Trotz des zunehmenden Drucks auf Israel, die humanitäre Lage in Gaza zu verbessern, leiden noch immer viele Menschen vor Ort unter Hunger, fehlenden Hygieneprodukten und Medikamenten. Die Luftbrücke, an der auch Deutschland sich mit zwei Transportflugzeugen beteiligt, ist angelaufen. Doch auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) betonte, dies könne nur ein kleiner Beitrag sein. Für die Menschen in dem betroffenen Gebiet bringt jeder Tag neue Sorgen mit sich – woher Nudeln, Tomaten und Reis kriegen? Woher Trinkwasser? Wie weit muss man dafür laufen? Wie gefährlich ist es an der Ausgabestelle?

Ali Alhadschar* harrt mit seiner Frau und den sechs Kindern im Gazastreifen aus. Er hat keine Wahl, denn ausreisen kann man derzeit nicht. Seit Beginn des Gaza-Krieges steht er mit unserem Kriegsreporter Jan Jessen in engem Kontakt. Früher hat er für verschiedene Hilfsorganisationen in Gaza gearbeitet, war in Deutschland und spricht Deutsch. Er dokumentiert für diese Redaktion über eine Woche hinweg, was er für seine Familie zu essen auftreibt. Seine Nachrichten kommen täglich per WhatsApp, dazu Bilder und Videos. Mit seinem richtigen Namen kann er jedoch nicht in der Zeitung stehen. Er ist ein Kritiker der Hamas. Und Kritik an Islamisten ist lebensgefährlich.
Verfolgen Sie die Ereignisse in Israel und dem Gazastreifen in unserem Liveblog.
Gaza: Essens-Tagebuch für achtköpfige Familie – Zwiebeln, Kartoffeln, selten Gemüse
Dienstag:
Heute habe ich mit Mühe 700 Gramm Gemüse gekauft, für etwa 20 Euro. Ich weiß nicht, was meine Frau damit machen wird, um genug Essen für uns zu kochen. Die Hilfspakete enthalten selten Gemüse, sondern bestehen nur aus Zwiebeln oder Kartoffeln. Die Landwirtschaft ist sehr begrenzt, nachdem das Land planiert und die Einfuhr von Lieferungen für etwa zwei Jahre verboten wurde. Die Preise sind exorbitant gestiegen. Vor dem Krieg lag der Preis für ein Kilo Tomaten bei 0,25 Euro, heute sind es 30 Euro.
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Mittwoch:
Wir kochen gerade unsere einzige Mahlzeit für den Tag. 250 Gramm Linsen und 250 Gramm Nudeln. Wir geben vier Liter Wasser hinzu, um die Menge zu erhöhen. Das ist eine Mahlzeit für acht Personen. Wasser zu transportieren, ist aufwendig und anstrengend. Jeden Tag trage ich 50 Liter für eine Strecke von mindestens zwei Kilometern.

Montag, Mittwoch, Freitag
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Seit dem letzten Juli-Wochenende erlaubt Israel nach eigenen Angaben wieder die Einfuhr von Lastwagen mit Lebensmitteln und Medikamenten. Zudem soll es in bestimmten Regionen Gazas tägliche Feuerpausen geben, um die Verteilung humanitärer Hilfe zu sichern. Ali Alhadschar berichtet, dass sich die Lage immerhin etwas bessert. Doch die Suche nach Nahrungsmitteln bleibt gefährlich.
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Gazastreifen: Hilfslieferungen werden ständig geplündert
Donnerstag:
Die Hungersnot geht weiter, weil die Lastwagen nicht ankommen. Sie werden gestohlen, oder die Leute beschlagnahmen sie, bevor sie ankommen. Wir haben kaum noch 600 Gramm Reis übrig. Die Situation meiner Kinder wird wirklich schlimm. Ich denke darüber nach, zur Morag-Achse zu gehen. Vielleicht kann ich dort etwas zu essen bekommen. Das Risiko, dort getötet zu werden, ist wegen der israelischen Panzer und der Scharfschützen auf den Wachtürmen sehr hoch. Ich werde gehen, ohne meiner Familie Bescheid zu sagen, damit sie sich keine Sorgen um mich machen.
Die Morag-Achse ist eine Region im Süden des Gazastreifens. Sie liegt zwischen den Städten Rafah und Chan Yunis, durchtrennt den Gazastreifen und wird militärisch von Israelis kontrolliert. Sie gilt als sogenannte Sicherheitszone. Premier Benjamin Netanjahu hatte die Schaffung des Korridors im April angeordnet. Benannt ist er nach der früheren israelischen Siedlung Morag, die während des Rückzugs Israels aus Gaza vor 20 Jahren aufgelöst worden war.
An der Morag-Achse in Rafah hält die israelische Armee Lastwagen an und entlädt ihre Ladung. Ich bin dorthin gegangen. Um 11 Uhr brach ich auf, erst um 23 Uhr kehrte ich nach Hause zurück. Wer Mehl mitnehmen wollte, musste drei unmittelbare Gefahren überstehen: Panzer- und Scharfschützenfeuer, das Gedränge Tausender Menschen um den Lastwagen herum und die Flucht vor Banden. Kugelsalven pfiffen zwischen unseren Köpfen hin und her.
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Ich war nur 30 Meter von einem der Lastwagen entfernt, die Unmengen an Mehl transportierten. Ich dachte, endlich würde ich meinen Kindern etwas zu essen mitbringen können. Plötzlich brach ein Junge (16 Jahre alt) neben mir zusammen und fing an zu schreien: „Mein Rücken, mein Rücken, mein Rücken“! Ich legte mich auf den Boden und knöpfte sein Hemd auf. Eine Kugel hatte seinen unteren Rücken durchdrungen, fünf Zentimeter von der Wirbelsäule entfernt. Ich verband ihm den Rücken, um die Blutung zu stoppen.
Währenddessen stürmten Tausende um uns herum und über uns hinweg auf die Mehlsäcke zu. Ich brach ein Stück Plastik ab, um es als Trage für den Jungen zu benutzen. Dann fing ich an zu schreien und die Leute anzuflehen, mir beim Tragen zu helfen. Wir gingen mit ihm, bis wir ein Fahrzeug fanden. Der Junge erzählte, dass sein Onkel zuvor von einem Scharfschützen angeschossen worden war. Einen Moment später, so erzählte er es, wurde der Onkel in den Hals geschossen. Er schien tot zu sein.

Die Nacht brach herein, und ich blieb stundenlang in der Gegend, in der Hoffnung, etwas zu erbeuten, bis die Panzer auf uns zukamen und heftig zu feuern begannen. Ich beschloss, zu meiner Familie zurückzugehen.
Alhadschars Schilderungen lassen sich nicht unabhängig überprüfen, weil noch immer keine ausländischen Medien aus Gaza berichten dürfen. Doch seine Berichte decken sich mit dem, was Hilfsorganisationen wie das UN-Welternährungsprogramm (WFP) aus Gaza hören. Die Vereinten Nationen zitieren Berichte, wonach mindestens 1400 Menschen bei der Suche nach Lebensmitteln getötet worden seien. Vor allem rund um die vier Verteilpunkte der „Gaza Humanitarian Foundation“ kommt es häufig zu tödlichen Zwischenfällen.
Over half a million people in #Gaza are already enduring famine-like conditions.
— World Food Programme (@WFP) 3. August 2025
WFP is doing everything possible to distribute vital food assistance to families.
To safely and consistently reach ALL those at risk of starvation, we need a ceasefire - NOW. pic.twitter.com/fpgPI2SL9C
Gaza: „Ich suchte Schutz vor Gewehrkugeln“
Freitag:
Nur sechs Stunden Schlaf, höchstens. Ich nahm mir vor, es noch einmal in Rafah zu versuchen. Diesmal am amerikanischen Verteilungspunkt. In den Nachrichten hatte ich gehört, dass Steve Witkoff, der Nahost-Gesandte des US-Präsidenten, die Essensausgabe besuchen würde. Meine Hoffnung: umfangreiche Lebensmittellieferungen und wenig Schüsse. Leider wurde ich enttäuscht.
Zusammen mit vielen anderen blieb ich drei Stunden lang hinter den Sanddünen und suchte Schutz vor den Kugeln. Alle dachten, dass durch Witkoffs Besuch alles perfekt wäre.
Alhadschar schickt ein Video, das ihn hinter der Sanddüne zeigt. Er kauert sich zusammen, ein Basecap in der Hand. Im Hintergrund sind Gewehrschüsse zu hören.
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Dann beschloss ich, ein paar leere Kartons zum Verfeuern zu sammeln. Ich bin in nur 24 Stunden über 25 Kilometer gelaufen und habe nur eine Mahlzeit zu mir genommen, die kaum für ein Kind reichte und wenig Nährwert hatte. Auf dem Rückweg kam ich an einem Friedhof vorbei, betrachtete eines der Gräber und dachte: „Gibt es größeres Leid als das, was wir gerade erleben?“
Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass die Hamas nicht nur 20 Israelis entführt hat, sondern auch die zwei Millionen Bewohner Gazas. Und dass sie über nichts anderes verhandelt, als darüber, wie sie die Herrschaft über Gaza wiedererlangen kann.

Hunger in Gaza: „Meinen Kindern geht es schlecht“
Montag:
Ich habe seit gestern nichts mehr gegessen. Meine Frau hat 400 Gramm Reis für die Kinder gekocht. Als ich am Abend erneut von der Morag-Achse zurückkam – leider mit leeren Händen –, erzählte sie mir, dass die Kinder alles aufgegessen haben. Wir haben heute noch anderthalb Kilo Nudeln übrig, also kochen wir vielleicht 500 Gramm davon. Meinen Kindern geht es schlecht. Sie werden von Tag zu Tag schwächer. Meine anderthalb Jahre alte Tochter weint die ganze Nacht und verlangt nach Milch. Dann schläft sie vor Erschöpfung ein.
Alhadschar macht sich Sorgen über die steigenden Temperaturen. Bis zu 38 Grad Celsius werden im Gazastreifen in den kommenden Tagen erwartet. Die Menschen sind in ihren notdürftigen Unterkünften und Zelten nicht davor geschützt, Wasser ist immer noch knapp. Die Suche nach Nahrung wird in der Hitze noch beschwerlicher.

Dienstag:
Noch ein Versuch an der Morag-Achse. Meine Kinder dürfen nicht verhungern. Ich lief gut sechs Kilometer zu Fuß. Tausende Menschen hatten sich abseits der Achse versammelt. Die Lastwagen mit den Hilfslieferungen fahren hier vorbei. Die israelische Armee befiehlt den Fahrern, nicht anzuhalten, einfach durchzufahren, und wenn sie über Leichen brettern müssen. Sie sollen erst anhalten, wenn sie den Verteilpunkt der Vereinten Nationen erreichen. Am nächstgelegenen Punkt der israelischen Armee erkannte mich ein junger Mann, der früher für mich gearbeitet hat. Er war schockiert über meinen Zustand und forderte mich auf, nicht weiterzugehen. „Es stehen Panzer zwischen den Sanddünen, und überall sind Scharfschützen“, sagte er mir. „Komm zurück, ich gebe dir ein Kilo Reis.“ Ich lehnte ab und sagte, er solle mich im Auge behalten. Ich trug ein auffälliges grünes Hemd. „Wenn ich getötet werde, nimm mein Handy und ruf meine Frau an“, sagte ich ihm.
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Als ich die Morag-Achse erreichte, versteckte ich mich eine halbe Stunde lang zwischen den Häusertrümmern. Dann: eine Stimme, Lastwagen. Die ersten drei ließ ich vorbeifahren, aus Angst, sie könnten eine Falle sein. Ich rannte zum vierten, er fuhr schnell. Es gelang mir, aufzuspringen. Einer Person neben mir wurde dabei ins Auge geschossen. Ich versteckte mich zwischen den Kisten. Als die Schießerei aufhörte, packte ich etwas Essen ein und warf den Menschen am Boden die Kisten zu. Noch während der Lkw fuhr, sprang ich wieder herunter und rief als Erstes meine Frau an: Ich hatte genug zu essen für eine Woche bekommen, für uns alle.
Mitarbeit: Jan Jessen










