aufgeschrieben.© Familie Naue | Familie Naue

„Die Mühle interessierte hier keinen, stattdessen war hier ein Heizungsbetrieb“, erzählt Jürgen Naue. Er beschäftigte bis zu 150 Mitarbeiter und gab Karli Naue den Impuls für seinen Beruf. Nach der prägenden Kindheit zwischen Krieg und Kurfahrten seiner Mutter nach Bad Wiessee begann er eine Lehre zum Heizungstechniker. Ein anschließendes Diplomstudium in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, machte ihn zum Ingenieur.

Schicksalsschläge machten ihn zum Firmenleiter

„Es war mehr ein Fernstudium, er war die meiste Zeit hier und half seiner Mutter“, sagt Christa Grahms. Nach dem frühen Tod des Vaters hatte sie den Betrieb auf dem Gelände geleitet. Als auch sie starb, ging die Kessel- und Zentralheizungsfirma, die sein Vater 1895 gegründet hatte, an den damals 22-jährigen Karli Naue über.

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In der DDR wurde sie verstaatlicht und ging 1996 Konkurs – zeitgleich mit Karli Naues Pension. Die Heilige Mühle, deren Betrieb 1956 eingestellt worden war, blieb hingegen durchgehend Privatbesitz. „Die sogenannten Funktionäre wollten in der DDR hier Lagerhallen bauen“, berichtet Jürgen Naue. Glücklicherweise hatte sein Vater sich durchgesetzt. Unüblich für diese Zeit steht das Objekt deswegen bereits seit 1986 unter Denkmalschutz. Mit Geldern des Denkmalsamts und aus den Veranstaltungen nahm die Sanierung durch Karli und Jürgen Naue in den späten 90er Jahren Fahrt auf.

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Sie beinhaltete unter anderem den Neubau vieler Einzelteile und die Rekonstruktion der Fassaden. Fotos im Besucherbereich zeigen den Prozess. Vater und Sohn blitzen überall hervor. „Wir haben es jetzt einmal durchgeschafft“, sagt Jürgen Naue. Nach wie vor pendle er fast täglich aus der Innenstadt zum Gelände in der Mittelhäuserstraße 16. Für ihr mehr als 20-jähriges Engagement wurde die Familie unter anderem 2018 mit dem Thüringer Denkmalschutzpreis ausgezeichnet. Stolz und die Verbundenheit mit dem Ort zeichneten auch Karli Naues letzten Atemzüge: Nicht im Krankenhaus wollte er sterben, sondern auf dem Mühlengelände, sagt Christa Grahms.

Am ehesten war er „Virtuose“

Am Dienstag, 8. September, war der Tag gekommen. Karli Naue wurde 93 Jahre alt und wird auf dem Erfurter Hauptfriedhof begraben. Ein Abschied bietet eine Gedenkfeier mit seiner Lieblingsmusik aus den 60er und 70er Jahren, natürlich in der Heiligen Mühle. Auch ohne Auftritte habe Karli Naue, solange es noch ging, hier fast täglich Klavier gespielt. Mehr Jazzkomponist als Rocker, am ehesten „Virtuose“, sei er dabei zeitlebens mit äußerster Ernsthaftigkeit vorgegangen.

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„Jede Note musste sitzen, alles musste stimmen“, beschreibt sein Sohn. Auf diese Weise habe er ein absolutes Gehör ausgebildet. Jürgen Naue widmet sich seit seiner Pensionierung der eigenen Musikalität. Bei seinem Sohn sei die Leidenschaft hingegen wie beim Großvater von Kind auf durchgebrochen. Karli Naue hinterlässt weitere Enkel und Urenkel.