Gisèle Pelicot ist an der Reihe. Fast zehn Jahre lang war die Französin von ihrem eigenen Mann betäubt und Unbekannten zur Vergewaltigung im Ehebett zugeführt worden. Später musste sie vier Monate lang einen weltweit verfolgten Prozess gegen 51 Angeklagte aussitzen. Doch nie verlor das vielleicht bekannteste Gesicht Frankreichs öffentlich auch nur ein Wort.

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Nun ergreift sie das Wort. Nächste Woche erscheinen ihre „Memoiren“, und zwar gleichzeitig in mehreren Sprachen; der deutsche Titel des angekündigten Weltbestsellers lautet „Eine Hymne an das Leben“ (bei Piper).
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Erster TV-Auftritt von Gisèle Pelicot: 73-Jährige spricht nüchtern über ihre Erfahrungen
Am Mittwochabend stellte sich die adrette 73-jährige Frau mit dem Pagenschnitt und der Spitznase erstmals den Fernsehkameras. Schlicht in weiße Hosen und eine hellblaue Bluse gekleidet, trat sie in der französischen Literatursendung „La Grande Librairie“ auf, flankiert von der Journalistin Judith Perrignon, die sie bei der Niederschrift des Buches unterstützte.
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Ebenso schlicht ist ihr Auftreten: Ernst, konzentriert, wie schon während des Monsterprozesses in Avignon, beantwortet sie die Fragen des Moderators, nüchtern, ohne jedes verbindliche Lächeln. Wie es ihr gehe? „Ich versuche mich wieder aufzubauen, indem ich dieses Buch geschrieben habe“, sagt sie, um nach einer Denkpause anzufügen: „Auf diesem Ruinenfeld.“
Aber nein, beruhigt sie den Fragesteller: Sie sei trotz allem Durchgemachten weder depressiv noch suizidär, wie das vielen Opfern passiere. Sie habe ungeahnte Kräfte in sich entdeckt und sogar zu ihrer Lebensfreude zurückgefunden. Wie das, will der Moderator wissen. Sie habe ihre Mutter zwar noch als Kind – durch eine Krebserkrankung – verloren, erinnere sich aber bis heute an ihr Lächeln. Das mache sie stark.
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Vergewaltigung ohne Wissen: Pelicot erkannte sich auf den Videos nicht
Das Lächeln der verstorbenen Mutter half ihr über die schwersten Zeiten hinweg. Und das waren nicht einmal die neun Jahre der Vergewaltigung, von denen sie unwissentlich betäubt nichts mitbekommen habe, wie sie sagt. Was sie seither erlebte, angefangen von der Mitteilung der Polizei, dass ihr Mann in Haft sei, vergleicht sie hingegen mit einem vorbeibrausenden TGV, einem Tsunami, ja gar einer Explosion.
Gisèle Pelicot sagt das alles ganz sachlich. Sie zeigt wenig Gefühle, bezeichnet sich selbst als „schamhaft und diskret“. Als man ihr die scheußlichen Amateurporno-Videos vorspielte, glaubte sie zuerst nicht, dass sie das war, nackt auf dem Bett, von ihrem Mann gefilmt. „Ich sah eine fremde Frau, die bewusstlos, seelenlos dalag. Mein Gehirn schaffte die Erkenntnis nicht, dass ich das war. Erst vier oder fünf Stunden später rang ich mich zur Einsicht durch: Ich war von meinem Mann und einer Menge anderer Männer ohne mein Wissen vergewaltigt worden. Immer wieder.“
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Der Moderator fragt sehr direkt: Viele Leute hätten gedacht, es könne gar nicht sein, dass eine Frau zehn Jahre lang „nichts gemerkt“ haben wolle. Doch, antwortet die Angesprochene. Und sie sei nicht die einzige gewesen: Sie habe zwei Neurologen wegen ihrer Aussetzer und Gedächtnislücken konsultiert, Gynäkologen, andere Ärzte. Jeder habe eine andere Diagnose gestellt, aber keiner die richtige: Vergewaltigung.
„Als ich auf der Polizeiwache dieses Wort hörte, brach für mich eine Welt zusammen“, sagt Gisèle Pelicot. „Das war doch alles unmöglich – schließlich verbrachte ich gerade das fünfzigste Jahr mit diesem Mann, in den ich mich als junge Frau auf den ersten Blick verliebte.“ Heute fühle sie sich aufgebracht, verraten. Hass auf ihren Ex-Mann – von dem sie seit 2024 geschieden ist – verspüre sie aber nicht: „Man kann doch nicht sein ganzes Leben in den Müll werfen. Wir hatten auch gute Momente miteinander.“
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Gisèle Pelicot über ihre Peiniger: „Keine gewöhnlichen Männer, sondern Vergewaltiger“
Anders mit den 50 Männern, die der Einladung zur Vergewaltigung gefolgt waren: „Entschuldigung, aber das waren keine gewöhnlichen Männer, wie es überall heißt“, wendet ihr Opfer ein. “Das waren Vergewaltiger. Und kein einziger hat meinen Mann bei der Polizei angezeigt.“
Während des Prozesses hätten ihr diese Angeklagten böse Blicke zugeworfen. „Aber ich schaute erhobenen Hauptes zurück, bis sie ihre Augen senkten. Ich bin stolz, dass ich diesen Männern standgehalten habe.“ Nur zweimal habe sie es im Verhandlungssaal nicht mehr ausgehalten. Einmal erklärte eine Verteidigerin, man sehe auf einem Video, dass sie ihr Becken offenbar lustvoll mitbewegt habe. Dabei habe der medizinische Gutachter klargemacht, dass ich das aus Schmerz getan hätte.
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Nun ereifert sich Gisèle Pelicot doch leicht über „diese Männer“, die allesamt verurteilt wurden: „Es bräuchte mal einen kräftigen Tritt in diesen Ameisenhaufen unserer machistischen, patriarchalen Gesellschaft.“ Aus den tausenden von Briefen von vergewaltigten Frauen, die sie erhalten habe, gehe klar hervor, dass sich all diese kriminellen Täter straflos fühlten.
Auch ihr Mann habe versucht, sie zu unterwerfen, aber er habe es nicht geschafft. Sie sei nur eine gewöhnliche Frau, aber sie habe einen unabhängigen Geist. „Ich sage allen misshandelten Frauen: Schämt euch nicht, fühlt euch nicht schuldig, geht zur Polizei. Wenn das auch nur eine Frau tut, weil sie denkt, dass sie schaffen könne, was ich auch geschafft habe, dann habe ich mein Ziel schon erreicht.“
Und ihre Zukunft? Das millionenfache Fernsehpublikum staunt wohl, als die Ex-Gattin sagt, sie wolle ihren Peiniger im Gefängnis besuchen. „Ich will wissen, was er sonst noch getan hat. Ich muss wissen, ob er auch meiner Tochter Caroline als Kind etwas angetan hat.“
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Neue Liebe mit 73: Gisèle Pelicot berührt Publikum und findet Glück
Die Mutter verhehlt nicht, dass sie sich mit zwei ihrer drei Kinder wegen ihrer Nachsicht für ihren Ex-Gatten zerstritten hat. „Es stimmt nicht, dass ein Drama die Familie zusammenschweißt – im Gegenteil.“ Mit ihrem Sohn David habe sie kaum mehr Kontakt, mit Caroline telefoniere sie immerhin wieder.
Dafür hat Gisèle Pelicot einen neuen Partner gefunden – und die an sich banale Feststellung gemacht, dass man sich auch noch mit 73 verlieben könne. Als die Sendung zu Ende ist und Gisèle Pelicot das Studio verlässt, passiert, was schon in Avignon geschah: Das Publikum im TV-Studio beginnt spontan zu applaudieren.









