Der Vitruvianische Mensch ist eine berühmte Zeichnung von Leonardo da Vinci aus etwa 1490. Sie zeigt einen männlichen Körper in zwei überlagerten Posen, eingeschrieben in einen Kreis und ein Quadrat, und illustriert die idealen Proportionen des menschlichen Körpers gemäß den Lehren des römischen Architekten Vitruv. Das Werk gilt als Symbol der Verbindung von Kunst, Wissenschaft und Humanismus und ist eines der bekanntesten Beispiele der Renaissance-Studien zur Anatomie. Und noch heute erhitzt das Meisterwerk die Gemüter.

Jeden 2. Sonntag
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Denn Leonardos Meisterwerk bringt jetzt die öffentlich-rechtliche TV-Anstalt RAI in Italien in Verlegenheit, die mit dem Vorwurf der Zensur konfrontiert ist. Im Vorspann, der die Live-Übertragungen der Olympischen Winterspiele Mailand-Cortina eröffnet, erscheint eine originalgetreue Darstellung von Leonardos Vitruvianischem Mensch – allerdings ohne männliche Genitalien. Zu sehen ist die Grafik täglich mehrfach auf den TV-Kanälen, die die Winterspiele übertragen.
Auch interessant
Vitrivianscher Mensch bei Olympia 2026: Was aus da Vincis Meisterwerk im TV wird
Der Vorspann ist eine farbige, symbolträchtige Clip-Animation, die Sport und Austragungsorte der Olympischen Winterspiele inszeniert und zugleich auf die kulturelle Identität Italiens verweist. Am Anfang des Videos steht Leonardos berühmte Zeichnung, mit der das Renaissance-Genie die idealen Proportionen des menschlichen Körpers zwischen Himmel und Erde – Kreis und Quadrat – darstellte. In der grafischen Reproduktion der RAI verwandelt sich Leonardos Figur in Eiskunstläufer, Skifahrer und weitere Wintersportler.
Doch dem „olympischen Menschen“ fehlt ein Detail: die männlichen Geschlechtsteile, die im Original klar erkennbar sind. Warum Leonardos Meisterwerk von der RAI einer „Zensur“ unterzogen wurde, erhitzt in Italien die Gemüter.
Eine mögliche Erklärung könnte im Regelwerk des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) liegen, in dem es heißt, „explizit sexuelle Inhalte sind streng verboten“. Denkbar ist auch, dass die Entfernung der Genitalien als Schritt zu größerer Inklusivität verstanden worden sein könnte.
Auch interessant
Italien: Opposition verlangt Aufklärung zu angeblicher RAI-Zensur und Bildnutzung
Der Fall wird inzwischen zum Politikum. Der Partito Democratico (PD), Italiens stärkste Oppositionspartei, kündigte eine parlamentarische Anfrage an Kulturminister Alessandro Giuli an. Gefragt wird, „ob die RAI formell zur Nutzung des Bildes autorisiert wurde und ob sie im Rahmen einer solchen Genehmigung Änderungen oder Abwandlungen des Originals erlaubt hat“.
Auch interessant
Die Demokraten fordern vom Minister Aufklärung, ob alle gesetzlich vorgesehenen Verfahren eingehalten wurden, denn „die Verunstaltung ist offensichtlich, jemand hat sicher einen Fehler gemacht“. Auch die oppositionelle Fünf-Sterne-Bewegung greift an, vergleicht die RAI mit „Ayatollahs“ und spricht von der „rückständigsten Wohnzimmerzensur, weil die Führungsspitze der RAI offenbar fürchtet, ein Penis könne Anstoß erregen“.
Die RAI weist die Vorwürfe zurück und spricht von „Fake News“. In einer Mitteilung wies sie jede Zensurabsicht zurück und sprach von einer „an den Haaren herbeigezogenen Kontroverse“, in die der öffentlich-rechtliche Rundfunk zu Unrecht hineingezogen werde.
Auch interessant
Der Vorspann und das gesamte Grafikpaket der Spiele „werden nicht von der RAI produziert. Es handelt sich um Inhalte, die von Olympic Broadcasting Services, der offiziellen Organisation des Internationalen Olympischen Komitees für die audiovisuelle Produktion der Olympischen Spiele, hergestellt und verbreitet werden“.








