Zusammenfassung

  • Auf einem Kreuzfahrtschiff ist es zu einem Ausbruch des gefährlichen Hantavirus gekommen
  • Das Virus wird meist von infizierten Nagetieren auf den Menschen übertragen
  • Experten halten das Risiko einer weltweiten Ausbreitung derzeit für gering

Acht Menschen haben sich auf einer Reise mit dem Kreuzfahrtschiff „MV Hondius“ mit dem Hantavirus infiziert. Drei Passagiere sind mittlerweile gestorben, mehrere Erkrankte wurden zur weiteren Behandlung ausgeflogen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weiß außerdem von drei weiteren Fällen, die noch untersucht werden. Wie gefährlich ist das Virus und hat es das Potenzial, die nächste Pandemie auszulösen? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Was sind Hantaviren?

Hantaviren sind behüllte RNA-Viren. Ein RNA-Virus ist ein Virus, dessen Erbgut aus Ribonukleinsäure (RNA) besteht. Der Name Hantavirus leitet sich nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) vom koreanischen Fluss Hantan-gang ab. Während des Koreakrieges Anfang der 1950er-Jahre erkrankten mehrere Tausend Soldaten an einer schwer verlaufenden Virusinfektion. Der für die Erkrankungen verantwortliche Erreger konnte später identifiziert werden und erhielt den Namen „Hantan“.

Hantavirus: Weltweite Verbreitung abhängig von Wirtstieren

Wo kommen die Viren vor?

Hantaviren sind laut RKI weltweit verbreitet. Aufgrund der unterschiedlichen Verbreitung der jeweiligen Wirtstiere, vornehmlich Mäuse und Ratten, sind die verschiedenen Spezies des Virus geografisch unterschiedlich verteilt.

Hantavirus - Entwicklung im Blog

Hantaviren, die auf dem amerikanischen Kontinent vorkommen, werden auch als „Neuwelt“-Hantaviren bezeichnet. Dazu gehört auch der Andes-Virustyp in Südamerika, der nun bei den Erkrankten auf dem Kreuzfahrtschiff „MV Hondius“ festgestellt worden ist. Weitere bekannte Hantavirustypen sind Puumalavirus, Dobrava-Belgrad-Virus, Seoulvirus oder Sin-Nombre-Virus.

Wie ist das Vorkommen in Deutschland?

In Deutschland sind nach Untersuchungen des Konsiliarlabors für Hantaviren und des RKI Infektionen mit dem Puumalavirus vor allem im Süden und Westen des Landes sowie einer Variante des Dobrava-Belgrad-Virus vorherrschend.

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Eine Hantavirus-Infektion ist meldepflichtig. Die Zahl der bundesweit übermittelten Erkrankungen variiert laut RKI von Jahr zu Jahr stark. Sie bewegte sich bisher zwischen einem Tiefstwert von 72 gemeldeten Fällen im Jahre 2006 und 2825 gemeldeten Fällen 2012. „Die durchschnittliche jährliche Inzidenz lag zwischen 2010 und 2019 bei 1,3 Fällen pro 100.000 Einwohner“, so das RKI.

Hantavirus
Hantaviren unter dem Elektronenmikroskop.© Hans R. Gelderblom/RKI/dpa | Hans R. Gelderblom

Wie steckt man sich an?

Menschliche Hantavirus-Infektionen werden primär zoonotisch übertragen, also vom Tier auf den Menschen. In erster Regel tragen Mäuse und Ratten das Virus in sich und scheiden es über Speichel, Urin oder Kot aus. Übertragen wird es dann etwa durch Stäube, die Menschen einatmen, oder durch Bisse.

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„Mensch-zu-Mensch-Übertragungen wurden nur selten und bislang im Wesentlichen im Zusammenhang mit dem Andes-Virus beschrieben“, sagt Prof. Roman Wölfel, Oberstarzt und Leiter des Instituts für Mikrobiologie der Bundeswehr in München. Die bislang dokumentierten Fälle traten Wölfel zufolge überwiegend bei sehr engem und längerdauerndem Kontakt auf, etwa im familiären Umfeld oder in der medizinischen Versorgung.

Hantavirus: Symptome und Verlauf einer Infektion

Welche Symptome gibt es und wie lange dauert es, bis die Krankheit ausbricht?

Ein großer Teil der Hantavirus-Infektionen verläuft asymptomatisch oder mit unspezifischen Symptomen. Darüber hinaus können Hantaviren je nach Virustyp verschieden schwere Krankheitsbilder hervorrufen.

Experten alarmiert

Asiatische und europäische Virus-Stämme sind Auslöser etwa von hohem Fieber, Schüttelfrost und Lethargie, Kopfschmerzen, Bauch- und Rückenschmerzen, Schwindelgefühl, Benommenheit und Sehstörungen, gelegentlich auch von Haut- und Schleimhautblutungen. Hantaviren aus Nord- und Südamerika verursachen hingegen oft abruptes hohes Fieber mit unspezifischen Symptomen wie Übelkeit, Erbrechen, Schwäche, Schwindel oder Schmerzen. In einer späteren Phase, etwa vier bis zehn Tage nach Symptombeginn, treten dann oft Husten und Atemnot auf.

Die Inkubationszeit, also die Zeit zwischen Infektion und Bemerken von Symptomen, beträgt meist zwei bis vier Wochen, in Ausnahmefällen kann sie laut RKI bis zu 60 Tage betragen.

Wie tödlich ist das Virus?

Die Tödlichkeit einer bestimmten Krankheit wird in der Medizin als Letalität bezeichnet. Beim Hantavirus ist sie je nach Virustyp unterschiedlich. Bei Puumalavirus-Infektionen, wie sie vornehmlich in Deutschland auftreten, liegt sie deutlich unter 0,1 Prozent, bei solchen durch Dobrava-Belgrad-Infektionen wurde sie mit 0,3 bis 0,9 Prozent bestimmt. Todesursachen sind hauptsächlich Schock oder Nierenversagen. Ganz anders ist das beim jetzt auf der „MV Hondius“ festgestellten Andes-Virus. Hier liegt die Letalität bei bis zu 40 Prozent. Hier versagt im Verlauf der Infektion dann meist das Zusammenspiel von Herz und Lunge.

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Wie schätzen Experten das Risiko einer weltweiten Hantaviren-Pandemie ein?

„Für die Allgemeinbevölkerung in Europa erscheint das Risiko nach den derzeit öffentlich verfügbaren Einschätzungen sehr gering, sofern Kontaktpersonen identifiziert, symptomatische Personen rasch isoliert und medizinische Schutzmaßnahmen eingehalten werden“, sagt Dr. Roland Schwarzer, Forschungsgruppenleiter am Institut für die Erforschung von HIV und Aids-assoziierten Erkrankungen am Universitätsklinikum in Essen. Zwar sei es möglich, dass aufgrund der Inkubationszeit noch einzelne weitere Fälle erkannt würden, „ein großflächiges Ausbruchsgeschehen in der Allgemeinbevölkerung ist nach derzeitigem Wissensstand jedoch nicht zu erwarten.“

Andes-Virus: Internationale Untersuchungen sollen Klarheit bringen

Wichtig ist aus Schwarzers Sicht eine „nüchterne Kommunikation“: Das Andes-Hantavirus verdiene Aufmerksamkeit, weil es unter bestimmten Bedingungen von Mensch zu Mensch übertragen werden könne. „Gleichzeitig ist diese Übertragung nach bisherigem Wissen selten und erfordert typischerweise engen Kontakt und ist nicht mit der Ausbreitungsdynamik hochansteckender respiratorischer Viren gleichzusetzen. Ebenso sollte nicht der Eindruck entstehen, dass heimische Hantaviren in Deutschland nun ein neues Risiko für Mensch-zu-Mensch-Übertragungen darstellen“, so Schwarzer.

Der Virologe Schmidt-Chanasit hält es für durchaus möglich, dass sich weitere Menschen mit dem Hantavirus infiziert haben.
Der Virologe Schmidt-Chanasit hält es für durchaus möglich, dass sich weitere Menschen mit dem Hantavirus infiziert haben.© dpa | Christian Charisius

Die Einschätzung teilt auch Prof. Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Abteilung Arbovirologie und Entomologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. „Das Andes-Virus verhält sich nicht wie Sars-CoV-2. Es breitet sich nach bisherigem Wissen nicht effizient über flüchtige Alltagskontakte in der Bevölkerung aus.“

Gleichwohl betont Roman Wölfel: „Der vorliegende Fall ist epidemiologisch und virologisch ungewöhnlich.“ Eine abschließende Bewertung sei erst nach Vorliegen detaillierter molekularer Daten möglich. „Die laufenden internationalen Untersuchungen unter Einbindung der Weltgesundheitsorganisation lassen jedoch erwarten, dass hierzu zeitnah belastbarere Erkenntnisse vorliegen werden“, so Wölfel.