Auf die Stille folgte die Weite, auf die Weite das Offene – und nun der Riss. Wer Martin Kohlstedts Diskografie kennt, weiß: Die Titel sind kein Zufall. Flur, Feld, Kluft, um nur die neusten drei zu nennen – das ist keine bloße Plattenreihe, sind keine simplen Naturmotive. Sie stellen eine Bewegung dar, durch klangliche Landschaften, vor allem aber durch Zeiten und durch innere Verfassungen. Am Freitag erscheint das neue Album des im Eichsfeld geborenen und in Weimar wohnhaften Pianisten und Klangkünstlers.
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Eine Kluft trennt, reißt auseinander, schafft Abstand. Und genau darin liegt ihr eigentlicher Kern: ein Zwischenraum. „Nicht mehr das Alte sein, noch nicht das Neue“ – so beschreibt Martin Kohlstedt selbst den Titel. „Dieser Raum dazwischen ist mit keiner Vokabel darzustellen“, sagt Martin Kohlstedt. Die Musik fängt ihn ein.
„Leider ja“: Martin Kohlstedt und die Gesellschaft
Damit ist Kluft das Album, auf dem sich Martin Kohlstedt am weitesten von seinem Kern entfernt hat – und ihn gleichzeitig am deutlichsten konturiert. Der Kern, das ist das Piano. Das ist die Vergangenheit. Nun bekommt „der Zweifel Selbstbewusstsein und übernimmt den Buslenker“ – und setzt sich vor die Liebe und die Sehnsucht, die sein bisheriges Schaffen maßgeblich motivisch bestimmt haben. Eine zunächst ungewohnte Erfahrung – aber am Ende, sagt Martin Kohlstedt, ein guter Freund.

Was daraus entstanden ist, nennt er eine emanzipative Heldenreise. „Ein Versuch der Deutung, was davor war und was ich danach sein werde.“ Kein triumphaler Durchmarsch, eher ein Tasten. Und der Versuch ist nicht nur persönlich – er ist auch zeitgebunden. Martin Kohlstedt beschreibt sich als Sehnsuchtskind der 90er, aufgewachsen mit dem Gefühl, dass die Dinge ineinandergreifen, dass Aufbruch möglich ist. Heute hingegen: Verwirrung, Kurzzeitdenken, wenig Verlass. Auf die Frage, ob Kluft damit auch eine gesellschaftspolitische Geschichte erzähle, antwortet er knapp: „Leider ja.“ Klarkommen. Das sei das Wort.
Wie die „Kluft“ festgehalten wurde
Entstanden sind die zwölf Songs des neuen Albums – in gewohnter Manier im kryptischen Drei-Buchstaben-Code betitelt – im Jahr 2023. Bis Ende 2025 wurden sie reflektiert, weiterentwickelt und schließlich festgehalten. Für Martin Kohlstedt war 2023 ein Jahr, in dem vieles kulminierte. „Ich kann nicht sagen, ob diese Kluft eine riesige Midlife-Crisis ist oder eine Form von Enge, in der ich mir eine Burg schaffen musste, um ihr zu entgehen.“ In diesem Schutzraum habe er komponiert – in alle Himmelsrichtungen, wie er sagt.
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Aufgenommen wurde Kluft an drei Orten: vor allem zu Hause in Weimar, sowie in Studios in Berlin und Köln. Erscheinen soll das Album auf allen Streaming-Plattformen, als CD und auf Vinyl, darunter eine limitierte Glow-in-the-Dark-Edition – die Platte leuchtet im Dunkeln. „Die Kluft soll dich auch nachts daran erinnern, dass sie nicht weggeht“, sagt Kohlstedt, schmunzelt und wird wieder ernst: „Es ist ein Mahnmal. Auch für mich.“

Eine Kluft will schließlich überwunden werden. Das letzte Stück des Albums, „MEM“, klingt wie ein erster Schritt genau dorthin: organisch, verwurzelt, beinahe gewohnt. Ein Ausblick auf das, was nach der Kluft kommen kann. Die Liebe soll nachrücken, kündigt Martin Kohlstedt an. Diesen Bogen zeichnet er auch live. Den Sommer über ist er auf Festivals zu erleben, den krönenden Abschluss bildet der 22. August auf der Landesgartenschau im Eichsfeld – seiner Heimat – erneut mit drei Schlagzeugern, wie vergangenes Jahr auf der Weimarer Seebühne.
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Ab November folgt die Einkehr: Eine Indoor-Tour durch Europa führt ihn durch die großen Häuser – Gewandhaus Leipzig, Admiralspalast Berlin. In Thüringen steht auch Jena auf dem Plan (8. November/Volkshaus). Intimer, leiser soll es dann werden. Einmal mehr die neuen Stücke in den Diskurs stellen und mit Altem, Neuem und dem Publikum diskutieren. Anders, so sagt er, geht es nicht.





