Annalena Baerbock steht mit Highheels am Straßenrand, ein Taxi fährt vor. Baerbock kurvt durch New York, blickt aus dem Fenster, lässt die Haare im Wind der US-Metropolen wehen. Ein Video, ganz im Stil der US-Kultserie „Sex and the City“.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Baerbock sorgt nicht für politische Nachrichten. Sie sorgt für Bilder, klickträchtige Videos, die frühere Grünen-Außenministerin repräsentiert eine deutsche Politikerin in New York. Und vielleicht ist es genau das, was Baerbock in den kommenden Jahren vor allem machen wird: repräsentieren. Vorerst vor allem in Videos: In einem anderen holt Baerbock sich Kaffee und einen Bagel und macht sich selbstironisch über ihren deutschen Akzent im Englischen lustig.
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Es ist ein paar Monate her, da schrieb Annalena Baerbock einen emotionalen Brief an ihre Partei und die Grünen-Fraktion im Bundestag. Die vergangenen Jahre als Außenministerin seien „intensiv“ gewesen. Die vielen Reisen, die Krisengipfel, die Marathonsitzungen. Dafür habe sie einen „privaten Preis“ gezahlt. Dann schreibt Baerbock, dass sie sich entschieden habe, „erst einmal einen Schritt aus dem grellen Scheinwerferlicht zu machen“. Dem Vorsitz der Grünen-Fraktion im neuen Bundestag erteilte sie mit dem Brief eine Absage. Baerbock hat zwei Töchter im Alter von 9 und 13 Jahren.
Anfang März war das. Jetzt, Anfang September, ist Annalena Baerbock zurück im Scheinwerferlicht. Die Grünen-Politikerin tritt heute das Amt der neuen Präsidentin der UN-Generalversammlung an. In New York. Im Sommer wählte die Versammlung die neue Vorsitzende. Es war die abgewählte Ampel-Bundesregierung von SPD, Grünen und FDP, die Baerbocks Kandidatur in den Umlauf brachte. Es hieß damals, Baerbocks Posten sei auch mit dem designierten Kanzler Friedrich Merz abgesprochen.

Die Entscheidung, so heißt es nun, sei erst kurzfristig final gefällt worden – stehe also nicht im Gegensatz zu Baerbocks Abschiedsbrief an die Fraktion.
Doch die Nominierung war noch aus einem anderen Grund überraschend: Der Posten in New York war eigentlich schon vergeben – an Helga Schmid, keine Politikerin, sondern eine hochrangige Diplomatin. Schon im vergangenen Spätsommer hatte die Ampel-Koalition die damals 63-Jährige für das prestigereiche Amt am Hauptsitz der Vereinten Nationen nominiert. Zuletzt war Schmid Generalsekretärin der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE).
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Nun aber kommt Baerbock. Als Außenministerin war sie umstritten, fiel durch klare Positionierung an der Seite der Ukraine auf und vermittelte zuletzt mehrfach im Konflikt zwischen Israel und der Terrororganisation Hamas. Vor allem ist die Grünen-Politikerin mittlerweile eine weltweit bekannte Politikerin – und das, so heißt es nun aus Kreisen der alten Bundesregierung, sei auch ein Signal, wie wichtig Deutschland die Vereinten Nationen als Institution nehme. Gerade jetzt, da die UN aus internationale Organisation massiv von bedeutenden Regierungen in Washington und Moskau angegriffen wird.
Baerbock könnte das Amt der UN-Präsidentin politisch führen
Lange galt das Amt des Präsidenten der UN-Vollversammlung als repräsentativ. Wer den Vorsatz innehat, eröffnet, vollzieht die Geschäftsordnung und leitet die Sitzungen in New York, wo 193 Länder zusammenkommen. Doch Baerbock, heute 44 Jahre alt, könnte das Amt politisch führen – vor allem, weil der UN-Sicherheitsrat durch Konflikte der Veto-Mächte zunehmend blockiert ist.

Eine politische Auslegung des Amtes würde zu ihr passen, die als Ministerin schon gegen Widerstände auf eine „feministische Außenpolitik“ setzte. Debatten in Gang bekommen, aber auch zwischen Konfliktparteien vermitteln – all das könnte Baerbock künftig als Präsidentin der UN-Generalversammlung tun.
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Zugleich aber muss sie neutral sein, ist allen 193 Mitgliedsstaaten verpflichtet und darf nicht Partei für ein Land ergreifen.
Klar ist auch: Das Amt qualifiziert Annalena Baerbock für weitere Karriereschritte in der internationalen Diplomatie. Sie könnte 2026 auf António Guterres folgen. Der ist aktuell UN-Generalsekretär. Auch ein Vorsitz von anderen einflussreichen internationalen Organisationen wäre denkbar, etwa der Unesco, die für Kultur und Bildung verantwortlich ist. Oder als Hochkommissarin der Vereinten Nationen für Flüchtlinge, UNHCR. Baerbock ist selbst Völkerrechtlerin, absolvierte ihren Master of Law an der London School of Economics.
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Aus der deutschen Politik hat sich Annalena Baerbock vorerst verabschiedet
Baerbock ist qualifiziert für den Posten, sie hat große Erfahrungen auf dem internationalen Parkett. Einzelne Stimmen äußerten dennoch Kritik, so etwa Christoph Heusgen, lange außenpolitischer Berater von Ex-Kanzlerin Angela Merkel und zuletzt Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC). Der 1955 geborene Heusgen nannte Baerbock (Jahrgang 1980) im „Tagesspiegel“ ein „Auslaufmodell“. Den Tausch von Helga Schmid gegen Baerbock bezeichnete Heusgen „eine Unverschämtheit, die beste und international erfahrenste deutsche Diplomatin durch ein Auslaufmodell zu ersetzen“.
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Heusgen selbst wurde gerade – schmerzhaft für ihn – als Leiter der MSC abgelöst. Dort soll nun eigentlich der renommierte Ex-Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg übernehmen. Doch der wechselte vorerst als Finanzminister in die norwegische Politik, will aber Ende des Jahres nach München zurückkehren.
Auch aus Russland, gegen das Baerbock immer klare Kante in ihrer Außenpolitik gezeigt hat, lehnt die UN-Kandidatur ab. Das Regime in Moskau stellt dafür erneut krude Verbindungen zum Nationalsozialismus auf. Baerbock als „Enkelin eines Nazis“ an der Spitze der UN-Versammlung zu sehen, sei „merkwürdig“. Wiederholt diskreditiert die russische Führung Baerbock, indem sie die NS-Vergangenheit ihres Großvaters als Kampagne thematisiert – worüber Baerbock selbst schon mehrfach offen redete.
Bundesrepublik zahlt Baerbocks Gehalt bei der UN
Aus der deutschen Politik hat sich Annalena Baerbock mit dem Schritt nach New York vorerst verabschiedet. Für die Bezahlung im Amt der Präsidentin der Generalversammlung der Vereinten Nationen muss das Entsendeland aufkommen – also Deutschland.
Doch deutsche Außenminister landeten bisher selten prominent auf internationaler Bühne. Joschka Fischer arbeitete nach seiner Zeit in der Politik als Berater, Guido Westerwelle starb jung, Sigmar Gabriel führt eher den Mittelklasse-Wagen der Lobbygruppe Atlantik Brücke, und Heiko Maas, nun, ist ganz von der politischen Bühne verschwunden. Immerhin: Ex-Außenminister Frank-Walter Steinmeier ist heute Bundespräsident.
Das vorletzte Mal, als ein Deutscher der UN-Vollversammlung vorsaß, ist lange her. 1980, noch zu Zeiten des Kalten Krieges, kam UN-Botschafter Rüdiger von Wechmar in das Amt. Das letzte Mal, 1987, saß Peter Florin dem wichtigen Gremium vor. Er war damals Top-Diplomat der DDR.










