Der Ausbruch des Vesuv im Jahr 79 n. Chr., der die römische Stadt Pompeji unter Asche begrub, gilt als eine der bekanntesten Naturkatastrophen der Menschheitsgeschichte. Das genaue Datum des Ereignisses ist jedoch bis heute umstritten: Wissenschaftler rätseln seit jeher über den genauen Tag des Ausbruchs, der zwischen August und November 79 n. Chr. erfolgt sein soll.

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Der einzige Zeitzeuge, der das Datum in Briefen an den Historiker Tacitus erwähnte, war der Schriftsteller Plinius der Jüngere. Er beschrieb die Explosion des Vesuv. Die ältesten Manuskripte geben als Datum den 24. August an, was seither als der wahrscheinlichste Tag des Ausbruchs gilt. Einige Hinweise widersprechen dieser Angabe jedoch: In Pompeji gefundene herbstliche Früchte, Graffiti an Hauswänden und neue archäologische Funde, darunter eine 2018 entdeckte Inschrift, deuten darauf hin, dass die Stadt im Oktober des Jahres 79 n. Chr. noch existierte.

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Während der Archäologe Alessandro Russo und der klassische Philologe Pedar Foss den 24. August als möglichen Tag des Ausbruchs für sehr wahrscheinlich halten, sprechen sich andere Forscher für einen Zeitraum zwischen September und November aus. Wichtige Informationen zur Feststellung des genauen Tages des Ausbruchs könnten nun die Kleider liefern, die die Einwohner Pompejis zum Zeitpunkt der Katastrophe trugen.

Neapel: Menschen trugen wetterfeste Kleidung

Denn Forscher der Universität Valencia untersuchen in einer neuen Studie die Kleidung der Opfer, die in der Asche gefunden wurden. Die Studie basiert auf Gipsabgüssen aus der Nekropole von Porta Nola in Pompeji, eine große Begräbnisstätte der Antike. Untersucht wurden insbesondere Funde, die im Jahr 1975 gemacht wurden. Diese deutet darauf hin, dass Menschen, die im Freien ums Leben kamen, dicke Kleidung trugen. Im Gegensatz dazu seien die im Inneren der Wohnhäuser gefundenen Leichen in Alltagskleidung überrascht worden.

Llorenç Alapont, Archäologe und Bioanthropologe an der Universität Valencia
Llorenç Alapont, Archäologe und Bioanthropologe an der Universität Valencia.© Archeoclub d´Italia | Archeoclub d´Italia

„Die im Freien aufgefundenen Personen trugen schwere und kälteschützende Kleidung. Die Menschen draußen hatten sich offenbar bewusst gegen die äußeren Bedingungen schützen wollen“, erläutert Llorenç Alapont, Archäologe und Bioanthropologe an der Universität Valencia, beim Kongress. Weitere Analysen zu Stoffarten und Materialzusammensetzungen stehen noch aus.

Wann ist der Vesuv ausgebrochen? Forscher rätseln bis heute

Die Studie wird von der Universität Valencia in Zusammenarbeit mit spanischen Archäologen und Chemikern durchgeführt, berichtet Alapont. Er ist am Kongress internationaler Forscher in Boscoreale dieses Wochenende beteiligt. Dieser wurde vom italienischen Archäologieverband Archeoclub d´Italia organisiert. Internationale Experten diskutieren dort über die genaue Datierung des Vulkanausbruchs.

Nathalie de Haan, Professorin für Antike Geschichte an der Universität Nijmegen in den Niederlanden, stellte in Boscoreale zudem ihre Studie zum Bau der Zentralthermen von Pompeji vor. Forschungen ergaben, dass die Thermen bereits vor dem Sommer des Jahres 79 n. Chr. im Bau waren. Nach einer Sommerpause wurden die Arbeiten an den Thermen wieder aufgenommen und „mit der Einrichtung des Wassersystems fortgesetzt“, berichtete de Haan in Boscoreale. „Wir konnten feststellen, dass die Gewölbe erst kurz vor Ausbruch des Vulkans fertiggestellt worden waren.“ Aus diesen Gründen gehen Haan und ihr Team ebenfalls davon aus, „dass der Ausbruch im Herbst - also im September oder Oktober - stattgefunden hat“.

Phlegräische Felder
Das Vulkanfeld Solfatara in der Kleinstadt Pozzuoli im Westen der italienischen Millionenmetropole Neapel. Das Gebiet gehört zum Supervulkan der Phlegräischen Felder.© Christoph Sator/dpa | Christoph Sator

Pompeji birgt noch viele Geheimnisse

Doch warum ist es so wichtig, den genauen Tag des Vulkanausbruchs zu ermitteln? „Um das Datum des Ausbruchs ist in den vergangenen Jahrhunderten viel Verwirrung entstanden: Daher ist es für uns wichtig, den genauen Tag zu eruieren“, erklärt die Archäologin Helga Di Giuseppe auf dem Kongress. „Der Vulkan hat nicht nur Pompeji verschüttet. Er hat das gesamte Vesuvgebiet getroffen – bis zur Insel Capri, wo bei Ausgrabungen immer wieder Asche- und Lapillischichten gefunden werden.“ Die Eruption habe bis nach Sorrent gereicht und letztlich alle Städte im Golf von Neapel betroffen, erklärte die Expertin.

Sogar auf dem Meeresgrund der süditalienischen Region Kalabrien in 600 Metern Tiefe wurden Spuren des Vesuvausbruchs gefunden – also Hunderte Kilometer vom Vesuv entfernt. „Das bedeutet, dass die Vulkanaschen vom Wind in süd-südöstlicher Richtung transportiert und schließlich auf dem Meeresboden abgelagert wurden. Reste dieser Ascheschicht konnten radiometrisch datiert werden“, betonte der Paläoklimatologe Antonio Caruso.

Durch moderne Analysemethoden können selbst längst entdeckte Funde völlig neue Horizonte eröffnen, betonte Gabriel Zuchtriegel, der deutsche Direktor des archäologischen Parks Pompeji. Ein Drittel der antiken Stadt sei noch unerforscht. „Das Potenzial, das in neuen wissenschaftlichen und technologischen Methoden liegt, lässt sich kaum beziffern. Wir werden weiterhin in die Untersuchung menschlicher Überreste und organischer Materialien investieren – denn Pompeji birgt noch viele Geheimnisse, die es zu entschlüsseln gilt“, betont der in Weingarten geborene Zuchtriegel.