Winterliche Extremwetterereignisse stehen aktuell weltweit im Fokus – und das nicht nur in Deutschland. Russland erlebt den härtesten Winter seit 200 Jahren, in Teilen der USA führte ein Wintersturm vergangene Woche sogar zum Notstand. Doch was steckt hinter diesen Ereignissen: Handelt es sich um Wetter oder Klima? Welche meteorologischen Erklärungen gibt es für dieses Phänomen? Meteorologe Alban Burster liefert im Interview mit dieser Redaktion Antworten auf die wichtigsten Fragen.
Wir sehen derzeit extreme Wetterereignisse wie Stürme und starke Schneefälle in den unterschiedlichsten Regionen – sei es Russland, die USA, Portugal, Mallorca, aber auch hier in Deutschland. Ist das aus meteorologischer Sicht noch normaler Winter oder erleben wir gerade etwas Außergewöhnliches?
Alban Burster: Nein, das ist auf jeden Fall nicht außergewöhnlich, das ist einfach nur Wetter, was wir gerade erleben. Es fühlt sich immer ein bisschen „unnormaler“ an, weil wir das nicht mehr kennen. Es ist sehr mild geworden bei uns die letzten Winter, auch hier in Deutschland. Dass es auch mal zu starken Schneeereignissen kommt, das gab es früher tatsächlich häufiger.
Das Empfinden für winterliches Wetter hat sich aber stark verändert, weil wir solche Bedingungen kaum noch kennen. Ein Beispiel: Eine Person, die 70 Jahre alt ist, in Deutschland lebt und die strengen Winter der 1960er, 1970er und 1980er Jahre erlebt hat, geht mit einer Wettervorhersage wie –20 °C und starkem Schneefall ganz anders um, im Vergleich zu jemandem, der gerade erst 18 Jahre alt ist und zum ersten Mal so winterliches Wetter erlebt. Weil es zuvor schlichtweg nicht vorgekommen ist.
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Wetter oder Klimawandel? Meteorologe erklärt aktuelle Schneestürme
Welche meteorologischen Phänomene stecken konkret hinter diesen Extremereignissen, die oft auch eine Schneise der Verwüstung hinterlassen können?
Burster: Es gibt den sogenannten Polarwirbel, ein Tiefdruckgebiet in höheren Luftschichten der Atmosphäre, das besonders im Winter über der Nordhalbkugel stark ausgeprägt ist. Durch seine Rotation von West nach Ost hält der Polarwirbel die arktische Kaltluft zusammen. Man kann sich das wie eine schnell drehende Waschmaschine vorstellen. Wenn man reinschaut, dann haften die Klamotten am Rand und in der Mitte sieht man ein Loch. Dieses Jahr ist es ein bisschen anders.
Zoff unter Meteorologen
Inwiefern?
Burster: Und zwar liegt in den Polarregionen, gerade Richtung Nordpol, aber zum Beispiel auch Richtung Nordeuropa, schon längere Zeit ein Hochdruckgebiet. Und das sorgt dafür, dass dieser Polarwirbel nicht so „intakt“ ist. Das bedeutet, dass nicht mehr diese schnelle Drehung erfolgen kann. Dadurch sind Kaltluftausbrüche nach Süden wahrscheinlicher. So ist es auch bei der Waschmaschine: Wenn die sich plötzlich langsamer dreht, dann fällt die Wäsche in sich zusammen. Und so ähnlich ist das eben auch bei diesem Polarwirbel.
Sie sagten, diese Wetterereignisse gab es früher auch, sogar häufiger. Für Kritiker des Klimawandels ist „Das gab es schon immer“ ein häufiges Totschlagargument. Haben die also recht?
Burster: Man muss hier klar differenzieren: Alles, was wir aktuell erleben, gehört erst einmal zum Wetter. Mit dem Klima hat das nichts zu tun. Allerdings haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Vergangenheit Methoden genutzt, um Wetterextreme zu vergleichen. Das wird in der Attributionsforschung gemacht. Mit verschiedenen Werkzeugen kann man Wetterextreme untersuchen und herausfinden, inwiefern sie durch den Klimawandel beeinflusst werden.

Dabei betrachtet man den aktuellen Zustand mit der erhöhten globalen Temperatur von +1,5 oder 2 Grad, und vergleicht ihn mit einem Zustand ohne diese Erwärmung. Die Differenz, die dabei entsteht, ermöglicht es zu beurteilen: Ist durch den Klimawandel, durch diese höhere Temperatur, es so und so viel Prozent wahrscheinlicher geworden, dass es zu diesem Wettereignis jetzt gekommen ist – oder eben nicht?
Solche Untersuchungen wurden bereits in der Vergangenheit durchgeführt, zum Beispiel nach der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021. Dabei konnte nachgewiesen werden, dass der Klimawandel einen Teil zu dieser extremen Wetterlage beigetragen hat. Solche Analysen lassen sich theoretisch bei jeder Extremwetterlage machen – unabhängig davon, ob es sich um einen Sturm oder starken Schneefall handelt. In der Praxis werden sie jedoch meist nur bei besonders fatalen, historischen Ereignissen vorgenommen.
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„Kräftigere Schneefallereignisse werden deutlich wahrscheinlicher“
Müssen wir uns darauf einstellen, dass solche Winter mit extremen Wettererscheinungen künftig häufiger werden?
Burster: Das ist ein zweischneidiges Schwert. Grundsätzlich ist die Wahrscheinlichkeit tatsächlich erhöht, dass die Winter bei uns wärmer werden – das zeigen ja auch die Trends. Die Temperatur wird weiter zunehmen, die Schneetage werden weniger. Es ist aber so, dass auch in Zukunft die Winter mal knackig kalt werden. Das erklärte ich mit dem Phänomen der Polarwirbel. Es ist immer ein Trugschluss, den man teilweise nicht ganz nachvollziehen kann.
Wir sagen immer: „Es wird wärmer.“ Das ist auch so, aber trotzdem wird es im Winter in den Polarregionen kalt genug sein, dass die Luft, die dann, wenn sie mal zu uns kommt, auch hier kalt genug ist, um dicken Frost und viel Schnee zu bringen. Und tatsächlich ist die Wahrscheinlichkeit sogar auch deutlich höher, dass es zu kräftigeren Schneefallereignissen kommen kann, weil die Luft mehr Feuchtigkeit speichern kann. Wenn zum Beispiel mildere Luft aus dem Süden zu uns kommt und auf diese arktische Kaltluft trifft.


