Ein Leser erinnert sich an ein Ereignis Mitte der 1960er Jahre im Kahlaer Porzellanwerk, das damals für große Aufregung sorgte und zugleich zeigte, wie gut Helfer Hand in Hand arbeiteten. Reiner Thoß aus Jena hat die dramatischen Stunden so zusammengefasst:
Die bedauerliche Schließung des Kahlaer Porzellanwerkes gibt mir Anlass, über ein Beispiel zu berichten, mit welchem fantastischen Engagement dort an der Beseitigung schlimmer Folgen einer Kranhavarie gearbeitet wurde.
Beinah-Katastrophe wird beim Blick nach oben offenkundig
Über einen Gleisanschluss kam die Kohle für die eigene Gasgeneratoranlage, die wiederum die Brennöfen mit Gas versorgte. Die per Waggon angelieferten Briketts mussten per Kran auf die Vorratsbunker des Gasgenerators so etwa 15 Meter hochgehievt werden. Der Kran, eine sogenannte Einschienen-Unterflanschlaufkatze mit Kranführerkabine, lief auf einer Kranbahn, die direkt an die Dach-Rahmenriegel der Betonhalle angeschraubt waren.

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Eines Tages bemerkte der Kranführer gerade noch rechtzeitig, dass eine der vier Ankerschrauben abgerissen war. Ich war damals Mitte der 1960er Jahre als junger Ingenieur bei der Technischen Überwachung (heute TÜV) für die Prüfung von Krananlagen zuständig. Solcherart Schäden waren umgehend zu melden und folgerichtig war ich sofort auf dem Weg nach Kahla. Was ich dann bei näherer Prüfung sah, trieb mir den Angstschweiß ins Gesicht: Die drei restlichen Ankerbolzen waren auch sichtbar gedehnt und gelockert, der Absturz der Krananlage mitsamt dem Kranführer war also jederzeit möglich.
Unstrittig war die sofortige Stilllegung des Kranes. Der Kohlevorrat in den Bunkern reichte keinesfalls, um die in Gang befindlichen Brennprozesse in den Porzellanöfen abzuschließen. Die Porzelliner brauchten fachliche Hilfe, sofort, und die konnte ich geben. In aller Eile haben wir eine Traversenkonstruktion entwickelt und berechnet, die außen auf dem Dach lag und über vier Hängebolzen den Kranbahnträger sicherte. Betriebe der Umgebung halfen bei der Realisierung schnell und unbürokratisch.
Aber die Zeit lief gegen uns. Die Bunkerfüllung nahm zusehends ab. Da kam es zu einem unglaublichen Einsatz: Mitarbeiter des Kohlehandels und des Werks trugen in Säcken auf dem Rücken die Kohle hoch auf die Bunker. Auch damit ging der Kohlevorrat bald zur Neige und wir arbeiteten an der Ersatzlösung auf dem Dach wie die Besessenen.
Probelauf: Neue Hängebolzen tragen Kranbahn sicher
Die vorgefertigten Traversen waren schließlich auf dem Dach montiert, die Hängebolzen durch das Dach gebohrt und die Kranbahn verschraubt. Die erste langsame Fahrt über die Havariestelle verlief problemlos. Die neuen Hängebolzen trugen nun sicher die Kranbahn. Die Belastungsprobe erzeugte nochmals Herzklopfen, aber wir waren sicher, das musste gehen – und es ging. Der Kran ging wieder in Betrieb und füllte die Kohlebunker in bewährter Weise. Welch eine Erlösung nach zwei Tagen und einer Nacht.
Ich durfte damals kein Geld verlangen, ich hätte es auch nicht gewollt; Geld war in der DDR nicht unbedingt das Wichtigste. Der Werkleiter schenkte mir aber spontan ein buntes Kaffeeservice für sechs Personen; das war mir schon wichtiger für meine junge Familie damals.
Wenige Jahre nach dieser Havarie ersetzte zuverlässiges Ferngas den teuren und gefährlichen Gasgenerator samt Kohlekran.
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