Es gibt Sätze, die man sich zu spät sagt. Einer davon lautet: Ich hätte ihn noch besuchen sollen, den Kollegen Michael Groß.

Den Kollegen Michael Groß, der 2020 nach fast 42 Jahren als Redakteur der Jenaer Tageszeitung in den Ruhestand ging. Damals verabschiedete er sich zwar aus der Redaktion am Holzmarkt, doch Stift, Notizblock und Kamera legte er nie ganz aus der Hand. Als freier Mitarbeiter blieb er der Zeitung verbunden – und vor allem den Menschen dieser Stadt. Das zeigt, wie sehr ihm Jena ans Herz gewachsen war.

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Dabei war er kein gebürtiger Jenaer. Am 2. Januar 1957 in Meiningen geboren und in Wasungen aufgewachsen, kam er als Fünfjähriger nach Jena. Er besuchte die Grete-Unrein-Schule, lernte Schriftsetzer in der Druckerei Magnus Poser, holte sein Abitur an der Abendschule nach und studierte Journalismus im Fernstudium in Leipzig. 1978 begann seine Laufbahn bei der „Volkswacht“, später berichtete er für die Ostthüringer Nachrichten und die Ostthüringer Zeitung. Über vier Jahrzehnte grub er sich journalistisch in diese Stadt ein – bis er sie besser kannte als so mancher gebürtige Jenaer.

Seine eigentlichen Geschichten waren die der Menschen

Er berichtete über den politischen Herbst 1989, über die turbulenten Jahre nach der Wende und über den Aufstieg Jenas zu einer der dynamischsten Städte Thüringens. Doch seine eigentlichen Geschichten waren die der Menschen. Er gab vielen eine Stimme: Ehrenamtlichen in den Stadtteilen, den Mitgliedern der Fuchsturm- und Lobdeburgvereine, den Sailing Kids, den Schauspielern des Theaterhauses oder den Unterstützern der Elterninitiative für krebskranke Kinder. Ihn interessierten selten die Lautesten. Er schrieb über diejenigen, die im Hintergrund Großes leisten.

Viele Leser wandten sich mit ihren Sorgen an ihn, weil sie wussten: Ein Bericht konnte etwas bewegen. Er verstand Journalismus nie als Selbstzweck, sondern als Möglichkeit, Menschen zu helfen und einer Stadt ein Gesicht zu geben.

Zwei Leidenschaften begleiteten ihn: das Reisen und die Musik. Gemeinsam mit seiner Frau Gabriele Meister-Groß, die er 1991 in der Redaktion kennenlernte und die er 2006 heiratete, entdeckte er nach der Wende die Welt. Die beiden nutzten jede freie Zeit, um fremde Länder und Kulturen kennenzulernen – von Kanada bis Chile, von Namibia bis Tansania, von Vietnam bis Jordanien.

Den Beatles blieb er zeitlebens verbunden

Und natürlich die Liebe zur Musik. Schon zu DDR-Zeiten trug er eine beachtliche Schallplattensammlung zusammen; viele der begehrten Scheiben brachte er von Reisen nach Ungarn mit. Den Beatles blieb er zeitlebens verbunden. Einer seiner glücklichsten Momente war eine Reise im Jahr 2021 auf den Spuren der Band durch England.

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Er engagierte sich für die Philharmonische Gesellschaft Jena, deren Vorsitz er nach seinem Eintritt in den Ruhestand übernahm. Außerdem arbeitete er seit der Gründung im Vorstand der Kinderhilfestiftung Jena mit.

Michael Groß war ein leiser Mensch. Keiner, der sich selbst in den Mittelpunkt stellte. Vielleicht machte ihn genau das zu einem so guten Reporter. Er hörte zu, fragte nach und begegnete den Menschen mit Respekt und echter Neugier. Im hektischen Redaktionsalltag war er ein Ruhepol. Und unschlagbar waren sein trockener Humor und sein verschmitztes Lachen.

Michael Groß starb am 7. Juli. Er wurde 69 Jahre alt.