Nicht mehr fruchtbar sein, und das war es dann? Fast alle weiblichen Tiere sterben, wenn sie keinen Nachwuchs mehr gebären können. Ihre Aufgabe der Fortpflanzung ist erledigt, der eigene Anteil zum Überleben der Art gesichert. Aber es gibt Ausnahmen bei Säugetieren: Nur Menschen und einige Wal- und Menschenaffenarten kommen in die Menopause. Sie leben oft Jahrzehnte weiter, ohne noch Nachwuchs zu bekommen.

Jeden 2. Sonntag
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Die Natur hat das so eingerichtet, es muss also einen evolutionären Grund dafür geben. Die Großmutter-Hypothese ist die populärste Erklärung. Sie argumentiert damit, dass eine lange Lebensdauer nach der Menopause Sinn ergibt. Was dahintersteckt, lesen Sie hier.
Auch interessant
Diese Aufgaben übernehmen Weibchen nach der Menopause
Zum Beispiel unterstützen Gorilla-Omas die junge Generation. So sichern sie Überleben und Fortpflanzung ihrer Kinder und Enkel. Bei Zahnwalen (Orcas, Kurzflossen-Grindwalen, falschen Schwertwalen, Beluga- und Narwalen) können die weiblichen Tiere nach der Menopause ebenfalls lange weiterleben. Eine britische Forschungsgruppe bestätigte, dass sich Wal-Großmütter nach den Wechseljahren fürsorglich gegenüber ihren Nachkommen verhalten und ihnen Erfahrungen vermitteln. Ältere Zahnwal-Weibchen etwa verteilten Nahrung in ihrer Gruppe.
Bei weiblichen Schimpansen in Uganda stellten Forscher fest, dass sie nach dem 30. Lebensjahr weniger Nachwuchs bekamen und ab 50 Jahren keinen mehr. Diese Affen wurden 60 Jahre alt oder älter. Anhand von Urinproben fanden Experten heraus, dass sie eine ähnliche Hormonumstellung durchlebten wie menschliche Frauen: Östrogen- und Gestagen-Spiegel sanken während der unfruchtbaren Phase. In Zoos hatte man vorher schon länger beobachtet, dass unfruchtbar gewordene Tiere alt werden.

Dr. med. vet. Kerstin Ternes, Tierärztin im Duisburger Zoo, erklärt: „Warum die Menopause evolutionär so entstanden ist, kann man selbst beim Menschen nur schwer sagen, und dort – wie auch im Tierreich – wird sie noch mit vielen kontroversen Meinungen diskutiert.“ Ternes sagt, man wisse bislang nicht einmal, bei welchen Tierarten die Menopause noch vorhanden sei und warum. „Was bei dem einen sinnvoll ist, ergibt bei dem anderen keinen Sinn. Hat man einen logischen Ansatz gefunden, wird er bei derselben Tierart an einem anderen Ort widerlegt. Die Forschung steckt noch in den Kinderschuhen.“
Zwischen dem Leben im Zoo und in der Wildnis
Sicher sei, so die Veterinärin, dass es bei den genannten Affen- und Zahnwal-Arten eine Menopause gibt, da sie hormonell nachgewiesen werden konnte. „Bei Schimpansen geht man von einem Fünftel ihrer Lebenszeit postreproduktiv aus, bei Zahnwalen und Menschen viel länger.“ Die Wildbahn sei aber nur schwer mit dem Leben im Zoo zu vergleichen. Es gibt dort keine Gefahren, Tiere werden medizinisch überwacht und können deshalb alt werden. Wilde Schimpansen werden gejagt, können ihren Lebensraum verlieren und haben Konkurrenz um Nahrungsressourcen.
Zur Großmutter-Hypothese erklärt Tierärztin Ternes, dass Orcas in einem Matriarchen-Verband leben. Die älteren Weibchen durchlaufen eine Menopause und nützen den jüngeren Tieren. „Sie helfen bei der Jagd, bringen ihren Erfahrungsschatz beim Auffinden der Lachsbestände ein und helfen sogar, die jüngeren Männchen mit den benötigten Kalorien zu versorgen.“ Man nehme sogar an, dass die Männchen nur so lange leben, wie die alten Weibchen ihnen helfen.

Sterben also hilflose Männchen, wenn alte Weibchen sie nicht mehr päppeln? Das dürfte dem Weltbild mancher Menschenmänner widersprechen. Die Zoo-Veterinärin schränkt ein: „Ob das alles so stimmt, ist schwierig zu belegen. Aber bei gut sichtbaren, beobachteten Populationen hat man dieses Verhalten tatsächlich festgestellt, unter anderem auch bei Belugas, die eigentlich nicht in solchen komplexen Sozialstrukturen wie Orcas leben.“
„Dort verlassen die jungen Weibchen nach Eintreten der Geschlechtsreife die Familie“
Ein Gegenbeispiel für liebevoll sorgende Seniorinnen: Bei der erforschten Gruppe Schimpansen im ugandischen Ngogo verhalte es sich völlig anders. „Dort verlassen die jungen Weibchen nach Eintreten der Geschlechtsreife die Familie, und so kann die Oma sie natürlich nicht unterstützen. Dort wurde das Großmutterverhalten noch nie gesehen.“ Die Menopause trete hier wohl eher auf, damit die älteren Weibchen aus der neuen Gruppe nicht mit den jüngeren Tieren um die Kopulationspartner (sprich: Männchen) konkurrieren. „In der Natur werden nur selten Ressourcen verschwendet, und das wäre für die älteren Damen sehr kräftezehrend.“ In der Fachsprache heißt das Reproduktions-Konflikthypothese.
Neue Studie über Menopause
Auch bei Zahnwalen wird diese Kerstin Ternes zufolge immer wieder diskutiert. Die Tierärztin erläutert: „Hier erhöht sich der lokale Verwandtschaftsgrad, da die Söhne ebenfalls weiter in der Gruppe bleiben. Zusätzlich wurde hier und bei Orcas nachgewiesen, dass die Sterblichkeit von Kälbern der älteren Weibchen um das 1,7-Fache ansteigt, wenn Mütter und Töchter gleichzeitig zur Zucht kommen.“ Hier sei es also auch sinnvoller, dass ausschließlich die jüngeren Tiere Kinder bekommen.
In gut erforschten Orca-Gruppen werden die Weibchen über 60 Jahre alt, während für die Männchen meist mit 30 schon das Lebensende erreicht ist. Dafür gibt es viele Gründe: Kämpfe zwischen den Männchen, der erhöhte Nahrungsbedarf der großen Männer und eben das Versterben der erfahrenen Weibchen und damit ihrer Unterstützung.
Orcas, Haie und Tiere im Meer
Ausgeprägtes Sozialleben: Die Menopause entwickelt sich
Menschen und Tiere mit Menopause zeichnet ein ausgeprägtes Sozialleben aus, weiß Dr. Ternes. „Das ergibt auf jeden Fall Sinn bei der Großmutter-Hypothese. Aber eine Menopause beim Menschen gibt es schon sehr lange, nur wird der zeitliche Abstand immer deutlicher, je ausgeprägter die Medizin ist und je länger wir leben.“ Interessant findet sie, dass eine übergeordnete Funktion der evolutionäre Treiber sein müsse. „Gerade bei Zahnwalen hat sich die Menopause mehrfach evolutionär entwickelt, da die betroffenen Arten sich auf unterschiedlichen Abstammungslinien befinden.“
Auch im Duisburger Zoo werden die Tiere oft deutlich älter als in der Natur. „Bei sehr vielen Tierarten zeigt sich, wie sehr junge von alten, erfahrenen Tieren profitieren“, erzählt Kerstin Ternes. „Bei unseren Delfinen übernimmt die ganze Gruppe die Jungtieraufzucht. 2011 haben unser ältestes Delfinweibchen Pepina und ihre Tochter Daisy – 1996 bei uns geboren – im Abstand von zwei Wochen Jungtiere bekommen, Diego und Darwin. Beide Muttertiere sind mit ihren Jungtieren gemeinsam geschwommen, und Pepina hat ihrer noch unerfahrenen Tochter sehr viel Sicherheit geben können. Wir sehen aber auch bei den älteren Geschwistertieren und Tanten, dass sie immer wieder Babysitter-Aufgaben übernehmen. Und das zeigt die komplexe Sozialstruktur.“









