Jessica Lindner-Elsner ist promovierte Historikerin. Seit 2022 arbeitet sie als Leiterin des Archivs der Stiftung Automobile Welt Eisenach und ist seit diesem Jahr wissenschaftliche Leiterin des Museums Automobile Welt Eisenach. Ob Jessica Lindner-Elsner gern mal am Steuer eines Loreley gesessen hätte und wie sie das Arnstädter Unternehmen Ley einschätzt, verrät die 35-Jährige, die privat ein Familien-Van der Marke Citroën fährt, im Interview.
Der Loreley war ein wendiger Wagen mit vier oder sechs Zylindern und wurde von Ley in Arnstadt hergestellt. Der technikbegeisterte russische Komponist Sergej Rachmaninow soll einen Loreley besessen haben – wäre das auch ein Wagen für Sie gewesen?
Hätte ich in der damaligen Zeit schon einen Kraftwagen führen können – also rein technisch – wäre der Loreley sicherlich eine Option gewesen. Der Begriff Kraftwagen kommt ja nicht von ungefähr, denn die Bedienung eines solchen Fahrzeuges erforderte nicht nur technisches Verständnis, sondern auch entsprechende Kraft, um das Fahrzeug zu bewegen.
Wann startete in Deutschland die Automobil-Produktion?
Der Automobilbau in Deutschland hat nunmehr eine über 125-jährige Tradition. Carl Benz (1885) und Gottlieb Daimler (1886) produzierten im Deutschen Reich die ersten motorgetriebenen, kutschenähnlichen und selbstfahrende Wagen. Im Jahr 1907 existierten im Deutschen Reich schon über 50 Automobilfabriken, die in kleinen Betrieben manufakturähnlich Fahrzeuge in Kleinserien herstellten. Sie waren jedoch teuer und konnten deswegen nur von einem wohlhabenderen Personenkreis oder Organisationen, Behörden oder Fabriken erworben werden.
Wann nahm die Automobilproduktion in Deutschland Fahrt auf?
Zu einer kleinstaatenübergreifenden Etablierung einer Automobilindustrie kam es erst zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Jahr 1909 produzierten die nunmehr schon 121 Automobilfabriken knapp 6700 Fahrzeuge. Diese Entwicklung wurde mit dem Ersten Weltkrieg und anschließenden Wirtschaftskrisen ausgebremst. Viele Standorte konnten den Anforderungen nicht standhalten.
Wie sah es in Thüringen aus?
Auch in Thüringen gab es viele kleinere und größere Automobilhersteller – einer von ihnen war die Firma Ley in Arnstadt. Zunächst lag der Produktionsschwerpunkt jedoch auf Nähmaschinen und später Schuhmaschinen. Erst als der Firmengründer verstarb und die vier Söhne die Leitung des Betriebes übernahmen, wurde auch eine Abteilung für den Automobilbau geschaffen.

Wann startete die Firma Ley mit den Automobilen durch?
Der erste Ley-Wagen wurde ab 1906 serienmäßig produziert. Als erste deutsche Automobilfirma konstruierten die Arnstädter ein mit dem Getriebe verblockten Sechs-Zylinder-Motor. Die Loreley-Automobile wurden in verschiedenen Varianten und Motorleistungen hergestellt und sicherten als größtem Arbeitgeber der Stadt Arnstadt im Jahr 1912 bereits über 1000 Mitarbeitern den Verdienst. Die Fahrzeuge kamen auch im Ausland sehr gut an – der Export reichte von Russland, über Brasilien bis nach Japan und Australien.
War Ley eine besondere Firma oder nur eine von vielen in Deutschland?
Der Erste Weltkrieg bescherte, wie auch anderen Firmen im Automobilsektor, volle Auftragsbücher, denn der Hauptbetrieb richtete sich nun nicht mehr auf zivile Kraftwagen, sondern Rüstungsgüter. Nach dem Ende des Krieges gelang es der Firma Ley, trotz schwieriger wirtschaftlicher Verhältnisse, an die Vorkriegsproduktion anzuknüpfen, da die Fahrzeuge, nun mit dem Namen Ley ab 1918, immer noch sehr gefragt waren. Das macht das Unternehmen meines Erachtens besonders. Andere Automobilhersteller, beispielsweise in Eisenach, hatten zum Beginn der 1920er Jahre erhebliche Schwierigkeiten. In Arnstadt entschloss man sich dann, sich auf den Schnelllastwagenbau zu konzentrieren.
Und dann kam die Wirtschaftskrise …
Ja, letztlich ereilte die Wirtschaftskrise die Firma auch, wenn auch mit längerem Verzug. Bis zur Produktionseinstellung von Automobilen hatte man jedoch nichts unversucht gelassen, den Betrieb aufrecht zu halten. Bis nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden in Arnstadt bei Ley noch Ersatzteile, Schuhmaschinen und Elektrotechnik hergestellt. Das zeigt, wie flexibel damals auf geänderte Rahmenbedingungen reagiert wurde – heute kaum mehr vorstellbar.


