Semaglutid, der Wirkstoff aus Abnehmspritzen wie „Ozempic“, könnte künftig auch Menschen mit Alkoholabhängigkeit helfen. Eine neue Studie, die im Fachjournal „The Lancet“ veröffentlicht wurde, zeigt: Übergewichtige Betroffene, die mit Semaglutid behandelt wurden, reduzierten ihr Suchtverhalten spürbar. Es ist die erste randomisiert-kontrollierte klinische Studie, die die Wirksamkeit des Mittels bei Alkoholabhängigkeit untersucht hat.

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An der nun veröffentlichten Untersuchung nahmen 108 Personen mit starkem Übergewicht und mittlerer bis schwerer Alkoholkonsumstörung teil. Die Hälfte erhielt über 26 Wochen wöchentlich Semaglutid, die andere Hälfte eine Placebo-Injektion mit Kochsalzlösung. Alle Teilnehmenden bekamen zusätzlich Psychotherapie.

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Zahl der „Heavy Drinking Days“ sank in Semaglutid-Gruppe

Zentrales Ergebnis: Die Zahl der Tage mit starkem Alkoholkonsum ging in der Semaglutid-Gruppe deutlich stärker zurück als in der Placebo-Gruppe. Solche „Heavy Drinking Days“ sind Tage, an denen Frauen mehr als 48 Gramm und Männer mehr als 60 Gramm reinen Alkohol trinken – das entspricht etwa 2,5 Litern Bier oder einem Liter Wein. Unter Semaglutid sank die Zahl dieser Tage um 41,1 Prozentpunkte, unter Placebo um 26,4 Prozentpunkte. Auch insgesamt tranken die mit dem Abnehmwirkstoff Behandelten weniger Alkohol – auch abseits der „Heavy Drinking Days“ – und berichteten von einem weniger starken Verlangen.

„Das ist klinisch relevant, besonders weil für die bisher zugelassenen Medikamente – wie Acamprosat und Naltrexon – lediglich kleine bis moderate Effekte beobachtet wurden“, so Studienautor Patrick Bach vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim gegenüber dem „Science Media Center“ (SMC).

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Nebenwirkungen: Übelkeit, Verstopfung, erhöhte Leberwerte

Nebenwirkungen traten vorwiegend im Magen-Darm-Bereich auf – Übelkeit, Erbrechen, Appetitverlust, Durchfall oder Verstopfung sowie erhöhte Leberwerte – und waren in der Semaglutid-Gruppe häufiger. Vier Teilnehmer, also sieben Prozent, der Semaglutid-Gruppe brachen die Studie aufgrund der Nebenwirkungen ab. Das sind deutlich mehr als in der Placebo-Gruppe.

Gleichzeitig betonen Expertinnen und Experten die eingeschränkte Aussagekraft der Ergebnisse: Die Untersuchung fand an einem Zentrum mit 108 Teilnehmenden statt, eingeschlossen wurden nur Menschen mit Übergewicht. „Dies begrenzt die Generalisierbarkeit auf die Gesamtpopulation der Personen mit Alkoholabhängigkeit stark“, so Bach. „Darüber hinaus fehlen Daten zum Alkoholkonsum nach Studienende. Somit bleiben Fragen unbeantwortet, nämlich jene nach der Nachhaltigkeit der Effekte und nach potenziellen ,Rebound‘-Effekten, wie sie für die gewichtsreduzierende Wirkung beobachtet wurden.“ Für eine breite Anwendung oder Empfehlung, die Mittel bei Suchterkrankungen zu nutzen, sei es daher noch zu früh.

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Semaglutid könnte auch bei anderen Süchten helfen

Wie das Medikament bei Süchtigen wirkt, ist noch nicht abschließend geklärt. Studienautorin Sophia Khom-Steinkellner vom Department für Pharmazeutische Wissenschaften an der Universität Wien vermutet: „Dabei scheint diese Substanzklasse nicht nur auf Appetit und Stoffwechsel zu wirken, sondern direkt in suchtassoziierte Schaltkreise des Gehirns einzugreifen.“ Insgesamt spreche vieles dafür, dass es wie eine Art „natürliches Bremssystem für belohnenden Substanzkonsum“ wirke, so die Wissenschaftlerin.

Der Blick über Alkohol hinaus sei vielversprechend – aber vorläufig. Bisherige Beobachtungsstudien berichten auch von reduzierter Opioid-, Cannabis- und Nikotinabhängigkeit bei Personen, die Wirkstoffe wie Semaglutid einnehmen. Auch hier sind aber noch weitere Studien nötig.

Beratungsstellen helfen bei Suchterkrankungen

Sie leben mit einer Abhängigkeitserkrankung oder haben den Verdacht, süchtig zu sein? Sie sind Angehöriger eines Menschen mit Abhängigkeitserkrankung und suchen nach Hilfe? Suchtberatungsstellen in Deutschland bieten vertrauliche Hilfe bei allen Fragen rund um das Thema Sucht.

• Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS): Die DHS ist die zentrale Dachorganisation der Suchthilfe in Deutschland. Auf ihrer Website finden Sie eine Liste von regionalen Suchtberatungsstellen und Fachkliniken: www.dhs.de

• Sucht & Drogen Hotline: Die Hotline ist rund um die Uhr unter der kostenlosen Rufnummer 01806 313031 erreichbar und bietet telefonische Beratung für Betroffene und Angehörige.

• Bundesweite Online-Sprechstunde der Suchthilfe: Über das Portal des Fachverbands Sucht können Sie eine Online-Beratung in Anspruch nehmen. Die Beratung erfolgt anonym, sicher und datenschutzkonform.

• Anonyme Selbsthilfegruppen: Verschiedene Selbsthilfegruppen wie die Anonymen Alkoholiker (AA) oder die Narcotics Anonymous (NA) bieten Treffen für Betroffene an, um sich untereinander auszutauschen und zu unterstützen. Informationen zu Treffen finden Sie auf den jeweiligen Websites.

Zusätzlich können Sie auch bei Ihrem Hausarzt, beim Gesundheitsamt oder bei psychiatrischen Kliniken weitere Unterstützung erhalten.

awe