Vor einem Monat kündigte US-Präsident Donald Trump an, dass er die US-Hauptstadt Washington D.C. „vor Blutvergießen, Kriminalität, Chaos und Elend retten will“. Deswegen rief der Präsident einen „Notstand“ aus und wies Reservisten der Nationalgarde an, in einer historischen Aktion die Hauptstadt zu belagern. Die Bilanz ist durchwachsen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Dass Trump damals die Polizeigewalt faktisch an sich riss, löste größtenteils Verwirrung und Empörung aus. Heute sind die Reaktionen gemischt. Einige Bürger der Hauptstadt sind sogar dankbar dafür, dass der Präsident mit seinem politischen Muskelspiel die Zahl der Verbrechen tatsächlich senken konnte.
Das verlängerte Wochenende, an dem die Amerikaner mit dem Labor-Day-Feiertag das inoffizielle Ende des Sommers feiern, ist vorbei. In den Straßen der Beamtenstadt ist an einem sonnigen und warmen Vormittag wieder der berufliche Alltag eingekehrt. Der einzige Unterschied gegenüber früheren Jahren: Entlang der National Mall, der riesigen Rasenfläche, die sich vom Lincoln-Denkmal bis zum Kapitolsgebäude erstreckt, wimmelt es von bewaffneten Soldaten. Mehr als 1.500 Angehörige der Nationalgarde „überwachen“ das traditionsreiche Stadtzentrum mit dem Weißen Haus, den Ministerien, dem Nationalarchiv und den zahlreichen Museen der Smithsonian-Sammlung. Die Aufgabe der bewaffneten Soldaten: Trumps „Mission“ erfüllen und die knapp 700.000 Bewohner des „District of Columbia“ „schützen“.
Einsatz der Nationalgarde: „Für Minderheiten ist es gefährlicher geworden“
Ein Reservist, den South Carolinas Gouverneur Henry Dargan McMaster nach Washington geschickt hatte, ist gerade damit beschäftigt, Obdachlose aus ihren Zelten zu begleiten. Auf seine „Mission“ angesprochen, hält sich der junge Mann, vielleicht Mitte 20, bedeckt. „Sir, wir sind nicht hier, um Interviews zu geben, wir haben eine Aufgabe“, antwortet er, ohne mir in die Augen zu schauen. Ich frage ihn, ob mittellose Menschen, die nichts als ein Zelt über dem Kopf haben, denn wirklich die Sicherheit der Washingtoner gefährden?
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Er sagt: „Es ist nicht mein Job, darüber zu entscheiden, Sir.“ Und fügt hinzu: Für wen auch immer ich berichten würde, dürfe ich seinen Namen, der rechts über der Brust auf der Uniform mit dem grünen Tarnmuster gestickt ist, nicht verwenden. Andere Nationalgardisten leeren Mülleimer aus, die nach den Labor-Day-Feierlichkeiten in der Innenstadt überquellen. Viele stehen – mit halbautomatischen M4-Gewehren über der Schulter – gelangweilt herum und beobachten Passanten, die auf dem Weg zur Arbeit ihrem täglichen Leben nachgehen.
Was aber denken die Washingtoner selbst über die Vereinnahmung ihrer Stadt durch Soldaten, die in die Rolle von Bundespolizisten geschlüpft sind? Leroy, der für den Online-Lieferdienst DoorDash Restaurant-Mahlzeiten an Bundesbedienstete liefert, will von den Nationalgardisten nichts wissen. „Mann, Sie ahnen gar nicht, wie oft ich nur deswegen angehalten werde, weil ich schwarz bin“, schimpft Leroy. Er habe sich vorher in Washington sicher gefühlt. „Zumindest was mich und andere Minderheiten angeht, ist es jetzt eher gefährlicher geworden. Die Nationalgardisten haben hier nichts zu suchen“.

Ähnlich schätzt Kieran Shah die Dinge ein. „Ich bin Transgender und fand Washington immer toll, weil die Toleranz für Nicht-Binäre hier so groß ist und ich das jedem sagen kann“, sagt Kieran. Mit Trumps Nationalgardisten auf den Straßen der Innenstadt sei das anders geworden. „Ich habe nun Hemmungen, denn die mögen uns ja auch nicht.“
„Wo waren die Nationalgardisten beim Sturm aufs Kapitol?“
Dass die Soldaten nicht frei von Vorurteilen sind, ist offenkundig. Denn während einige von ihnen auf den Bürgersteigen und Nebenstraßen zwischen der Constitution und Independence Avenue ziellos die Zeit totschlagen, sind andere an Razzien beteiligt. Razzien, die einerseits willkürlich wirken, andererseits aber ausschließlich gegen ethnische Minderheiten gerichtet sind. „Das ist das Schlimme“, sagt Leroy, der ein paar Schlucke aus seiner Wasserflasche nimmt, ehe er mit dem Fahrrad weiterzieht, um Beamte mit Pizzen zu beliefern. „Die ziehen sich Masken übers Gesicht und reißen Familien aus ihren Wohnungen, weil sie Latinos oder dunkelhäutig sind. Mann, das kann mir auch noch passieren, verstehen Sie?“, fragt er kopfschüttelnd.

Nicht alle sind so kritisch. Tom Power ist weiß. Sein Alter will er nicht sagen. Doch der Rentner dürfte Anfang bis Mitte 70 sein. „Ich lebe seit 15 Jahren in Washington und bin noch keinem Verbrechen zum Opfer gefallen.“ Tom ist mit der Militärpräsenz aber trotzdem einverstanden. „Denn alles, was hilft, die Kriminalität weiter zu drücken, ist völlig in Ordnung“, sagt er. „Meine einzige Frage: Wo waren die Nationalgardisten denn 2021 beim Sturm auf das Kapitol?“ Toleranz für Trumps Militäraktion haben vor allem ältere Washingtoner. Viele weisen allerdings zynisch darauf hin, dass dem Präsidenten die Stadt, die er früher als „Scheißloch“ beschimpft hat, in Wirklichkeit völlig egal sei. Ihm gehe es nur darum, mit einem Ablenkungsmanöver seine Rolle bei dem Jeffrey-Epstein-Skandal aus den Schlagzeilen zu verdrängen.

Unterdessen bekommt Trump mittlerweile auch von einer Person gute Noten, die früher zu seinen schärfsten Kritikern zählte: Washingtons Bürgermeisterin Muriel Bowser. Sie schätzt die Lage differenziert ein. „Seitdem die Nationalgarde hier ist, ist die Kriminalität, vor allem die Zahl der gewalttätigen Verbrechen, deutlich zurückgegangen, und das ist anerkennenswert“, sprach Bowser dem Präsidenten ein indirektes Lob aus. Tatsächlich hat eine Analyse von CBS News ergeben, dass im August die Zahl der Gewalttaten gegenüber der Vergleichsperiode 2024 um 49 Prozent geschrumpft ist.
Einschränkend sagt die Bürgermeisterin aber, dass „das Vertrauen zwischen unseren Bürgern und der Polizei, die mit der Nationalgarde zusammenarbeitet, erheblich gelitten hat“. Das verhaltene Lob war aber Trump schon genug. Er erklärte, dass Washington nun eine „sicher Zone ist, frei von Verbrechen“. Und Muriel Bowser eine wunderbare Politikerin. „Ihr Ansehen ist deutlich gestiegen, seitdem die Soldaten hier sind.“ Soldaten, deren Mission laut Trump eigentlich erfüllt ist, die aber trotzdem bleiben werden. Ob mit oder ohne Zustimmung der Bürger von Washington.








