Johannes Oerding hat im Laufe seiner Karriere mehr als 2,1 Millionen Tonträger verkauft. Trotz vieler treuer Fans ist ihm die Einsamkeit kein Fremdwort. Auf einem Sabbatjahr und nach privaten Verlusten fand der Sänger die Inspiration für sein neues Album „Hotel“ (erscheint am 27. März). Im Interview verrät er, warum dieses Album sein bislang persönlichstes ist – und wie es ihm gelang, weniger hart mit sich selbst ins Gericht zu gehen.
Ein Hotel ist ein Ort, der für viele nach Urlaub klingt – für Sie aber offenbar etwas ganz anderes bedeutet.
Johannes Oerding: Für mich ist ein Hotel kein Sehnsuchtsort, sondern eher ein Symbol für mein Leben der vergangenen 20 Jahre. Ich bin ständig unterwegs gewesen, habe in unzähligen Hotelzimmern geschlafen, immer zwischen Ankommen und Weiterziehen. Diese Räume sind ja oft sehr anonym, fast austauschbar. Du bist da, aber eigentlich auch nicht. Und genau dieses Gefühl wollte ich für mein neues Album einfangen: dieses Dazwischen. Du kommst irgendwo an, aber du bleibst nicht. Du bist umgeben von Menschen, aber oft trotzdem allein.
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Was Sie beschreiben, klingt nach sehr einsamen Momenten.
Ich glaube, das gehört zu diesem Beruf dazu, auch wenn das viele von außen nicht sehen. Auf der Bühne stehst du vor Tausenden Menschen, bekommst Applaus, Energie, Nähe – und ein paar Stunden später sitzt du allein in deinem Zimmer. Das ist ein krasser Kontrast. Früher habe ich das einfach weggedrückt und funktioniert. Aber irgendwann holt dich das ein.
Sie haben sich 2024 dann bewusst eine Auszeit genommen. War das eine spontane Entscheidung?
Nein, das war ein Prozess, der sich über Jahre aufgebaut hat. Ich habe gemerkt, dass ich mich selbst verliere. Ich war ständig in Bewegung, aber innerlich wurde es immer leerer. Und dann gab es diesen Moment, in dem ich auf der Bühne stand und einen Song gesungen habe, der eigentlich total emotional ist – und ich war mit meinen Gedanken ganz woanders; überlegte, was ich am nächsten Tag im Supermarkt einkaufen muss. Ich habe gemerkt: Ich fühle das gar nicht mehr. Das war ein Schock. Für mich, aber auch, weil ich dachte: Das ist unfair gegenüber den Menschen, die in der Halle sind und sich berühren lassen wollen.
Und dann kam die Entscheidung zu einem harten Cut?
Ich musste aus allem raus und wieder zu mir kommen. Deshalb habe ich mir ein Sabbatjahr genommen, bin gereist, war viel allein. Und das war am Anfang überhaupt nicht romantisch, sondern eher beängstigend. Plötzlich hast du keine Struktur mehr, keine Termine, keinen Plan. Du bist einfach nur mit dir selbst konfrontiert. Und das ist gar nicht so leicht, wie man denkt.

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Gab es einen Moment, in dem Sie gemerkt haben, dass Sie endlich wieder bei sich sind?
Ich war in Chicago, habe mir spontan eine Gitarre gekauft und einfach angefangen zu spielen. Ohne Druck, ohne Ziel. Und plötzlich war da wieder dieses Gefühl, das ich lange vermisst habe. Dieser Moment, in dem Musik einfach passiert. Da wusste ich: Okay, ich bin noch da.
Man spürt, dass Sie auf „Hotel“ viel Persönliches verarbeitet haben.
Ich schreibe ja schon immer autobiografisch, aber diesmal vielleicht noch direkter. Die vergangenen Jahre waren intensiv. Der Tod meines Vaters hat mich 2024 sehr getroffen, auch wenn er für längere Zeit sehr krank war und der Verlust deshalb nicht aus dem Nichts kam. Aber das war ein Einschnitt, den ich in so einer Intensität nicht erwartet hatte. Man denkt immer, man ist vorbereitet – aber das ist man nicht.
Was hat dieser Verlust bei Ihnen verändert?
Auch wenn wir nicht immer den wärmsten Umgang miteinander hatten, war mein Vater immer ein wichtiger Anker für mich. Und wenn dieser Anker plötzlich weg ist, gerät vieles ins Wanken. Ich habe angefangen, anders über Zeit nachzudenken. Darüber, wie endlich alles ist. Und auch darüber, wie wichtig Beziehungen sind. Wen ruft man an, wenn es einem schlecht geht? Mit wem teilt man sein Leben wirklich? Das sind Fragen, die plötzlich sehr präsent werden.
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Parallel dazu ist auch Ihre Beziehung zu Ina Müller zu Ende gegangen.
Ja, das war natürlich ebenfalls eine Zäsur in meinem Leben. Aber wir haben einen guten Weg gefunden, sind weiterhin freundschaftlich miteinander verbunden, haben viel Respekt füreinander. Das ist mir wichtig! Ich bin kein Mensch, der Dinge einfach kappt. Ich versuche, Verbindungen zu erhalten, auch wenn sich etwas grundlegend verändert.
Hat diese Phase Sie emotional offener gemacht?
Ich habe definitiv gelernt, Gefühle mehr zuzulassen. Früher habe ich vieles eher kontrolliert. Heute lasse ich Dinge auch einfach mal da sein. Traurigkeit, Zweifel, Unsicherheit – das gehört ja alles dazu. Und ich glaube, genau das hört man auch in den neuen Songs.
Sie beschreiben sich selbst als früher sehr ehrgeizig, fast verbissen.
Ich war definitiv ein harter Chef, vor allem zu mir selbst, aber auch zu anderen. Ich hatte klare Vorstellungen, wie etwas zu laufen hat, und wenn das nicht funktioniert hat, konnte ich ziemlich streng sein. Heute sehe ich das entspannter. Fehler und Makel gehören dazu. Und manchmal entstehen gerade daraus die besten Dinge.

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Sie singen auf „Hotel“ im Song „Eiszeit“ auch über Spaltung und unseren Umgang miteinander.
Ja, weil ich das im Alltag stark wahrnehme. Ich habe das Gefühl, dass wir uns immer mehr in unsere eigenen Blasen zurückziehen. Jeder bewegt sich in seinem Umfeld, bekommt Bestätigung für seine Meinung – und verliert den Kontakt zu anderen Perspektiven. Das finde ich sehr gefährlich!
Was wäre aus Ihrer Sicht ein Gegenmittel?
Zuhören! Wirklich zuhören. Auch mal aushalten, dass jemand eine andere Meinung hat. Wir sind heute viel zu schnell dabei, Menschen in Schubladen zu stecken. Aber so funktioniert ein Zusammenleben nicht. Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß, sondern ganz viele Grautöne dazwischen.
Sie selbst äußern sich eher zurückhaltend politisch.
Ich finde, man sollte sich äußern, wenn man wirklich etwas zu sagen hat. Nicht, weil es gerade erwartet wird oder weil es gut ankommt. Haltung bedeutet für mich auch, ein Risiko einzugehen. Dass man vielleicht aneckt. Und das mache ich dann, wenn es sich für mich richtig anfühlt.
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Hat Ihre Reise auch Ihren Blick auf Deutschland verändert?
Ich habe während meines Sabbaticals viele Orte gesehen, an denen die Menschen ganz andere Probleme haben. Da relativiert sich vieles. Wir haben hier ein hohes Maß an Sicherheit, an Stabilität. Das wird oft vergessen. Natürlich gibt es auch hier Herausforderungen, vieles läuft nicht mehr rund und die Politik agiert zuweilen viel zu kraftlos, aber insgesamt geht es uns sehr gut.
Motivation von Johannes Oerding: „Nicht mehr der Erfolg“
Sie wirken wie jemand, der sich ständig weiterentwickelt, der nie ganz ankommt.
Ich bin ein Suchender. Ich wäre gern jemand, der sagt: Ich habe meinen festen Glauben, meine Antworten. Aber so bin ich nicht. Ich hinterfrage viel, zweifle auch. Aber vielleicht ist genau das auch eine Form von Bewegung.
Was treibt Sie heute noch an?
Nicht mehr der Erfolg im klassischen Sinne. Natürlich freue ich mich über volle Hallen, über gute Reaktionen. Aber das Entscheidende ist für mich der Weg dahin. Diese Momente, in denen etwas entsteht. Wenn ein Song plötzlich Form annimmt. Wenn man im Studio sitzt und merkt: Da passiert gerade etwas Besonderes. Das sind die Dinge, die bleiben.
Was ist für Sie die wichtigste Erkenntnis aus den vergangenen Jahren?
Dass man nicht alles allein schaffen muss. Ich habe immer gedacht, ich muss stark sein, alles im Griff haben. Aber eigentlich geht es darum, sich auch öffnen zu können, sich Hilfe zu holen. Und vor allem: Menschen zu haben, mit denen man ehrlich sprechen kann. Wenn man die in seinem Leben hat, ist schon sehr viel gewonnen.





