Muttertag ist ein Anlass für Wertschätzung – doch viele Mütter sind im Alltag dauerhaft überlastet. Denn zwischen Job, Familie und unbezahlter Sorgearbeit geraten viele Frauen dauerhaft an ihre Belastungsgrenzen. Rebekka Rupprecht vom Müttergenesungswerk erklärt im Interview, warum es mehr gesellschaftliche Anerkennung braucht und was die Politik ändern sollte.

Frau Rupprecht, am Muttertag stehen die Mütter im Vordergrund. Doch sie brauchen eigentlich viel mehr als nur Blumen und Pralinen, oder?

Rebekka Rupprecht: Absolut. Blumen und Pralinen sind zwar eine schöne Geste, aber sie ersetzen keine echte Entlastung im Alltag. Viele Mütter tragen heute eine enorme Verantwortung: Sie kümmern sich um Kinder, organisieren Familienalltag, übernehmen oft unbezahlte Sorgearbeit für Angehörige und sind gleichzeitig berufstätig. Diese dauerhafte Mehrfachbelastung führt nicht selten zu Erschöpfung und gesundheitlichen Problemen.

Welche Rolle spielen gesellschaftliche Erwartungen an „die gute Mutter“ bei dieser Überforderung?

Wir erleben im Müttergenesungswerk immer wieder, dass Mütter ihre eigenen Bedürfnisse über lange Zeit zurückstellen, weil sie glauben, funktionieren zu müssen. Das Bild der „guten Mutter“ ist oft immer noch geprägt von dem Anspruch, allem gleichzeitig gerecht werden zu müssen: liebevoll und jederzeit verfügbar zu sein, beruflich engagiert zu arbeiten, den Familienalltag perfekt zu organisieren und dabei möglichst gelassen und dankbar zu wirken. Dieser Druck ist enorm. Deshalb ist es so wichtig, gesellschaftlich umzudenken: weg vom Perfektionsanspruch, hin zu mehr Solidarität und mehr Verständnis dafür, dass auch Mütter Grenzen haben und Unterstützung brauchen.

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Jährlich 117 Milliarden Stunden unbezahlte Care-Arbeit – allein in Deutschland

Frauen leisten nach wie vor den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit. Warum hat sich daran trotz jahrzehntelanger Gleichstellungsdebatten so wenig geändert?

Gesellschaftliche Rollenbilder und Erwartungen verändern sich oft nur langsam und prägen nach wie vor, unter welchen Bedingungen Care-Arbeit möglich ist und auch welcher Anspruch an Frauen und Männer gestellt wird. Mangelnde Betreuungsmöglichkeiten oder unflexible Arbeitszeiten erschweren zudem eine gerechte partnerschaftliche Aufteilung. Hinzu kommt, dass Care-Arbeit in unserer Gesellschaft noch immer zu wenig sichtbar und zu wenig wertgeschätzt wird – obwohl sie die Grundlage unseres Zusammenlebens ist.

Schauen Sie sich nur diese Zahlen an: In Deutschland werden jährlich 117 Milliarden Stunden unbezahlte Sorgearbeit geleistet, das entspricht einem Wert von mindestens 1,2 Billionen Euro. Das ist 19-mal so viel wie der Bundesgesundheitsetat 2026. Die Hauptlast dieser unbezahlten Care-Arbeit liegt auf den Schultern von Frauen. Aber das wird politisch und gesellschaftlich oft ignoriert.

Rebekka Rupprecht ist Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks.
Rebekka Rupprecht ist Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks. © epd | Bernhardt Link

Müssen Frauen noch lauter werden, um auf ihre unbezahlte Care-Arbeit aufmerksam zu machen?

Frauen sind seit vielen Jahren laut. Gleichzeitig erleben wir, dass viele, die Care-Arbeit leisten, aus Erschöpfung gar nicht mehr die Kraft haben, permanent auf Missstände aufmerksam zu machen. Viel wichtiger ist es, dass Politik, Wirtschaft und Gesellschaft endlich konsequent hinhören und handeln. Care-Arbeit darf nicht länger als private Selbstverständlichkeit betrachtet werden, sondern muss als gesellschaftlich unverzichtbare Leistung anerkannt werden. Denn ohne diese Arbeit würde unser Alltag schlicht nicht funktionieren. Aber um direkt auf Ihre Frage zu antworten: Ja, je lauter, umso besser. Damit keine Möglichkeit mehr bleibt, Sorgearbeit Leistende zu ignorieren.

Viele Ansatzpunkte, um die Mütter gezielt zu entlasten

Was müsste sich konkret ändern, damit Mütter mehr entlastet werden und Care-Arbeit gerechter verteilt wird?

Care-Arbeit muss verbindlich als systemrelevante Leistung anerkannt und in allen politischen Entscheidungen mitgedacht werden – etwa durch ein eigenes nationales Gesundheitsziel für Sorgearbeit Leistende. Diese Forderung findet man auch in unserem Care-Manifest. Und es gibt viele weitere Ansatzpunkte, an denen sich gesellschaftlich etwas ändern muss. Arbeitsmodelle, die Familienrealitäten besser berücksichtigen: flexible Arbeitszeiten, mehr partnerschaftliche Lösungen bei Elternzeit und Pflegezeiten sowie eine Arbeitskultur, in der Sorgearbeit nicht als persönliches Problem angesehen wird. Auch eine verlässliche und qualitativ gute Kinderbetreuung gehört dazu, denn viele Mütter geraten schon deshalb an ihre Grenzen, weil permanent Betreuungslücken entstehen.

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Ein wichtiger Punkt ist die gesundheitliche Unterstützung von Müttern. Viele Frauen suchen erst Unterstützung, wenn die Erschöpfung bereits sehr groß ist. Gerade Angebote zur Prävention wie die Mutter-Kind-Kuren sowie die Beratung müssen deshalb leicht zugänglich und langfristig abgesichert sein.

Kritiker sagen, mehr Investitionen in Care-Arbeit, Prävention und Unterstützung für Familien seien finanziell kaum tragbar. Was entgegnen Sie diesem Argument?

Ich würde eher sagen: Wir können es uns nicht leisten, nicht zu investieren. Wenn Mütter, Väter und pflegende Angehörige dauerhaft überlastet sind, hat das enorme gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen – von gesundheitlichen Belastungen über Arbeitsausfälle bis hin zu langfristigen psychosozialen Problemen in Familien. Prävention und Unterstützung sind deshalb keine „freiwilligen Extras“, sondern wichtige Investitionen in die Gesundheit und Stabilität unserer Gesellschaft. Jeder Euro, der frühzeitig in Entlastung, Beratung und Gesundheitsangebote fließt, kann später deutlich höhere Kosten vermeiden.

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Ein häufiges Gegenargument lautet, frühere Generationen von Frauen hätten mehrere Kinder großgezogen und Care-Arbeit „ohne Unterstützung“ bewältigt.

Zunächst einmal: Auch heute bewältigen es die Frauen oft ohne Hilfe. Die Frage sollte aber nicht lauten, ob man die Care-Arbeit bewältigt, sondern wie und in welchem Zustand. Abgesehen davon werden Herausforderungen früherer Generationen oft romantisiert. Auch damals war Care-Arbeit mit hoher körperlicher und psychischer Belastung verbunden. Nur die Umstände haben sich über die Jahre verändert, nicht jedoch, dass Sorgearbeit schnell zur Überbelastung führt.

Auch damals hatten Mütter große Herausforderungen. Genau aus diesem Grund wurde das Müttergenesungswerk 1950 gegründet. Denn schon damals sagte unsere Gründerin, wie wichtig es ist, Frauen und Mütter in ihrer Gesundheit gezielt zu unterstützen. Das zeigt sehr deutlich, dass Überforderung kein modernes Phänomen ist, sondern seit Jahrzehnten ein strukturelles Thema bleibt.