Endlos lange Beine, schlank und blond. So betörten die Kessler-Zwillinge die größten Stars der fünfziger und sechziger Jahre. Egal, ob Berühmtheiten wie Frank Sinatra, Dean Martin oder Harry Belafonte. Dabei konnten die Kesslers wählerisch sein, waren sie doch das begehrteste Exportgut des prüden Nachkriegsdeutschlands. Sie gehörten schließlich zur weltberühmten Bluebell-Girls-Truppe, die mit großen und besonders schönen Tänzerinnen für Furore sorgte und bis heute das Synonym ist für die Ära der glamourösen Pariser Showgirls.

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Nun sind sie mit 89 Jahren gestorben. Ein Sprecher der Münchner Polizei bestätigte einen Einsatz in Grünwald, Hinweise auf ein Fremdverschulden gab es dabei nicht. Nach „Bild“-Informationen haben Alice und Ellen Kessler „begleitete Sterbehilfe“ in Anspruch genommen. Damit gehen zwei der ganz großen Ikonen des Show-Business. Ihr Aufstieg dorthin war alles andere als einfach.
Der Vater verprügelte die Mutter immer wieder
Geboren im August 1936 im sächsischen Nerchau, erblickte erst Alice, dann Ellen eine dreiviertel Stunde später das Licht der Welt. Eine unbeschwerte Kindheit war ihnen nicht vergönnt. Die beiden Brüder starben jung. Der Vater war Alkoholiker, der die Mutter immer wieder verprügelte. Die Zwillinge verschonte er. Sie waren sein ganzer Stolz. Er drillte sie regelrecht von Kindesbeinen an. Mit sechs erhielten sie Ballettunterricht, lernten Akrobatik und Akkordeon. Mit elf standen sie als Mitglieder des Kinderballetts auf der Bühne der Oper Leipzig.
Als der Vater 1952 aus der DDR floh, kamen die Mädchen mit einem Besuchervisum nach. Sie vermissten jedoch ihre Mutter, die sie auch nachholen wollten. Weil eine erneute Abhängigkeit vom Vater für die Zwillinge nicht infrage kam, mussten sie rasch selbstständig werden. Bald darauf hatten sie am Düsseldorfer Revuetheater Palladium ihr erstes Engagement als Tänzerinnen. Und blieben dort nicht lange unentdeckt. Pierre-Louis Guérin, der Direktor des legendären Pariser Lido, sah die Zwillinge und holte sie 1954 an die Seine.

Mit ihrer Größe von 1,76 Metern hatten die Kessler-Zwillinge das perfekte Gardemaß für das Ensemble. Zunächst kämpften sie jedoch mit Akzeptanzproblemen, denn Deutsche waren nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich nicht sonderlich gut gelitten. Doch sie überzeugten mit ihrer Freundlichkeit und tanzten sich mit ihrer eisernen Disziplin an die Spitze, bis sie schließlich als die „Zwillinge aus Paris“ berühmt wurden.
Unter den Zuschauern im Lido gaben sich auch die internationalen Stars die Klinke in die Hand. So schwärmte Elvis Presley unverhohlen von ihren Hintern, wie die Kesslers später einmal in der Talkshow von Markus Lanz erzählten. Der King of Rock’n’Roll kam oft am Wochenende nach Paris, als er seinen Militärdienst in Deutschland leistete. Angetan, lud er die Blondinen sogar nach einer Vorstellung ein. An schmachtende weibliche Fans gewöhnt, hatte er allerdings nicht mit ihrem Selbstbewusstsein gerechnet und war in ihrer Gegenwart eher verschüchtert.
Teilnahme am Grand Prix Eurovision de la Chanson
Bald schon waren die Kessler-Zwillinge so populär wie ihre prominenten Bekannten. Was auch in der Bundesrepublik nicht verborgen blieb. Hier debütierten die beiden 1955 im Spielfilm „Solang‘ es hübsche Mädchen gibt“. Auch Plattenproduzent Gerhard Mendelson wurde auf sie aufmerksam und nahm sie unter Vertrag. Ab 1958 veröffentlichten sie regelmäßig Schallplatten. Vor allem zusammen mit Sänger Peter Kraus hatten sie Erfolge und lancierten mehrere Singles in den Top 20. 1959 nahmen sie sogar am Grand Prix Eurovision de la Chanson teil, wie der ESC damals noch hieß, und erreichten mit dem Lied „Heute Abend wollen wir tanzen geh’n“ den achten von elf Plätzen.
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Ein mäßiger Erfolg, der ihrer Karriere jedoch nicht schadete. Waren sie doch in New York, Las Vegas, London, Hongkong, Caracas, Buenos Aires und Sydney heiß begehrt. In Italien und Deutschland avancierten die Zwillinge ab den sechziger Jahren zu den Stars der TV-Unterhaltung. Bis weit in die Achtziger gab es vor allem im deutschen Fernsehen keine große Unterhaltungsshow ohne sie. Ob bei Peter Alexander, Peter Frankenfeld oder Hans-Joachim Kulenkampff, die Zwillinge fegten übers Parkett.
Nachdem ein italienischer TV-Boss sie Anfang der Sechziger aus dem Lido abgeworben hatte, verlegten die beiden von 1962 bis 1986 sie ihren Hauptwohnsitz nach Rom. Auch das erzkatholische Italien wurde ab Mitte Siebziger deutlich lockerer. So kam es, dass die Kessler-Zwillinge 1976 im Alter von 40 Jahren für den italienischen Playboy auszogen. Das Heft war innerhalb von drei Stunden komplett ausverkauft. Und das, obwohl die Oberweite der beiden durchaus überschaubar war. „Wir haben es auch mit kleinem Busen geschafft“, sagte Alice einmal in einem Interview.
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Auf der Bühne standen die Zwillinge bis ins hohe Alter. Geheiratet oder Kinder bekommen haben sie indes aufgrund ihrer Kindheitserfahrungen bewusst nie. Aber sie haben aneinander festgehalten, waren nie lange voneinander getrennt. Seit 1986 wohnten sie im Münchner Nobelvorort Grünwald in einem Doppelhaus. Jede hatte ihr eigenes Reich. Und dazwischen gab es eine große Schiebetür.
In ihrem Testament haben Alice und Ellen Kessler verfügt, dass sie im Tode vereint bleiben und sich die Urne mit ihrer bereits 1977 verstorbene Mutter und der Asche ihres blonden Pudels Yello teilen möchten.
Anmerkung der Redaktion
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