Es war ein stiller Nachmittag in Mühlhausen und doch einer, der sich in manchen Köpfen festsetzen dürfte. Nicht, weil große Institutionen zum Holocaust-Gedenktag eingeladen hatten, sondern weil eine Enkelin erzählte und weil ein Lied erklang, das nicht erfunden war, sondern geerbt.

Täglich
Der Newsletter für Unstrut-Hainich
Alle wichtigen Informationen aus dem Unstrut-Hainich-Kreis, egal ob Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur oder gesellschaftliches Leben.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Im Zentrum der Gedenkveranstaltung stand am Dienstagnachmittag die Mühlhäuser Schülerin Kenisha-Cheyenne Weiß, die gemeinsam mit ihrer Mitschülerin Maja Schmidt und einem weiteren Schüler ihre Seminarfacharbeit über die Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus geschrieben hat. Für sie war das Thema nicht nur Recherchesache, sondern Familiengeschichte. Ihr Großvater überlebte als Kind mehrere Konzentrationslager.
Vergessenes Leid der Sinti und Roma rückt ins Bewusstsein
„Als Kind wusste ich nur, dass er wollte, dass ich Musik mache“, erzählt Weiß. „Erst später habe ich verstanden, warum in unserer Familie einiges nicht ausgesprochen wurde und dass ich nur hier stehe, weil er überlebt hat“, schildert sie weiter.
Mit der Seminararbeit begann sie, sich nicht nur an diese Geschichte zu erinnern, sondern sie einzuordnen. Sie stieß auf Lücken in Büchern, auf Schweigen in Erzählungen und auf eine Opfergruppe, über die in der deutschen Erinnerungskultur lange kaum gesprochen wurde. „Wir wollten zeigen, dass Sinti und Roma Teil dieser Geschichte sind und dass sie dazugehört, auch hier bei uns“, sagt sie.
Ein Lied entstand aus all dem. Der erste Teil handelt von dem Großvater Georg Weiß, der ihr die Musik schenkte. Der zweite spricht das aus, was die Familie nie laut sagte. „Es ist kein Trauerlied“, meint die Schülerin, „es geht um Stärke und darum, dass er weitergelebt hat.“ Sie will es „so lange singen, wie Menschen zuhören“.
Zeitzeuge berichtet im Video von den Schrecken in Auschwitz
Unterstützt wurde die Gedenkveranstaltung von den Omas gegen Rechts aus Mühlhausen und Bad Langensalza. Sie erinnerten in ihren Redebeiträgen daran, dass die Verfolgung von Sinti und Roma auch hier im Unstrut-Hainich-Kreis Spuren hinterlassen hat.
Besonders prägend für Weiß war jedoch etwas ganz anderes: ein Video aus dem Jahr 2001, aufgenommen von einer Mühlhäuser Schulklasse. Dort erzählt ihr Großvater selbst von Hunger, Angst und Zwangsarbeit. „In Auschwitz habe ich meine jüngste Schwester verloren“, sagt er darin. „Die hat man, wie sie auf die Welt gekommen ist, von meiner Mutter weggerissen und hat sie aus dem Fenster geschmissen“, berichtet er weiter.
Auch interessant
Auch interessant
Auch interessant
Für Weiß war genau das der Grund, warum sie all das nicht nur recherchiert, sondern öffentlich erzählt hat. „Die Zeitzeugen werden immer weniger“, sagt sie, „und es ist unsere Verantwortung, ihre Geschichte weiterzutragen.“







