Wer heute durch seinen Feed bei Instagram, TikTok oder Facebook scrollt, begegnet immer seltener den Urlaubsfotos von Freunden oder Updates aus der Familie. Stattdessen dominieren perfekt ausgeleuchtete Landschaften, Influencer-Posts und KI-Kurzvideos.

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Zugleich trenden Begriffe wie „Social Media Detox“ oder „Tipps für ein Offline 2026“. Die digitale Müdigkeit kommt nicht von ungefähr: Künstliche Intelligenz flutet das Internet. Experten warnen vor einer Erosion des „Sozialen“ in den Netzwerken. Ist das das Ende der sozialen Medien, wie wir sie kannten? Was bedeutet der Aufstieg der künstlichen Intelligenz für die Zukunft der Online-Welt?
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Der radikale Wandel: Vom „Social Graph“ zum „Interest Graph“
Die ursprüngliche Idee der sozialen Netzwerke war simpel: Menschen unabhängig von Zeit und Raum zusammenzubringen. „Absurderweise steht das genau so bis heute in den Businessprinzipien von Meta“, erklärt der Experte Dominik Ruisinger im Gespräch mit unserer Redaktion. Der PR-Berater und Autor skizzierte bereits 2024 in seinem Werk „Das Ende von Social Media“ die notwendige Neuausrichtung digitaler Netzwerke. „Ich glaube, ich war mit dem Buch der Zeit ein bisschen voraus“, sagt er rückblickend. Tatsächlich hat sich die Lage seit dem Erscheinen zugespitzt.

Der Wendepunkt wird laut Ruisinger durch TikTok markiert. Die Plattform brach mit dem Prinzip des „Social Graph“ (Vernetzung mit Freunden) und ersetzte es durch den „Interest Graph“. Nicht mehr die Beiträge von Bekannten entscheiden über den Feed, sondern Inhalte, die anhand von Nutzerdaten auf Interesse stoßen könnten.
„TikTok war die erste Plattform, die sagte: Mich interessieren eure Freunde nicht. Mich interessieren eure Follower nicht“, so Ruisinger. Diese Entwicklung hin zu „Artificial Media“ habe dazu geführt, dass soziale Medien heute primär Werbe- und Entertainmentkanäle sind – ein „Fernsehen 4.0“, bei dem Interaktion zur Nebensache wird, sagt der Experte.

KI-Slop: Das Milliardengeschäft mit dem digitalen Müll
Während die echte Interaktion sinkt, flutet künstlich generierter Content, sogenannter „AI Slop“, die Feeds. So wird massenhaft produzierter, minderwertiger KI-Content genannt. Auf Plattformen wie Facebook, Instagram und TikTok hat sich ein neues Geschäftsmodell etabliert: KI-Creator.
Im März 2025 berichtete „Forbes“, dass zu dem Zeitpunkt rund 71 Prozent der geteilten Bilder KI-generiert oder bearbeitet sind. Dazu werden laut einer Studie der Forschungsorganisation AI Forensics rund 80 Prozent des identifizierten „Slops“ auf TikTok von nahezu selbstständig agierenden KI-Konten generiert und gepostet.
Neben den bekannten Beispielen vom „Shrimp-Jesus“ und sprechendem Gemüse oder Olaf Scholz im Fitness-Studio werden auch pseudo-journalistische Inhalte oder manipulierte Politikervideos verbreitet. „Etwa 25 Prozent der 30 meistgezeigten Suchergebnisse auf TikTok zu Hashtags wie #health, #history oder #trump enthalten von KI generierte Bilder“, heißt es in den Studienergebnissen. Eine klare KI-Kennzeichnung bleibt in den meisten Fällen aus.

Besonders auffällig ist die Zunahme von unzähligen Accounts stereotypischer KI-Frauen. Accounts wie „schellys_mamabubble” oder „wendepunktfrau” suggerieren finanzielle Unabhängigkeit und veröffentlichen vermeintlich feministische Inhalte. Frauen werben andere Frauen an, eigene Avatare oder KI-Zwillinge zu erstellen, um beispielsweise als Mutter von zu Hause aus Geld zu verdienen. Einzelne Accounts werben für kostenpflichtige Workshops, in denen man die perfekten Prompts für den eigenen KI-Avatar lernen soll. Die Kosten liegen bei 150 Euro.
Gleichzeitig werden täglich Dutzende KI-Accounts erstellt, die Frauen mit unnatürlichen, hypersexualisierten Körperformen zeigen. Optisch sind sie teilweise kaum von einem Teenager zu unterscheiden. Ihre Inhalte grenzen oft an Pornografie und werben mit persönlichen Chats. In den Kommentaren: hunderte Männer, überwiegend älter, die die KI-Frauen objektifizieren.
Wer wirklich am anderen Ende chattet, bleibt im Dunkeln. Die Frau auf den Fotos ist es sicher nicht. Sie existiert nur als Ergebnis eines KI-Prompts. Ob sich mit diesem Modell tatsächlich Geld verdienen lässt, ist unklar. Dass hinter den Accounts oft Männer statt Frauen stecken, zeigen dutzende Beispiele. Dazu kommen unzählige Deep-Fakes von Prominenten, KI-Memes oder sogenannte KI-Influencer, die fragwürdige Messages verbreiten.
Den Tech-Konzernen kommen KI-Creator zugute. Sie werden nicht krank, fallen aus oder haben eine eigene Meinung. Die Plattformen profitieren vom „Engagement“, auch wenn es von Bots kommt. Ganz nach der Verschwörungstheorie der „Dead Internet Theory“: ein Internet, in dem Bots für Bots Inhalte erstellen. Der Marktwert der KI-Influencer-Branche soll im Jahr 2026 von rund 11 Milliarden US-Dollar auf fast 16 Milliarden steigen, mit starkem Wachstum bis 2035.
Metas Milliarden-Wette: Die Flucht nach vorn
Mark Zuckerberg hat die Zeichen der Zeit erkannt – wenn auch nach einem teuren Umweg. Sein Prestigeprojekt „Horizon Worlds“ und die Vision des Metaverse entpuppten sich als teure Investition statt als Innovation. Mit operativen Verlusten von rund 80 Milliarden Dollar seit 2020 und sinkenden Verkaufszahlen für VR-Headsets wird das Projekt nun zurückgefahren.
Stattdessen setzt Meta alles auf eine Karte: den Umbau vom sozialen Netzwerk zum KI-Infrastruktur-Giganten. Allein für das Jahr 2026 plant der Konzern Rekordinvestitionen in einer Spanne von 115 bis 135 Milliarden Dollar. Das Kapital fließt primär in Rechenzentren und die Hardware-Basis der neu geschaffenen „Meta Superintelligence Labs“. Es ist die Flucht nach vorn: Während die soziale Interaktion zwischen echten Menschen langsam schwindet, baut Zuckerberg die nächste Stufe der KI-Transformation. So soll die Verweildauer auf der App erhöht werden.
Das Unternehmen betont: „2025 war das Jahr, in dem wir gesehen haben, wie sich KI in allen Bereichen des Meta-Angebots weiterentwickelt hat. Wir gehen davon aus, dass sich dieser Trend 2026 noch weiter verstärken und unsere Arbeitsweise grundlegend verändern wird.“ Ein bizarres Patent aus dem letzten Winter zeigt, wie weit Meta gehen könnte: Eine KI soll Profile inaktiver oder sogar verstorbener Nutzer einfach weiterführen können.
Die Strategie geht wirtschaftlich auf: Die Verweildauer auf Facebook und Instagram stieg durch KI-optimierte Empfehlungen Ende 2025 an. Dazu verwendet der Konzern KI, um Inhalte gezielter auszuspielen, Videos zu übersetzen oder Werbeanzeigen zu gestalten. Laut Meta erreichten sie allein mit Anzeigen eine Run-Rate von 10 Milliarden Dollar.
Gegenbewegung: Die Sehnsucht nach dem echten Leben
Die KI-Flut markiert laut Experten jedoch nicht den sofortigen Tod, sondern eine radikale Umformung. Statt Freunde und Familie sehen wir immer mehr Unterhaltungs-Content und Werbung. Wenn Algorithmen bestimmen, was wir sehen, und KI-Bots die Kommentarspalten füllen, schwindet das Vertrauen. Gleichzeitig, fällt es immer schwerer, zwischen KI und echten Aufnahmen zu unterscheiden. PR-Fachmann Ruisinger warnt: „Wir kommen an einen Punkt, an dem wir nicht mehr wissen, ob etwas echt ist. Das macht mir persönlich wirklich Bauchschmerzen.“
Dass wir uns bereits an einem Wendepunkt befinden könnten, zeigt eine Analyse der „Financial Times“: Demnach markierte das Jahr 2022 den vorläufigen Höhepunkt der täglichen Social-Media-Nutzung. Seither sinken die Zahlen über fast alle Netzwerke hinweg spürbar. Doch die Kehrtwende kommt nicht für jeden rechtzeitig: Eine aktuelle Studie der DAK zeigt, dass die problematische und suchtartige Mediennutzung bei 10- bis 17-Jährigen in Deutschland auf anhaltend hohem Niveau liegt und damit deutlich höher ist als vor der Corona-Zeit. Auch die Nutzung von KI-Chatbots ist drastisch angestiegen.
„Ich glaube, wir werden uns künftig viel stärker in kleinen, geschlossenen Gruppen austauschen“, ordnet Dominik Ruisinger ein. Die Flucht in „Micro-Communitys“ wie geschlossene Chat-Gruppen oder Broadcast-Kanäle versteht er als direkte Reaktion auf die anonymen, KI-gesteuerten Massen-Feeds.
Social Media: Das Ende einer Ära
Ist das der Tod der Sozialen Netzwerke? In ihrer ursprünglichen Form als Ort der zwischenmenschlichen Vernetzung: Womöglich schon. „Soziale Medien verschwinden nicht, aber die Nutzung verändert sich“, sagt Dominik Ruisinger. „Irgendwann ist es egal, ob der Inhalt von einem Menschen kommt oder von einer KI-Figur.“ Schon jetzt posten Nutzer weniger Privates als noch vor ein paar Jahren.
Die Zukunft gehört wohl den KI-Influencern und der KI-Assistenz, während der klassische Feed zur algorithmisch kuratierten Dauerberieselung verkommt. Für den Nutzer von 2026 ist Medienkompetenz daher wichtiger denn je: Nur wer versteht, wie Algorithmen funktionieren, und KI von echten Aufnahmen unterscheiden kann, kann sich der Manipulation entziehen.





