Für Bundeskanzler Friedrich Merz ist das Mullah-Regime im Iran am Ende. Tatsächlich ist die Lage explosiv wie nie. Die Zahl der Toten steigt rasant wie die Inhaftierungen. Viele der Protestierenden landen im Evin-Gefängnis in Teheran. Es ist berühmt-berüchtigt, denn dort sitzen traditionell die politischen Gefangenen ein, die Elite des Widerstands.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Zu ihnen gehörte bis vor einem Jahr die iranisch-deutsche Architektin Nahid Taghavi: Sie wurde im Oktober 2020 von der Islamischen Revolutionsgarde verhaftet und ohne rechtlichen Beistand zu zehn Jahren Haft verurteilt – wegen angeblicher Beteiligung an einer „illegalen Gruppe“.
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Ihre Tochter Mariam Claren und die Menschenrechtsorganisation Hawár.help kämpften um ihre Freilassung. Im Januar 2025 konnte Taghavi nach mehr als vier Jahren Haft das Gefängnis verlassen. Im Interview, das wir vor einem halben Jahr mit ihr führten, sprach sie über die Haftbedingungen, denen ihre Mutter ausgesetzt war. Angesichts der dramatischen Lage im Iran hier noch einmal ein Auszug aus dem Interview mit den zentralen Äußerungen über das Gefängnis, die subtilen Foltermethoden und den Zusammenhalt der Häftlinge.
Ihre Mutter Nahid Taghavi kam nach mehr als vier Jahren Haft im Teheraner Evin-Gefängnis frei. Wie geht es ihr? Hat sie Ruhe gefunden?
Mariam Claren: Für meine Mutter ist der persönliche Albtraum zwar vorbei. Doch Ruhe zu finden, ist unendlich schwierig, vor allem in der derzeitigen Lage seit Ausbruch des Krieges. Meine Mutter fühlt sich nicht als freie Frau, solange die anderen politischen Häftlinge nicht frei sind.
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Was hat Ihre Mutter im Gefängnis erlebt?
Meine Mutter war sieben Monate, also mehr als 200 Tage, in Einzelhalft. Dabei war sie zunächst täglichen, oft zehn Stunden langen Verhören ausgesetzt. Die hörten nach vier Monaten auf, aber sie war dann noch drei Monate lang völlig allein, ohne zu wissen, wie es weiter geht, ob es zum Prozess kommt, was ihr bevorsteht. Sie haben sie im Schwebezustand gehalten.
Wie hat sie es geschafft, diese Isolation auszuhalten?
Als sie verhört wurde, kreisten ihre Gedanken in der Zeit dazwischen immer nur um die Aussagen, die Fragen, was sie antworten soll oder was sie geantwortet hat. Danach, als sie völlig allein war, hat sie alles getan, um ihr Gehirn aktiv zu halten. Sie hat ganze Bücher passieren lassen, ganze Gedichte, um ihre Sinne zu schärfen. Sie hatte ja kein Blatt Papier, keinen Stift. Das war ihre Art, damit klarzukommen. Darauf vorbereitet war sie nicht.

Hat sie körperliche Gewalt erfahren?
Nein, sie ist auch nicht vergewaltigt worden. Sie wurde nicht angefasst. Das System hat dazu gelernt. Sie agieren nicht mehr wie in den 1980er Jahren, sondern sie wenden die weiße Folter an, etwa die Isolationshaft, Schlafentzug, Licht.

Was kam nach der Isolationshaft?
Sie war im politischen Frauentrakt im Evin-Gefängnis. Dort sitzt die Speerspitze des Widerstands ein. 30 bis 40 Frauen, darunter Narges Mohammadi, die Friedensnobelpreisträgerin. Sie war ihre Bettnachbarin. Und auch die beiden Journalistinnen, die den gewaltsamen Tod von Jina Mahsa Amini publik gemacht hatten. Oder Umweltschützerinnen, die schwere Skandale aufgedeckt hatten. Im Evin-Gefängnis sitzt ein Kollektiv des Widerstandes ein. Von dort aus werden Hungerstreiks organisiert und Statements verfasst, die an die Öffentlichkeit gelangen.

Wie bewertet ihre Mutter die Zeit in iranischer Haft heute?
Darin steckt eine große Ambivalenz. Die Zeit hat ihre Gesundheit beeinträchtigt, sie hat Dinge erlebt, die sie nie loslassen werden. Aber ihre Gefährtinnen waren auch Persönlichkeiten, die sie ihm echten Leben nie getroffen hätte. Bei allem Leid, das sie erfahren hat, sieht sie das auch als große Bereicherung an. Es gab auch wunderbare Momente, zum Beispiel, als die Gruppe erfahren hatte, dass Narges Mohammadi den Friedensnobelpreis bekommt. Das war einer der schönsten Abende im Gefängnis, weil eine von ihnen den Preis bekommen hatte. Es gab viele Diskussionen über die Schwere des Preises, die politische Verantwortung, die damit einhergeht. Die Frage: „Wie können wir das einsetzen für unsere Freiheitsbewegung?“

Und doch gab es die tägliche Angst vor Willkür.
Ja, die Lebensbedrohung war gleichzeitig immer da. 2022, während der Hochphase der Frauen-Leben-Freiheit-Proteste, kam es im Evin zu einem Brand. Keiner weiß, was da passiert ist. Aber alle hatten die Massenhinrichtungen von 1988 im Kopf, damals wurden auf den Befehl von Ajatollah Chomeini tausende politische Gefangene in wenigen Monaten exekutiert. Und unter den Gefährtinnen meiner Mutter waren auch zwei Frauen, die zum Tode verurteilt waren. Der Stress war unvorstellbar. Wen holen die jetzt raus? Wie können wir uns wehren, das waren die Fragen, die sie umtrieben. Aber es war ihnen auch klar: Im Zweifel kannst du dich nicht wehren.








