Multiple Sklerose (MS) ist nach wie vor nicht heilbar. Derzeit leiden etwa eine Viertelmillion Deutsche an der chronisch-entzündlichen Autoimmunerkrankung, die das zentrale Nervensystem betrifft. Medikamente können den Verlauf bislang nur abmildern. Doch nun gibt eine neuartige Zelltherapie neue Hoffnung.

Jeden 2. Sonntag
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Wie der Tagesspiegel berichtet, gibt es Anzeichen, dass die sogenannte CAR-T-Zelltherapie, die sich bei manchen Blutkrebserkrankungen und auch bei der Autoimmunerkrankung Lupus bereits bewährt hat, den Verlauf vollständig stoppen könnte. Weil MS den Betroffenen nach und nach ihre physischen Fähigkeiten und somit ihre Eigenständigkeit raubt, greifen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch zu Therapien aus anderen Erkrankungen. Bislang findet dies jedoch ausschließlich im Rahmen von Experimenten statt. Denn Nebenwirkungen können nicht ausgeschlossen werden. In Tübingen und Hamburg haben Ärzte das Verfahren jetzt erstmals an mehreren Patienten getestet.
Multiple Sklerose: Neue Methode stoppt ersten Entzündungsprozess
Der Mitte 50-jährige Stefan Tenoth leidet an MS, seitdem er Ende 20 ist. Inzwischen kann er seine Beine nicht mehr bewegen und ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Auch das Greifen fällt ihm schwer. Selbstständiges Essen oder Einkaufen, stellen für ihn Herausforderungen dar. Die gängigen Therapien konnten nicht dabei helfen, das Fortschreiten der Krankheit aufzuhalten. Im Januar 2025 erhielt er am Universitätsklinikum Tübingen die allererste Infusion der CAR-T-Zelltherapie, die jemals einem MS-Patienten verabreicht wurde.
Auch interessant
„Fünf Monate später zeigte die Nachuntersuchung, dass die Entzündung in seiner Halswirbelsäule vollständig abgeklungen ist“, schreibt der Tagesspiegel. Für den Patienten ist das entscheidend: Seine Hand- und Armfunktion hat sich nicht weiter verschlechtert. Ob das so bleibt oder sogar weitere Besserung eintreten wird, wissen die Forscher derzeit allerdings nicht.
CAR-T-Zelltherapie: MS-Patienten erhalten experimentelle Behandlung
Mit Multipler Sklerose können unterschiedliche Symptome einhergehen. Schwäche und Müdigkeit, Einschränkungen in der Bewegung. Entscheidend ist jedoch, dass MS das Nervensystem durch Entzündungen in Gehirn, Rückenmark und Sehnerven meist irreversibel schädigt. Daraus ergeben sich unumkehrbare körperliche Beeinträchtigungen.
Auch interessant
Am Uniklinikum Hamburg Eppendorf haben fünf weitere MS-Patienten und Patientinnen die experimentelle CAR-T-Zelltherapie erhalten. Dabei wurde mit patienteneigenen T-Immunzellen gearbeitet. Diese wurden quasi umprogrammiert, denn normalerweise haben sie im Körper eine spezielle Aufgabe. Damit sie jedoch zielgenau das tun, wofür die Wissenschaftler sie benötigen, können Forscher sie genetisch umprogrammieren.
CAR-T-Zelltherapie bei MS zeigt erste Anzeichen von Wirkung
Die Zellen bekommen einen speziellen CAR-Rezeptor (CAR bedeutet Chimärer Antigen-Rezeptor) zusätzlich zu ihrem normalen Rezeptor. Folglich können sie neben ihrer üblichen Aufgabe im Körper noch weitere erfüllen. Damit die Therapie bei MS überhaupt einen Effekt hat, richtet man sie gegen bestimmte Immunzellen aus, die normalerweise wichtige Antikörper bilden. Bei Multipler Sklerose sind diese an der fehlgeleiteten Abwehrreaktion beteiligt.
Ob die Patienten nun von der Therapie profitiert haben, lässt sich noch nicht abschließend sagen. „Wir wissen bislang noch zu wenig über die Wirksamkeit, deren Dauer sowie zu ihren Langzeitrisiken“, sagt der Neurologe Manuel Friese vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. „Aber wir sehen erste Hinweise auf eine Wirkung. Bei jenen drei Patienten, bei denen wir trotz der Therapie mit den hochwirksamen Antikörpermedikamenten eine starke Entzündungsaktivität sahen, ist über einen Beobachtungszeitraum von sechs Monaten keine neue Entzündungsaktivität dazugekommen.“
Feststehe aber schon jetzt, dass eine Genesung nicht möglich ist. „Bei Multiple Sklerose wurde das Nervensystem durch die zurückliegenden Entzündungen in Gehirn, Rückenmark und Sehnerven meist schon irreversibel geschädigt“, sagt Friese. Die körperlichen Behinderungen, die Patienten also zu Beginn der Therapie mit CAR-T-Zellen hatten, werden demnach bleiben. Eine Therapie mit CAR-T-Zellen könnte eine Multiple Sklerose also im besten Fall stoppen.
CAR-T-Therapie birgt Risiko für Infektionen und starke Nebenwirkungen
Es seien aber längerfristige Beobachtungen notwendig, so der Experte. Zudem sei die Zahl der Test-Patienten zu gering für zuverlässige Aussagen. Die Therapie kann zudem mit erheblichen Nebenwirkungen einhergehen. So kann es zu einer schweren Entzündungsreaktion im ganzen Körper kommen – mit Schüttelfrost, hohem Fieber und Blutdruckabfall. Ein anderes Problem ist, dass die CAR-T-Zellen auch B-Zellen außerhalb von Gehirn und Rückenmark angreifen.
Auch interessant
Diese Immunzellen sind aber wichtig für die Bildung neuer Antikörper gegen Krankheitserreger. Werden diese angegriffen, steigt das Risiko für Infektionen mit Bakterien und Viren. Weil die CAR-T-Zellen länger im Körper bleiben, kann dieser Effekt auch entsprechend lange anhalten. Man kann jedoch gegenwirken, indem schützende Antikörper per Infusion gegeben werden.







