Zunächst versucht Jakob Tepler es mit Ironie: „Tee saufen mit Terroristen. Das ist mein Hobby als moralisch verkorkster Taugenichts.“ Anschließend schüttelt er in einem Kurzvideo auf Instagram einigen Taliban die Hände. Die Männer in dem Clip tragen einen Bart und ein traditionelles Gewand. Manche haben sogar eine Kalaschnikow umgehängt.

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Doch warum reist man als Deutscher nach Afghanistan? In ein Land, das von Krieg und Gewaltherrschaft geprägt ist. In ein Land, in dem Frauen ohne Rechte ins Privatleben verschwinden. In ein Land, vor dessen Besuch das Auswärtige Amt auf seiner Website ausdrücklich warnt. Denn vor Ort bestehe die Gefahr von Überfällen, Inhaftierungen und Entführungen. Auf diese Fragen hat Tepler in dem Video eine klare Antwort: Er möchte die „normale Bevölkerung“ in Afghanistan kennenlernen. Dafür müsse er sich aber an die Regeln der Kabuler Regierung halten, die von der Bundesrepublik nicht anerkannt wird. Eine Expertin sieht die Reisen kritisch – und erklärt die Risiken, die viele nicht bedenken.
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Afghanistan: Reisen von Influencern stoßen auf Kritik
Der 26-Jährige ist nicht der einzige Reise-Influencer, der seit der Machtergreifung der Taliban 2021 in Afghanistan unterwegs ist. Das Land ist auf Instagram und TikTok im Trend. Immer mehr Influencer zeigen ihren Followern Videos von schneebedeckten Bergen und türkisblauen Seen im Hindukusch. Manche posen mit den Taliban und betonen, dass die Lage vor Ort gar nicht so schlimm sei. Das stößt auf Kritik, auch bei Jakob Tepler. Einigen der Kollegen wirft er vor, die Islamisten zu idealisieren.
Tepler ist mittlerweile seit mehr als drei Jahren mit dem Fahrrad unterwegs. Seinen Ausweis mit den vielen Visa-Stempeln bezeichnet er daher schon scherzhaft als „Sticker-Sammelheft für Volljährige“. Wir erreichen ihn telefonisch in Südchina. Und auf seiner Weltreise läuft nichts ohne sein Smartphone, mit dem er Eindrücke für seine 52.000 Follower bei Instagram einfängt. Auch aus Afghanistan postet er viele Kurzfilme. Im Frühjahr legte er dort rund 1000 Kilometer zurück.

Jakob Tepler hat auf seiner Reise Kontakt zur Taliban, um die Zivilbevölkerung kennenzulernen
Was ihn ausgerechnet nach Afghanistan getrieben hat? „Ich wollte das Land erleben, wie es wirklich ist“, sagt Tepler. Doch welche Erfahrungen hat er gemacht? „Verschiedene. Es kommt darauf an, ob man mit der Taliban oder der Zivilbevölkerung zu tun hat“, sagt der Deutsche.

Und die Taliban, die seien erst einmal freundlich zu Touristen. Tepler erinnert sich an den ersten Abend, als ihm die Islamisten einen Schlafplatz organisiert hatten. Denn dort, wo er sein Zelt aufschlagen will, ist es zu gefährlich. Mehrmals täglich hat Tepler Kontakt zu den Taliban. Alle 30 bis 40 Kilometer wird er an einem Checkpoint kontrolliert, muss sein Visum zeigen. Die Islamisten begrüßen ihn, manchmal bieten sie dem Thüringer sogar an, mit ihnen zu essen.
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„Ich wollte das nicht annehmen“, erzählt der Deutsche. Doch er spielt meistens mit, er will schließlich wissen, wie es den Menschen geht. Tepler beschreibt die Afghanen als „gastfreundlich und herzlich“. Ein besonderes Erlebnis ist für ihn das Ende des Ramadans, denn ein Einheimischer lädt ihn zu seiner Familie ein. Der Kontakt zu den Afghanen ist allerdings „oberflächlich“. Oft gibt es Sprachbarrieren.
Afghanistan: „Den Frauen geht es noch schlechter als ich gedacht hätte“
In der gesamten Zeit trifft Tepler nur wenige Frauen, mit einer Handvoll kann er überhaupt sprechen. „Das komplette Stadtbild ist männerdominiert“, berichtet der 26-Jährige. Ab und zu sieht er auf Plätzen verschleierte Frauen, in ländlichen Regionen sitzen Bettlerinnen auf der Straße. Nach seiner Reise veröffentlicht der 26-Jährige dennoch auf seinen Social-Media-Kanälen einen Beitrag zur Situation der Frauen. Darin heißt es: Den Afghaninnen geht es „noch schlechter als ich gedacht hätte“.
Der Influencer will mit seinen Videos „einen Zwischenweg finden“, den Alltag zeigen, aber auch auf die Probleme der Menschen aufmerksam machen. Dass die Bevölkerung unter dem Regime leidet, ist dem 26-Jährigen bewusst. Deshalb versucht er zu erklären, warum er überhaupt Kontakt zu den Islamisten hat. Außerdem gibt der Thüringer zu, dass seine Erfahrungen nur wenig damit zu tun haben, wie Afghanen selbst das Land erleben.

Afghanisches Regime möchte durch Tourismus die Wirtschaft ankurbeln
Diese Einschätzung teilt Katja Mielke vom Forschungsinstitut „Bonn International Centre for Conflict Studies“. Sie war in diesem Jahr schon zweimal in Afghanistan. Im Gegensatz zu den einheimischen Frauen konnten sie etwa Sehenswürdigkeiten besuchen. Dennoch waren nach ihren Schilderungen einige Frauen in den Städten ohne männliche Begleitung unterwegs, nicht bei allen saß das Kopftuch fest. Je nach Region würden die Regeln halt lockerer oder strenger umgesetzt.
Grundsätzlich sei die Regierung in Kabul daran interessiert, den Tourismus wiederzubeleben, sagt Mielke. Das sei ein wichtiger Schritt, denn aktuell leben laut Schätzungen der Vereinten Nationen 64 Prozent der afghanischen Bevölkerung in Armut. Tourismus könnte neue Arbeitsplätze schaffen und die Konjunktur beleben.
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Auch der Direktor des Forschungsinstituts Professor Conrad Schetter betont: „Die Taliban buhlen darum, dass Influencer und Touristen nach Afghanistan kommen, damit im Westen ein positives Bild entsteht.“ Sie wollten sich so einen liberalen Anschein geben. Im Gegenzug profitierten die Influencer davon, dass kaum jemand nach Afghanistan reise. Das bringe ihnen die erhofften Klicks auf ihren Social-Media-Kanälen.
Reisen nach Afghanistan: „Man ist der Willkür der Taliban ausgesetzt“
In den Videos der Reise-Influencer sieht Katja Mielke eine Chance, Bilder und Ansichten vom Alltag der Menschen zu zeigen. „Das bekommen wir hier kaum zu sehen“, sagt die Expertin und wünscht sich von den Medien, dass sie zum Beispiel über das kleine Wirtschaftswachstum berichteten. Allerdings formulieren Mielke und Schetter eine deutliche Kritik: Die Berichte der Influencer seien meist oberflächlich, sie blendeten das Leid der Bevölkerung aus und verharmlosten die Taliban.

Außerdem könne es für Touristen gefährlich werden. Die Reisenden sollten die Vorschriften der Taliban-Regierung befolgen, sonst drohe ihnen eine Inhaftierung, was bereits vorgekommen sei. Schetter warnt daher vor Reisen in das Land: „Das ist hochriskant. Wenn etwas passiert, ist man der Willkür der Taliban ausgesetzt.“ Und aus dem Auswärtigen Amt heißt es: „Deutsche Staatsangehörige werden aufgefordert, Afghanistan zu verlassen. Die Deutsche Botschaft in Kabul ist seit 2021 geschlossen. Infolgedessen gibt es keine Möglichkeit einer konsularischen Hilfeleistung vor Ort.“
Ob Bundesbürger in Notfällen aus dem Land geholt werden, lässt das Ministerium offen. Auf seiner Webseite empfiehlt es Touristen, „umfassende Vorkehrungen“ zu treffen – zum Beispiel ein Testament zu hinterlassen. Radtourist Tepler hat diese Empfehlungen vor seiner Reise nicht befolgt. Stattdessen hat er andere Reisende und Einheimische nach Tipps gefragt und sich in die geltenden Regeln eingelesen. Der 26-Jährige betont, dass er sich während seines Aufenthalts sicher gefühlt habe. Und: Er würde Afghanistan wieder besuchen. Doch der Reise-Influencer hofft, dass sich bis dahin die Lebensbedingungen der Bevölkerung verbessern und die afghanischen Frauen ein selbstbestimmtes Leben führen können.






