In einer archäologischen Studie haben Forscher die knöchernen Überreste von rund 200 Menschen aus dem antiken Skandinavien und der Wikingerzeit untersucht, die im häuslichen Umfeld bestattet worden waren. Die Analysen ergaben Hinweise darauf, dass mehrere der Verstorbenen gewaltsam ums Leben gekommen sein könnten. Sowohl menschliche Überreste in Gebäudefundamenten als auch Funde aus einem Brunnen weisen schwere Verletzungen auf.
Schädel und Knochen offenbaren Opfer von Gewalt
Untersuchungen von Prof. Dr. Marianne Hem Eriksen, Archäologin am Kulturhistorischen Museum und an der Universität Oslo, zeigen, dass Menschen im eisenzeitlichen und wikingerzeitlichen Skandinavien auch im häuslichen Umfeld erheblicher Gewalt ausgesetzt waren. Gemeinsam mit weiteren Wissenschaftlern analysierte Eriksen die Überreste von 192 Menschen, die zwischen etwa 500 v. Chr. und 1050 n. Chr. lebten und innerhalb von Siedlungen im Gebiet des heutigen Dänemarks, Norwegens und Schwedens bestattet worden waren.
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Die Forscher der Studie, über die „Live Science“ berichtet, weisen darauf hin, dass die Toten dieser Epochen keineswegs ausschließlich in monumentalen Grabhügeln, Urnenfeldern oder auf Friedhöfen beigesetzt wurden. Archäologische Ausgrabungen belegen vielmehr, dass menschliche Überreste auch in Pfostenlöchern, Gruben, Fußböden und Brunnen sowie innerhalb von Wohnhäusern, auf Höfen und in Festhallen deponiert wurden. Diese ungewöhnlichen Bestattungsorte werfen Fragen nach den damaligen Bestattungsritualen und der sozialen Bedeutung der Verstorbenen auf.
Bei der Untersuchung der menschlichen Überreste fanden die Forscher bei mindestens zwölf Personen Hinweise auf Verletzungen, die auf Gewalteinwirkung vor dem Tod hindeuten. Die Mehrheit der Opfer waren Männer. Allerdings wiesen auch zwei Frauen und ein Kind entsprechende Verletzungen auf, die sich anhand der Knochen dokumentieren ließen.
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Grausiger Fund: Schädel eines Jungen im Fundament
Ein besonders erschütternder Fund wird in der Studie ausführlich beschrieben. In einem eisenzeitlichen Haus in Dänemark, das zwischen 500 und 100 v. Chr. errichtet wurde, entdeckten Archäologen ein Stirnbein, das von einem Kind im Alter zwischen zwei und vier Jahren stammte. Nach Einschätzung von Marianne Hem Eriksen wurde das Kind mit einem Schwert erschlagen. „Der Schädel des Kindes wurde auf den Boden eines Hauses gelegt, in dem weiterhin Menschen lebten. Das bedeutet, dass Tag für Tag jemand über den Schädel eines Kindes hinweggelaufen ist“, erklärt die Archäologin.

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Eine Radiokarbondatierung ergab allerdings, dass der Schädel etwa 200 Jahre älter ist als das Gebäude, in dem er entdeckt wurde. Die Forscher vermuten daher, dass die Überreste zunächst an einem anderen Ort aufbewahrt und erst deutlich später im Fundament des Hauses niedergelegt wurden.
Wikingerzeit: Verletzter Schädel einer jungen Frau
Ein weiterer bemerkenswerter Fund betrifft eine junge Frau, deren Schädel in einem Brunnen entdeckt wurde. Die Forscher datieren den Fund in die Wikingerzeit zwischen 750 und 1050 n. Chr. Ihren Analysen zufolge könnte die Frau durch Hiebe mit einem Schwert oder einer Axt getötet worden sein. Der Brunnen lag innerhalb einer kleinen Siedlung aus vier Häusern, deren räumliche Anordnung auf eine eng verbundene Wohngemeinschaft hindeutet.
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Auch in Gammel Lejre, einer bedeutenden Fundstätte aus der Wikingerzeit, machten Archäologen aufschlussreiche Entdeckungen. Dort befindet sich ein königlicher Festsaal, der von zahlreichen Forschern als mögliche Inspirationsquelle für das altenglische Epos „Beowulf“ angesehen wird. Unmittelbar südlich des Gebäudes wurde das Skelett eines Mannes gefunden, das Spuren zahlreicher stumpfer Gewalteinwirkungen aufwies. Einige der Verletzungen waren bereits zu Lebzeiten verheilt. Die Befunde lassen darauf schließen, dass der Mann wiederholt körperlichen Verletzungen ausgesetzt war und möglicherweise ein von Schmerzen geprägtes Leben führte.
Die Ergebnisse der Untersuchung eröffnen neue Perspektiven auf die Gesellschaften der Eisenzeit und der Wikingerzeit. Sie verdeutlichen, dass sich anhand menschlicher Überreste nicht nur gewaltsame Ereignisse rekonstruieren lassen, sondern auch Rückschlüsse auf soziale Beziehungen, Lebensbedingungen und den Umgang mit Verstorbenen möglich sind.
Warum wurden die Menschen zu Opfern?
Welche Umstände zu den dokumentierten Todesfällen führten, lässt sich anhand der vorliegenden Studie nicht abschließend klären. Die Forscher halten es jedoch für möglich, dass es sich bei den Betroffenen um Opfer gewaltsamer Auseinandersetzungen im häuslichen Umfeld und nicht um Gefallene kriegerischer Konflikte handelte. Ebenso könnten gesellschaftlich akzeptierte Formen körperlicher Bestrafung oder innergemeinschaftliche Aggressionen zu ihrem Tod geführt haben.
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Die Ergebnisse werfen damit auch grundlegende Fragen nach dem gesellschaftlichen Wert des einzelnen Lebens im damaligen Skandinavien auf. „Nicht alle Leben wurden in der skandinavischen Eisenzeit und Wikingerzeit gleichermaßen betrauert und gewürdigt. Wir können uns fragen, ob manche Leben bereits als entbehrlich galten“, schreiben die Wissenschaftler.










