„Wer zu lesen versteht, besitzt den Schlüssel zu großen Taten, zu unerträumten Möglichkeiten“, hat Aldous Huxley gesagt. Zum Bundesweiten Vorlesetag am 21. November wirbt die Stiftung Lesen wieder um Menschen, die Kindern vorlesen. Bei Kindern die Lust zu wecken, Bücher zu lesen, wird angesichts der Verlockungen von Smartphones und Tablets immer schwieriger. Auch die FUNKE Mediengruppe engagiert sich für mehr Lese- und Medienkompetenz und organisiert mehrere Lesungen am Vorlesetag. Im Gespräch mit den Redakteurinnen Katrin Martens und Alexandra Prokofev betont FUNKE-Verlegerin Julia Becker die Bedeutung des Lesens für die Gesellschaft und die Demokratie.
Frau Becker, wie haben Sie und Ihr Mann Ihren Kindern das Lesen nahegebracht?
Julia Becker: Meine Kinder sind noch in einer Welt groß geworden, in der das Vorlesen ein ganz wichtiger Bestandteil des Großwerdens war. Abends vorzulesen, wenn man die Kinder ins Bett bringt, schließt den Tag wunderbar ab. Solche Rituale sind meiner Meinung nach sehr wichtig für emotionale Nähe und Verbindung, aber auch für Kreativität und Fantasie. Ein kindliches Gehirn lebt davon, immer wieder eigenständig neue Bilder zu erschaffen, statt sie virtuell vorgesetzt zu bekommen. Diese Eigenleistung des kindlichen Gehirns ist ein wichtiger Aspekt beim Großwerden und da gehört entscheidend dazu, zu lesen, sich das Gelesene vorzustellen und kreativ darüber nachzudenken.

Diese Kinderbuchphase hat sogar dazu geführt, dass ich für meine Töchter ein eigenes Kinderbuch geschrieben habe: „Das große Buch vom Reitturnier“. Mir ging es darum, die Berufswelt meines Mannes, der Springreiter ist, in einem Buch festzuhalten. Meine Kinder waren der Meinung, der Beruf ihres Vaters würde in gar keinem Buch beschrieben werden, dann könne das auch kein richtiger Beruf sein. Auch das zeigt wieder, wie wichtig Bücher sind, um Themen wahrzunehmen, zu verstehen und sich damit auseinanderzusetzen.
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Ist Vorlesen in Zeiten, in denen Kinder auf ihren Handys mit Inhalten geflutet werden, noch zeitgemäß?
Es ist wichtiger denn je. Beim European Publishing Congress in Wien habe ich in diesem Jahr ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige gefordert. Es gibt in der wirklichen Welt für unter 18-Jährige klare Regeln und Verbote, was Alkoholkonsum, Zigaretten etc. angeht. Und in der digitalen Welt tun wir alle so, als wäre es vollkommen selbstverständlich, Kindern teilweise traumatisierende Bilder, auch gerade was die Kriegsberichterstattung angeht, frei zugänglich zu machen. Man bietet einem Elfjährigen auch kein Bier an, einfach weil es ein Kind ist.
Eltern sollten da ihre Verantwortung ernst nehmen und verstehen, was es einem Kind zu vermitteln gilt. Ich erlebe in Cafés junge Eltern, deren Kinder mit Tablet und Kopfhörern im Buggy sitzen. Irgendwann möchten die Kinder mit ihrer Mutter kommunizieren oder wenigstens etwas zeigen, und es wird einfach wieder auf Play gedrückt und der Kopfhörer strammgezogen. Diese Eltern haben nicht verstanden, was kleine Kinder brauchen.
Ich bin überzeugt: Lesekompetenz und Rechtschreibkompetenz sind die Schlüssel gegen Fake News. Zu erkennen, ob ein Wort richtig geschrieben ist, hilft dabei, Spam-Mails von echten Nachrichten zu unterscheiden. Ja, ich nutze mein Handy und mein iPad, ich streame auch, aber ich habe die Möglichkeit zu entscheiden, wann es zu viel wird. Wir sollten uns nicht abhängig von dieser Technologie machen, weil sich das auch psychisch ungesund auswirkt.
Die IGLU-Studie hat gezeigt: 25 Prozent der Viertklässlerinnen und Viertklässler können einen Text nicht so lesen, dass sie sagen können, was drin steht. Was befürchten Sie für die Gesellschaft, wenn Sie das hören?
Wenn wir nicht mehr in der Lage sind, uns selbst die Dinge zu merken, die wichtig sind, sind wir darauf angewiesen, dass sie uns jemand zusammenfasst. Das halte ich für brandgefährlich. In einer freiheitlichen Gesellschaft müssen selbstbestimmtes Handeln und Entscheidungen, die im Alltag getroffen werden, immer mit faktenbasiertem Wissen zu tun haben. Eine KI sollte mir nicht empfehlen, welche Partei ich wählen soll. Die Lesekompetenz zu stärken, ist ein wahnsinnig wichtiger Auftrag in unserer Zeit.
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Was gefällt Ihnen am Bundesweiten Vorlesetag?
Ich möchte mich bei allen Prominenten bedanken, die mitmachen. Dadurch bekennen sie sich zu diesem wichtigen Thema. Das hat einen großen, motivierenden Effekt. Stolz bin ich, dass wir bei unserer Kinderzeitung CHECKY! zwei wunderbare Lesepaten haben, die Ehrlich Brothers. Ich kenne sie schon lange, damals fingen sie in Bünde bei Herford in einer Scheune mit ihren Zaubertricks an. In ihrem Beruf unterhalten und begeistern sie die Menschen mit faszinierenden Illusionen auf der Bühne. Es ist großartig, dass für sie das Thema Lesen und Journalismus für Kinder ein ganz wichtiges Anliegen ist.
FUNKE ist auch Mitglied im Nationalen Lesepakt, initiiert von der Stiftung Lesen und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Warum?
Die Stiftung Lesen begleite ich schon seit vielen Jahren, da gibt es tolle Initiativen. Beim Nationalen Lesepakt engagieren sich mittlerweile sehr viele Verlage, auch aus eigenem Interesse. Gerade auch für Kinder, die einen Migrationshintergrund haben und die deutsche Sprache noch nicht so gut beherrschen, hat das Vorlesen und das Lesen von Büchern in einfacher Sprache einen großen Mehrwert. Es geht um Inklusion, um den Abbau von Barrieren, um die Teilhabe an der Diskussion. Nur so können diejenigen, die in einem für sie fremden Land angekommen sind, mitgestalten, wie wir hier alle zusammenleben wollen.
Warum ist es Ihnen wichtig, dass FUNKE eine Kinderzeitung hat?
Ich finde es wichtig, dass Kinder sich wahrgenommen und verstanden fühlen, indem man die Art, wie Nachrichten und Themen aufbereitet werden, an ihre Bedürfnisse anpasst. Die Kinderzeitung CHECKY! arbeitet mit Farben und viel Bildsprache, aber auch mit der kleinen Figur Checky, die das Kindliche noch besser anspricht. CHECKY! nimmt Kinder mit hinein in eine Welt, die erklärt und einordnet, das können auch mal schwierige Themen wie das Sterben sein. Das hat eine Relevanz. Wir möchten die Zeitungsleserinnen und -leser von morgen möglichst früh mit der Zeitung in Kontakt bringen und ihnen zeigen: Wir sind eine Quelle, der sie vertrauen können.

Haben Sie eine Lieblingsseite?
Was ich in CHECKY! immer richtig gerne lese, sind die Reportagen von Kinderreportern. Ich finde es jedes Mal spannend, wie ein Kind über ein Ereignis schreibt, das ein Erwachsener möglicherweise ganz anders wahrnimmt. Wenn ein Kinderreporter zum Beispiel einen Politiker interviewt, ist es hochspannend zu beobachten, wie der Interviewte sich aufgrund eines gesunden Wertegefühls aufgefordert fühlt, eine ordentliche, verlässliche Antwort zu geben – einfach, weil ein Kind die Frage gestellt hat.
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Welches Kinderbuch haben Sie persönlich sehr gerne gelesen?
„Die Brüder Löwenherz“ liegt mir sehr am Herzen. Der neunjährige Karl ist schwer krank und hat Angst vor dem Sterben. Sein Bruder Jonathan möchte ihm diese Angst nehmen und erzählt ihm immer von dem Land, wo die Kirschblüten blühen, dem Land Nangijala. Astrid Lindgren erspart den Kindern das Thema Tod nicht. Sie hat viele wunderbare Kinderfiguren entwickelt, die ein selbstbestimmtes Leben führen, mit all seinen Unwägbarkeiten und auch manchmal schweren, traurigen Zeiten. Meinen eigenen Kindern habe ich viele „Black Beauty“-Bücher vorgelesen. Pferdegeschichten waren immer ein großes Thema in unserer Familie.
Und welches Buch würden Sie Erwachsenen empfehlen?
„Für Polina“ von Takis Würger. Eine wunderschöne Liebesgeschichte – und gar nicht dick. Ich habe es schon oft verschenkt.





