Wer an Au-pairs denkt, hat junge Menschen vor Augen, die sich als Kinderbetreuer in Gastfamilien ihren Traum vom Leben im Ausland erfüllen. Doch warum sollte das nicht auch älteren Menschen vergönnt sein? Das Online-Portal „Granny Aupair“ sorgt genau dafür: Lebenserfahrene Frauen können als „Leih-Oma“ ihr persönliches Abenteuer im In-und Ausland erleben.

Jeden 2. Sonntag

Ein FUNKE Liebe

Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Eine von ihnen ist Petra Wicke-Schyska aus Berlin, die sich mit 63 Jahren auf den Weg nach Los Angeles machte, um als Granny-Au-pair in eine neue Welt einzutauchen. Gepackt von Abenteuerlust und auch etwas Langeweile, wie sie sagt, entschied sich die heute 69-Jährige dazu, nach ihrer Pension auf Reisen zu gehen. Hier erzählt sie, was sie in drei Monaten USA erlebt hat, wie sie sich vorbereitet hat und vor welchen Herausforderungen sie stand.

Lesen Sie auch

Granny-Au-pair: „Ich wollte mich selbst herausfordern“

Bereits um ihren 60. Geburtstag reifte in Petra der Wunsch nach einem Abenteuer: „Ich wollte raus, mich selbst herausfordern.“ Große Reisen hatte sie in ihrem Leben noch nicht gemacht. Das Granny-Au-pair-Konzept bot für sie die perfekte Kombination: Kost und Logis bei einer Gastfamilie im Gegenzug für Unterstützung bei der Kinderbetreuung. „Bei allem Abenteuer – mit der Plattform im Hintergrund fühlt man sich schon auch sicherer.“

Und ehe sie sich versah, bereitete sich die ehemalige Grundschullehrerin 2019 auf ihre erste lange Reise vor. „Mein erstes Rentenabenteuer“, sagt sie scherzhaft. Zusammen mit einer Frau, die sie mittlerweile als gute Freundin bezeichnet, frischte sie erst einmal ihr Englisch auf. Ihre Gastfamilie bestand aus einem deutsch-amerikanischen Paar mit einer kleinen Tochter, die sie als eine Art „Ersatzoma“ begleiten durfte. Die Familie setzte bewusst auf die deutsche Kultur und Sprache.

Rückblickend findet Petra Wicke-Schyska das etwas schade. „Aber die Familie wollte gezielt einen deutschen Alltag für ihre Tochter bewahren. Das hat mir zwar viel Struktur und Orientierung gegeben, aber manchmal habe ich die echte amerikanische Lebensweise vermisst.“ Trotzdem machte sie das Beste aus ihrer Zeit und unternahm in ihrer Freizeit Ausflüge, zum Beispiel nach Las Vegas und San Diego.

Granny Aupair
Petra Wicke-Schyska genoss ihre Zeit in Los Angeles als „Leih-Oma“.© FUNKE Foto Services | Reto Klar

Alltag als „Leih-Oma“ in den USA: „Schönes, familiäres Gefühl“

Ihr Tagesablauf war gut strukturiert: Früh morgens begann die Betreuung des fast zweijährigen Mädchens mit Wickeln, Anziehen, Frühstücken. Dann gingen die beiden oft spazieren. „Wir waren quasi die einzigen Fußgänger in Los Angeles“, erzählt Petra lachend. Zurück im Haus gab es dann Spielzeit. Mittags und manchmal auch nachmittags hatte sie frei, konnte dann zum Beispiel Sehenswürdigkeiten erkunden: „Sie haben wirklich Wert darauf gelegt, Zeit mit ihrer Tochter zu verbringen, was mir auch immer genug Freiraum ließ.“

Abends saßen dann alle gemeinsam am Esstisch: „Das war ein schönes, familiäres Gefühl“, erinnert sich die 69-Jährige. Eine „wirklich tolle erste Oma-Erfahrung“ war ihre Begegnung mit einem Eichhörnchen, das die kleine Tochter für eine lange Zeit beobachtete. „Das Schönste am Oma-Sein ist die Geduld, die man hat. Ich konnte einfach zuschauen, wie sie sich freute, ohne Zeitdruck.“ Eigene Enkel hat Petra noch nicht.

Granny-Au-pair im Ausland: Wie überwindet man Herausforderungen?

Trotz der überwiegend schönen Zeit gab es auch ein paar Herausforderungen. „Nach dem langen Flug war ich aufgeregt und völlig übermüdet“, erzählt Petra. „Ich kam aus dem Flughafen raus und dachte: ,Wow!‘ Direkt eine sechsspurige Autobahn. Da war ich erst einmal überwältigt.“ Mit Durchfragen habe sie aber schnell ein Taxi gefunden und sei bei der Gastfamilie mit einem Barbecue warm empfangen worden.

Lesen Sie auch

Ein prägendes Erlebnis betraf nicht sie selbst, sondern ihren Schützling: „Direkt vor uns sind zwei Autos zusammengekracht. Das war wirklich ein großer Schreck, das habe ich auch ein paar Tage mit mir rumgetragen.“ Ihre Strategie, mit der stressigen Situation umzugehen, mag überraschen: Während eines Ausflugs nach Las Vegas wagte sich die damals 63-Jährige auf eine Zipline. „Danach ging es mir super, ich war mega-stolz. Wenn man sich auf seine Intuition verlässt, kann man Krisen gut überwinden.“ Später habe ein Arzt zu ihr gesagt: „Da haben Sie sich ja selbst therapiert.“

Petra wächst am Abenteuer – und betätigt sich als Paten-Oma

Ihre Erfahrungen haben Petra Wicke-Schyska nachhaltig geprägt. „Es war ein Traum, den ich mir selbst erfüllt habe. Ich habe gemerkt, dass es mir guttut, mich herauszufordern“, erzählt sie. „Ich habe mein Selbstvertrauen gestärkt, und mein Englisch hat sich verbessert. Wenn man sich etwas wünscht, ist das auch schaffbar.“

Einen Dämpfer brachte die Corona-Pandemie: Die Granny-Au-Pair musste das Reisen pausieren. Heute unterstützt sie eine Familie in Berlin als Paten-Oma, die sie während der Pandemie durch die Organisation Wellcome kennengelernt hat. Für eine zweite Reise – möglicherweise nach Irland oder Großbritannien – ist sie jedoch offen.

Die Berlinerin hat einen klaren Rat an andere Frauen, die Interesse am Granny-Au-pair-Leben haben: „Man braucht Offenheit und ein bisschen Mut.“ Außerdem hält sie es für sinnvoll, sich vorher per Telefon oder E-Mail mit den Familien auszutauschen. Für alle, die mehr vom Leben wollen, könnte Granny-Au-pair genau das Richtige sein, findet sie. Denn wie die 69-Jährige sagt: „Ich bin stolz, dass ich mich getraut habe.“ Und ergänzt mit einem Augenzwinkern: „Außerdem hat man etwas zum Angeben.“