„Jena ist eine dynamische Stadt, die sich immer verändert, das gehört dazu“, sagt Stadthistorikerin Jenny Price. Viele Bewohner hängen an den Bauwerken, die ihre Lebenswelt bestücken und ihre Heimat ausmachen. Bauwerke, die im Laufe der Zeit verschwunden sind, leben in ihren Erinnerungen weiter. „Bis 1992 gab es zum Beispiel noch die Debatte, den Uniturm wieder abzureißen, um den früheren Eichplatz wiederherzustellen“, sagt Johannes Schleußner (SPD), Kulturdezernent der Stadt.

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Andere Geschichten einstiger Bauten sind hingegen fast vergessen. Ihr wissenschaftliches und kulturelles Erbe prägt Jena bis heute. Beispiele sind das einstige Hauptwerk der Firma Zeiss, das alte Romantikerhaus oder das Jenaer Kloster. Ihre und die Spuren weiterer verschwundener Bauwerke lassen sich am „Tag der Stadtgeschichte“ erkunden. 20 Programmpunkte sind dafür am Samstag, 14. März, angekündigt. Alle Veranstaltungen sind kostenfrei und ohne Anmeldung zugänglich.

Verschwundene Orte der klassischen Wissenschaften

Alte Universitätsbibliothek Jena
Im Jahr 1945 wurde die alte Stadtbibliothek in Jenas Zentrum bei einem Bombenangriff irreparabel zerstört. © Stadtmuseum Jena | Stadtmuseum Jena

Startschuss ist um 10.30 Uhr in der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB) mit einer Begrüßung von den Veranstaltern. „Die Uni-Bibliothek ist selbst ein wichtiger historischer Standort, bis 1945 stand hier die alte Bibliothek“, sagt die Stadthistorikerin. Im Anschluss reihen sich in der ThULB Vorträge und Diskussionen zu vier großen Themenblöcken: Verschwundene Orte der klassischen Wissenschaften, Bilder des Stadtwandels, NS-Erinnungsräume sowie Abriss und Umnutzung. „Es ist eine Mischung aus einem zentralen und einem dezentralen Konzept“, sagt Price.

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Auf den Führungen und Workshops können Neugierige der Stadtgeschichte auf den Grund gehen. Von 14 bis 17 Uhr haben Kinder, Erwachsene und Senioren in der Künstlerischen Abendschule (Sophienstraße 18), beim „Erzähl-Mal-Café“ die Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen.

11 Uhr: „Sternwarte im Schillerschen Garten“

Orte für astronomische Beobachtungen in Jena sind seit Erhard Weigels Berufung 1653 bekannt. Doch, dass die heutige Sternwarte eine Vorgängerin hatte, wissen nicht mehr viele. Der Beobachtungsturm auf dem Torgebäude des Collegium Jenense stand fast 100 Jahre, bis er Ende des 18. Jahrhunderts baufällig wurde. Als neuer Platz ist „ein Ort vor den Toren der Stadt auf einem kleinen Hügel gelegen“ erwählt worden: Der ehemalige Schillersche Garten.

Sternwarte am Schillerhaus Jena historisch
Ein Modell zeigt die Sternwarte am Schillerhaus in ihrer ursprünglichen Version. © Schielicke | Schielicke

Die Sternwarte wurde als Anbau an das Gartenhaus aufgeführt und unter den Direktoren Karl Dietrich von Münchow, Friedrich Posselt und Ludwig Schrön bis 1875 betrieben. Ernst Abbe hat das Haus als sein Wohnhaus mit dem Sternwartenanbau erneuern und erweitern lassen. Nach dem Bau des neuen Sternwartengebäudes im Süden des Gartens folgte der Abriss des alten Anbaus. Warum das ursprüngliche Bauwerk bis heute fasziniert, erzählt Reinhard E. Schielicke vom Astrophysikalisches Institut und Universitäts-Sternwarte Jena ab 11 Uhr in der ThULB.

Verschwundene Anlagen der Jenaer Straßenbahn

Wie das Stadtleben der Jenaer Bevölkerung von der Straßenbahn abhängt, machte der dreitägige ÖPNV-Streik in dieser Woche einigen bewusst. Auf der Führung von Konrad Spath ab 12.30 Uhr können Teilnehmer die historische Dimension des Jenaer Nahverkehrs ergründen. Sie beginnt im Jahr 1898 mit dem Angebot der Berliner Bank an die Stadt zum Bau eines E-Werkes und einer Straßenbahn. Am 6. April 1901 ging die erste Linie in Betrieb.

Jena Straßenbahn Papiermühle
Historische Aufnahme der Jenaer Straßenbahn an der Haltestelle Papiermühle. © Klaus Reichenbach | Klaus Reichenbach

In der Folgezeit haben Umbauten, Stilllegungen und Erweiterungen das Netz bereits in den ersten Jahrzehnten verändert. So wuchs das Netz auf 20,3 km Länge, um dann seit 1963 auf knapp 12 km zu schrumpfen. Aus der historischen Innenstadt verschwand die Bahn bereits nach 8 Jahren, der Holzmarkt wurde zentraler Nahverkehrsknoten. Treffpunkt für die Führung ist der Teichgraben. Von da folgen die Teilnehmer der Straßenbahnlinie bis zur Papiermühle, kehren in die Innenstadt zurück und betrachten die Bahnhöfe.

Ausklang und Austausch ab 17 Uhr

Zum Abschluss des Tags der Stadtgeschichte wollen die Veranstalter in der ThULB mit einem Stadtgespräch noch einmal zum Nachdenken anregen. Unter dem Titel „Wie erinnern wir uns an das verschwundene Jena?“ werden dafür zahlreiche Experten aus den verschiedenen Veranstaltungen gemeinsam auf die Bühne gehen. „Was ist sichtbar in unserer Stadt und was nicht – was macht das mit Geschichte?“, sagt Jenny Price, die das Gespräch moderieren wird.

Stadttor Neutor Jena historisch
Der Nachbau des früheren Neutors in Jena.© Häcker | Häcker

Die Veranstalter der Stadt und von JenaKultur freuen sich über die Menge an Rückmeldungen von Jenaer Instituten, Vereinen, wissenschaftlichen Akteuren, die das umfangreichste Programm seit dem ersten Tag der Stadtgeschichte im Jahr 2009 ermöglicht haben. Ihnen biete der Thementag ebenfalls Raum für Vernetzung und Austausch.

Das ganze Programm zum Tag der Stadtgeschichte in Jena findet sich auf der Webseite von Jenakultur unter https://www.jenakultur.de/de/1043274.