Es ist eine Entscheidung, die für Aufsehen sorgt: Das ehemalige ZDF-Flaggschiff „Wetten, dass..?“ soll drei Jahre nach der letzten Ausgabe mit Thomas Gottschalk zurückkehren. Als Moderationsduo setzt der Mainzer TV-Sender, so ein Bericht des Branchenmagazins DWDL, auf die Kaulitz-Zwillinge Bill und Tom – und damit nicht nur auf eine Verjüngung, sondern einen radikalen Imagewechsel.

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Kann der Neustart von „Wetten, dass..?“ so gelingen? Bringen Bill und Tom Kaulitz die ZDF-Show zu alter Größe zurück – oder wird der Neustart ein Flop?

Die Kaulitz-Zwillinge als Gottschalk-Nachfolger: eine gute Wahl?

Ja, die Kaulitz-Zwillinge werden „Wetten, dass..?“ retten.
PRO von Martin Nefzger

Was haben Netflix, Prime Video und ProSieben gemeinsam? Alle drei haben längst erkannt, dass Bill und Tom Kaulitz Quoten-Gold sind. Ob in ihrem Reality-Format „Kaulitz & Kaulitz“ (Netflix), beim Streaming-Erfolg „LOL: Last One Laughing“ (Prime) oder in Shows wie „Wer stiehlt mir die Show?“ oder „The Voice of Germany“ (ProSieben): Wenn die „Tokio Hotel“-Zwillinge auftauchen, schalten die Deutschen ein – und häufig hagelt es Preise.

Auf diesen Zug will jetzt auch das ZDF aufspringen und den Brüdern die Moderation von „Wetten, dass..?“ übergeben. Es ist ein bemerkenswerter Schritt, setzen die öffentlich-rechtlichen TV-Sender in Deutschland sonst doch gern auf Altbewährtes. Florian Silbereisen und Barbara Schöneberger im Ersten, Andrea Kiewel und Johannes B. Kerner im ZDF: Mehr Moderatorinnen und Moderatoren scheint es für die Sender-Verantwortlichen nicht zu geben.

Mit Bill Kaulitz setzt das ZDF auf einen absoluten Anti-Gottschalk: Vielfalt und Modernität statt ‚Das wird man noch sagen dürfen‘.

Martin Nefzger
Martin Nefzger, Stellv. Leiter Digital-Desk FUNKE Zentralredaktion

Dass man in Mainz nun neue Wege geht, kann der verstaubten Rundfunkanstalt neues Leben einhauchen und sie aus ihrer selbst gewählten Komfortzone zwingen. Dabei ergeben sich zwei große Chancen. Zum einen könnte es den Kaulitz-Brüdern gelingen, die alternde Zielgruppe von „Wetten, dass..?“ und des gesamten ZDF zu verjüngen. Die Show erreichte zuletzt vor allem ein Publikum, das die Zeit der großen Samstagabendshows noch erlebt hat und sich nach etwas Nostalgie sehnt. Bill und Tom dürften dagegen auch die Jüngeren vor den Fernseher locken und damit Zuschauer von der privaten Konkurrenz oder Streaming-Anbietern zurückgewinnen.

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Zum anderen bricht das ZDF verkrustete Strukturen auf, setzt vor allem mit Bill Kaulitz auf einen absoluten Anti-Gottschalk – auch wenn zumindest bei den Frisuren eine gewisse Ähnlichkeit nicht abzustreiten ist. Aber: Der „Tokio Hotel“-Sänger ist jung, queer, unverblümt; er steht für Vielfalt und Modernität statt „Das wird man noch sagen dürfen“. Die Verantwortlichen zeigen klar: Wir wollen neue Wege gehen – oder zumindest endlich auch die Wege beschreiten, die ProSieben und Co. schon geebnet haben. Das kann ein Vorbild für weitere Formate sein und insgesamt zu mehr Innovation im ganzen öffentlich-rechtlichen Rundfunk führen.

Dem ZDF ist vorerst ein absoluter Coup gelungen. Ein großer Auftritt ist Bill und Tom Kaulitz bei „Wetten, dass..?“ sicher. Nun müssen sie den Erwartungen nur noch gerecht werden.

Nein, „Wetten, dass..?“ ohne Gottschalk ist wie „Traumschiff“ ohne Meer.
CONTRA von Pascal Biedenweg

Natürlich ist der Impuls nachvollziehbar: „Wetten, dass..?“ ist nicht nur eine Sendung, sondern eine der größten Marken der deutschen Fernsehgeschichte. Eine solche Ikone einfach ruhen zu lassen, fühlt sich für das ZDF fast wie Kapitulation an. Doch genau darin liegt der Fehler.

„Wetten, dass..?“ ohne Thomas Gottschalk ist keine mutige Neuerfindung, sondern eine Selbsttäuschung. Die Show war nie nur ein Format, sie war eine Persönlichkeit – getragen von Gottschalks Instinkt, seinem Timing, seiner Arroganz mit Augenzwinkern. Wer glaubt, man könne dieses Vakuum einfach neu besetzen, verkennt das Wesen der Sendung. „Wetten, dass..?“ ohne Gottschalk ist wie „Traumschiff“ ohne Meer: formal möglich, inhaltlich sinnlos.

Das eigentliche Drama liegt tiefer: Deutschland hat ein akutes Entertainer-Problem!

Pascal Biedenweg
Pascal Biedenweg, Digitalchef

Dass nun ausgerechnet die Kaulitz-Zwillinge als mögliche Nachfolger gehandelt werden, macht dieses Problem besonders deutlich. Bill und Tom Kaulitz sind Popfiguren, Selbstvermarkter, Podcast-Hosts – präzise im Spiel mit Ironie und Distanz. Doch genau diese Haltung widerspricht dem Kern von „Wetten, dass..?“. Die Sendung lebte von Nähe, Spontaneität und dem seltenen Talent, internationale Stars, skurrile Wetten und deutsche Wohnzimmer gleichzeitig abzuholen. Ironie war dabei kein Schutzschild, sondern Risiko. Dafür reicht Coolness allein nicht aus.

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Doch das eigentliche Drama liegt tiefer: Deutschland hat ein akutes Entertainer-Problem! Es gibt kaum Persönlichkeiten, die Live-Shows dieser Größenordnung tragen können – generationenübergreifend, ohne Schutzraum, ohne Ironie als Rettungsanker. Die Suche nach Nachfolgern endet deshalb regelmäßig bei Namen, die weniger aus Überzeugung als aus Mangel kursieren. Dass Popstars plötzlich als Showretter herhalten müssen, ist kein Qualitätsmerkmal, sondern ein Symptom.

Am Ende bleibt eine unbequeme Erkenntnis: Nicht jede Ikone braucht ein Comeback. Manchmal ist Loslassen klüger als Reanimieren. „Wetten, dass..?“ hat seinen festen Platz in der Fernsehgeschichte – und dort wirkt es stärker als in jeder halbherzigen Neuauflage. Alles andere ist Nostalgie auf Autopilot. Lass es bleiben, ZDF!

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