- Immer wieder wurde der Termin verschoben, nun wurde das Grand Egyptian Museum in Kairo offiziell eröffnet
- Es beherbergt unter anderem die Funde aus der Grabkammer von Tutanchamun
- Shirin Brückner aus Stuttgart hat die Ausstellung mitgestaltet und schwärmt vom neuen „Weltmuseum“
Kaum ein Museumsneubau hat in den letzten Jahren so viel Aufsehen erregt wie das Große Ägyptische Museum (Grand Egyptian Museum, GEM) in Kairo. Die Lage in Sichtweite der großen Pyramiden von Gizeh und die Ausmaße des Gebäudes, die einem Flugzeughangar gleichkommen, sind das eine. Dazu imponiert die Zahl der ausgestellten Exponate – es sind mehr als 100.000 Artefakte aus der pharaonischen, griechischen und römischen Antike Ägyptens – sowie die Tatsache, dass erstmals alle Objekte aus dem reichen Grab des Pharaos Tutanchamun (1332 bis 1323 v. Chr.) ausgestellt werden.

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Im Jahr 2009 begannen die Arbeiten an dem Bau. Spätestens seit sich 2022 der Fund von Tutanchamuns Grab zum hundertsten Mal jährte, wurde immer wieder mit der Eröffnung des Museums gerechnet. Die ägyptische Regierung verspricht sich viel für die Entwicklung des Tourismus und damit für die Wirtschaft im Land. Doch auch wenn mal ein Termin konkret wurde, hielt er nicht lange stand. Am Samstag war es nun so weit. Wir haben vorab mit der Szenografin und Architektin Shirin Brückner aus Stuttgart gesprochen. Sie ist Geschäftsführerin des dort ansässigen Ateliers Brückner, das im GEM unter anderem die neue Tutanchamun-Ausstellung gestaltet hat.

Frau Brückner, den Auftrag für die Tutanchamun-Ausstellung im Grand Egyptian Museum in Kairo bekamen Sie schon im Jahr 2016. Fast zehn Jahre ist das nun her. Was bedeutet die Eröffnung des Museums nun für Sie?
Shirin Brückner: Das Museum ist ein besonderes Projekt, in seiner Dimension, seiner Bedeutung und seiner Strahlkraft. Es ist ein Weltmuseum. An einem Projekt mit solch hochwertigen Exponaten und dieser besonderen Geschichte waren wir bis dahin noch nicht beteiligt, das war eine große Ehre. Alle 5600 Exponate aus dem Grab von Tutanchamun im Tal der Könige werden zum ersten Mal vollständig gezeigt. Nach fast zehn Jahren die Eröffnung zu erleben, ist ergreifend.
Nach dem Ausbruch des Zwölftagekriegs zwischen Israel und dem Iran im vergangenen Juni haben die ägyptischen Behörden die lang erwartete und für den Sommer geplante Eröffnung erneut verschoben. Waren Sie enttäuscht?
Brückner: Ich finde, diese Entscheidung war richtig und angemessen. Irgendwann ging es nicht mehr darum, ob die Arbeiten fertig sind, sondern darum, wann der richtige Moment gekommen ist für dieses Museum im internationalen Kontext. Die kulturpolitische Bedeutung des Museums für Ägypten ist enorm und verdient den passenden Rahmen.

Was ist in der Zwischenzeit in dem Museum passiert?
Brückner: Es gab schon mehrere Teileröffnungen, zum Beispiel die Restaurierungswerkstätten und den Bereich mit den Konferenzsälen. Später folgten die „Grand Stairs“, also die weitläufige Treppe, die das riesige Atrium mit den Ausstellungs- und Galerienbereichen verbindet. Im Atrium mit der monumentalen Statue von Ramses II. finden zum Beispiel jetzt schon Modeschauen und Konzerte statt. Die „Grand Stairs“ sind eine eigene Ausstellung mit rund 90 Statuen und Sarkophagen von Pharaonen, Säulen und anderen archäologischen Objekten – auch diese haben wir gestaltet.

Wie muss man sich das vorstellen: „nicht mehr zugänglich“? Abgeschlossen? Tür zu?
Brückner: Richtig. Und die Verantwortlichen haben genau darauf geachtet, dass keinerlei Bildmaterial nach außen dringt. Schon während der letzten Arbeiten durften wir unsere Handys nicht mit in die Ausstellung nehmen. Das machte es uns ein wenig schwierig, eventuelle Mängel zu dokumentieren und Nacharbeiten einzuleiten. Auch Social-Media-Beiträge waren untersagt. Seit einem Jahr hat niemand mehr die Galerie betreten. Nur die berühmte Totenmaske von Tutanchamun ist jetzt aus dem alten Ägyptischen Museum im Zentrum von Kairo in das Grand Egyptian Museum überführt worden.
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Hatten Sie die Totenmaske mal in der Hand? Was ist das für ein Gefühl?
Brückner: Nein, die darf man selbstverständlich nicht anfassen. Kein einziges Exponat. Das ist allein den ägyptischen Restauratorinnen und Restauratoren vorbehalten. Wir waren den Objekten sehr nah – manchmal nur wenige Zentimeter entfernt – und konnten beobachten, mit welcher Sorgfalt und Hingabe sie behandelt werden.

Warum ist das so?
Brückner: Das ist eine staatliche Vorgabe – und eine sehr nachvollziehbare. Nur ägyptische Fachkräfte dürfen die Objekte berühren oder bewegen. Die Halterungen für jedes einzelne Exponat werden individuell angepasst, auch das wurde ausschließlich von lokalen Teams ausgeführt. Das war ein präziser und oft langwieriger Prozess, aber er zeigt, mit welchem Respekt in Ägypten mit diesen Kulturschätzen umgegangen wird.
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Wie geht man denn eigentlich an die Aufgabe ran, eine solch berühmte Sammlung archäologischer Artefakte zu sortieren und für die Besucherin und den Besucher zugänglich zu machen?
Brückner: Bei diesem Projekt war es ungewöhnlich klar. Denn wir hatten ein ganz genau definiertes Set von Exponaten: alle 5600 Objekte aus dem Grab, das der britische Archäologe Howard Carter im November 1922 im Tal der Könige entdeckt hatte. Normalerweise arbeiten wir mit Museen zusammen, deren Sammlungen viel größer sind. Dann besteht unsere Aufgabe darin, aus der Menge der Objekte die spannenden Geschichten herauszuarbeiten. Hier war das anders: Die Geschichte war klar, die Exponate standen fest, und wir konnten uns ganz auf die Gestaltung konzentrieren. Das war eine ideale Grundlage für unsere Arbeit.

Was für ein Konzept haben Sie dann entwickelt?
Brückner: Wir hatten zwei klare Ausgangspunkte: den Inhalt der Ausstellung und den architektonischen Raum – zwei Galerien, die jeweils 180 Meter lang und bis zu 16 Meter hoch sind. Das ist ein sehr spezifischer Raum. Innerhalb dieser Rahmenbedingung haben wir überlegt, wie sich die Geschichte von Tutanchamuns Grab am besten erzählen lässt. Gemeinsam mit dem kuratorischen Team des Museums haben wir die Themen neu geordnet und daraus ein Narrativ und eine Storyline entwickelt. Da die beiden Räume von zwei Seiten zugänglich sind, haben wir uns entschieden, dass wir die Geschichte auch aus zwei Perspektiven erzählen.

Das bedeutet?
Brückner: Es gibt zwei Wege durch die Ausstellung. Der kuratorische Pfad folgt einer chronologischen Erzählung mit dem vergoldeten Thron des jungen Königs und dem Blick auf seine Vorfahren. Danach geht es um das Leben von Tutanchamun, seinen Tod und die Mumifizierung, die ja schon für sich allein ein spannendes Thema ist. Am Ende stehen die Schreine und Sarkophage aus seinem Grab, sein Übertritt ins Jenseits und die dazugehörenden Grabbeigaben, die viel über das alltägliche Leben im alten Ägypten erzählen.
Mit einem 1:1-Modell der Grabkammer möchten wir dem Besucher verdeutlichen, dass alle diese 5600 Exponate, die gefunden wurden und jetzt auf 7500 Quadratmetern ausgestellt werden, einst in diesem 35 Quadratmeter großen Grab unter dem Wüstenfelsen im Tal der Könige am mittleren Nil verborgen waren.

Was wollen Sie den Menschen vermitteln?
Brückner: Wir wollen die Besucherinnen und Besucher emotional erreichen und ihnen vermitteln, was all das eigentlich bedeutet. Welches Weltbild hatten die Menschen damals? Uns war wichtig, die Exponate nicht als bloße Kunstartefakte zu zeigen, sondern sie zum Sprechen zu bringen. Viele der Stücke waren ja Alltagsgegenstände, die benutzt worden waren und eine Bedeutung für die Menschen hatten. Und genau daraus entstehen die einfachen, menschlichen Geschichten, die wir in der Ausstellung erzählen wollten.
Welches Stück in der Sammlung fasziniert Sie besonders?
Brückner: Natürlich gibt es die Highlight-Stücke wie die goldene Totenmaske. Aber mich haben diese kleinen Uschebtis sehr berührt. Diese wenige Zentimeter kleinen, mumiengleichen Figuren, die Tutanchamun auf seinem Weg vom Leben ins Jenseits begleiten sollten. Sie treten in Masse auf, es gibt Hunderte von ihnen, und gerade darin liegt etwas sehr Menschliches. Sie zeigen, wie stark der Glaube daran war, dass niemand diesen Weg allein gehen muss. Solche Exponate erzählen viel über die Kultur und die Geschichte der alten Ägypter und sind eindrucksvoll in ihrer Präsentation.






