Neandertaler im LVR-LandesMuseum Bonn
Eine Nachbildung des Neandertalers im LVR-Landesmuseum Bonn. Das Aussterben des menschlichen Verwandten gibt noch heute Rätsel auf.© picture alliance/dpa | Oliver Berg
  • Zähne können viele Geheimnisse bewahren, sogar solche aus Millionen Jahre vergangener Zeit
  • Nun stellen Forscher fest: Ein Gift könnte das Aussterben des Neandertalers begünstigt haben
  • Was steckt wirklich dahinter? Erfahren Sie hier mehr über die neuen Erkenntnisse

Ein schleichendes Gift könnte eine Rolle beim Aussterben des Neandertalers gespielt haben. Darauf deuten aktuelle Analysen fossiler Zahnproben aus einem Zeitraum von vor etwa zwei Millionen Jahren hin. Wissenschaftler vermuten, dass eine bestimmte Genvariante des Neandertalers seine Anfälligkeit gegenüber diesem Gift erhöhte und somit zu seinem evolutionären Nachteil beitrug.

Schwermetall mit historischen Einflüssen auf die Gesundheit

Das Schwermetall Blei hat einen erheblichen Einfluss auf die menschliche Gesundheit. Bereits in der Antike erkannten Menschen den Zusammenhang zwischen der Verwendung von Blei in Wasserleitungen, Gefäßen und kosmetischen Produkten sowie dem Auftreten gesundheitlicher Beschwerden. Während der industriellen Revolution kam es erneut zu einem deutlichen Anstieg von Bleivergiftungen, insbesondere bei Personen, die in der Verarbeitung des Metalls beschäftigt waren.

Die weit verbreitete Annahme, eine Bleikontamination sei ein Phänomen der modernen Zeit, gilt heute als widerlegt. Forscher konnten nachweisen, dass der Einfluss von Blei auf die Gesundheit weit in die Vergangenheit zurückreicht. Doch wie früh begann diese Belastung tatsächlich – und welche Auswirkungen hatte sie auf frühere Populationen?

Fossile Zähne liefern überraschende Ergebnisse

Ein Forschungsteam um Renaud Joannes Boyau von der Southern Cross University in Australien untersuchte in diesem Zusammenhang 51 fossile Hominidenzähne aus einem Zeitraum von vor rund zwei Millionen Jahren auf Spuren einer Bleibelastung. Die Proben stammten von verschiedenen Arten, darunter Menschenaffen, Vormenschen wie Paranthropus und Australopithecus, dem Neandertaler sowie dem modernen Menschen (Homo sapiens).

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Da bekannt ist, dass sich Blei im Zahnschmelz ablagert und dort über lange Zeiträume erhalten bleibt, analysierten die Forschenden die fossilen Zähne auf ihren Bleigehalt, mit einem bemerkenswerten Ergebnis. In 73 Prozent der Proben konnte eine erhöhte Bleikonzentration nachgewiesen werden – selbst in Zähnen, die über eine Million Jahre alt sind.

Die gemessenen Werte sind vergleichbar mit den Bleibelastungen von Kindern in den Vereinigten Staaten, die während der Ära des verbleiten Benzins geboren wurden. Somit ist es den Wissenschaftlern gelungen, zu belegen, dass bereits die frühen Vorfahren des Menschen dem Schwermetall ausgesetzt waren. Die Geschichte dieser toxischen Belastung reicht demnach deutlich weiter zurück, als bislang wissenschaftlich angenommen.

Vergiftungen könnten genetische Veränderungen angestoßen haben

Um die Auswirkungen einer Bleibelastung auf die Gehirnentwicklung zu untersuchen, züchteten Renaud Joannes Boyau und sein Forschungsteam sogenannte Hirnorganoide, deren genetische Ausstattung entweder der des Neandertalers oder der des modernen Menschen entsprach. Im Mittelpunkt stand dabei das Gen NOVA1, das eine zentrale Rolle bei der frühen Gehirnentwicklung und der Ausbildung sprachlicher Fähigkeiten spielt. Frühmenschen, einschließlich des Neandertalers, besaßen eine archaische Form dieses Gens, während der moderne Mensch (Homo sapiens) im Verlauf der Evolution eine weiterentwickelte Variante ausbildete.

Spannende Achäologie-Artikel – für Sie recherchiert

Die verschiedenen Hirnorganoide wurden über einen Zeitraum von zehn Tagen einer erhöhten Konzentration von Bleiacetat ausgesetzt. Bereits nach kurzer Zeit zeigten sich deutliche Unterschiede: Organoide mit der Neandertaler-Variante des NOVA1-Gens reagierten besonders empfindlich auf die Bleibelastung. Es traten Beeinträchtigungen auf, die auch das FOXP2-Gen betrafen, das als wesentlich für die Sprachfähigkeit gilt.

Bei den Organoiden des modernen Menschen mit der weiterentwickelten NOVA1-Variante konnten hingegen keine vergleichbaren Schäden festgestellt werden. Die Wissenschaftler vermuten, dass frühzeitige Bleivergiftungen evolutionäre Anpassungen angestoßen haben könnten, die letztlich zur Entwicklung robusterer genetischer Varianten beitrugen. Diese Anpassungsprozesse könnten ein weiterer Faktor gewesen sein, der das Überleben des Homo sapiens gegenüber dem Neandertaler begünstigte.