Die israelische Armee hat am Dienstag eine Großoffensive mit Bodentruppen in Gaza-Stadt gestartet. Ziel ist es, die islamistische Terrororganisation Hamas in diesem Gebiet auszuschalten, um eine Wiederholung des Massakers vom 7. Oktober 2023 zu verhindern. „Wir rücken Richtung Zentrum der Stadt Gaza vor“, sagte ein israelischer Militärvertreter. Der israelische Verteidigungsminister Israel Katz erklärte, die Armee gehe „mit eiserner Faust“ gegen „terroristische Infrastruktur“ in der Stadt vor. „Gaza brennt“, sagte Katz.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Augenzeugen berichteten von heftigen Angriffen auf die Stadt. Die israelische Armee hatte die verbliebenen Einwohner zur Flucht in eine sogenannte „humanitäre Zone“ im Süden des Küstenstreifens aufgefordert. In den vergangenen Wochen hatten die israelischen Streitkräfte in der Stadt Gaza vor allem Hochhäuser aus der Luft zerstört, die nach Armeeangaben von der Hamas genutzt worden waren. Die Metropole ist nach israelischen Angaben eine der letzten Hochburgen der Islamisten in der Küstenenklave.

International wurde die Ausweitung der israelischen Offensive scharf kritisiert. Auch der deutsche Außenminister Johann Wadephul (CDU) verurteilte den Militäreinsatz. „Die neuerliche Offensive in Richtung Gaza Stadt ist (...) die vollkommen falsche Richtung“, erklärte Wadephul. Die Bundesregierung richte einen „eindringlichen Appell“ an die israelische Regierung und alle, die Kontakt zur Hamas haben, „jetzt den Weg zu Waffenstillstands-Verhandlungen und zu einem Abkommen über die Freilassung der Geiseln zu suchen“, sagte der CDU-Politiker.

Wie viele Soldaten setzt Israel ein?

Nach Angaben der israelischen Streitkräfte sind gegenwärtig zwei Divisionen an dem Einsatz in Gaza-Stadt beteiligt – reguläre- und Reservetruppen. Eine Division besteht in der Regel aus 10.000 bis 15.000 Soldatinnen und Soldaten. In den kommenden Tagen sollten weitere Divisionen zum Einsatz kommen. Man stelle sich auf einen „komplexen Häuserkampf“ in der Stadt Gaza mit „vielen Herausforderungen“ ein, unterstrich ein Militärsprecher. Ursprünglich wollte Israel für den Einsatz in Gaza-Stadt 60.000 Reservisten mobilisieren. Rund 40.000 sollen sich gemeldet haben. Israel hat insgesamt rund 169.000 Berufssoldaten.

Rauch steigt vom Gaza-Streifen auf, nachdem die israelische Armee mit einem Bombardement ihre Offensive auf Gaza-Stadt eingeleitet hat.
Rauch steigt vom Gaza-Streifen auf, nachdem die israelische Armee mit einem Bombardement ihre Offensive auf Gaza-Stadt eingeleitet hat. © AFP | MENAHEM KAHANA

Wie viele Kämpfer hat die Hamas?

Israels Militär geht davon aus, dass sich bis zu 3000 kampfbereite Mitglieder der Hamas in der Stadt Gaza aufhalten. Insgesamt verfüge die Terrororganisation noch über 16.000 bis 18.000 Kämpfer. „Allerdings gibt es derzeit im Gazastreifen keinen organisierten ‚militärischen‘ Widerstand der Hamas mehr. Die Terroristen greifen mal einen israelischen Panzer mit einer Rakete an, mal legen sie eine Sprengfalle“, sagte Hans-Jakob Schindler, Senior Director der Berliner Denkfabrik Counter Extremism Project, unserer Redaktion. „Zu Beginn verfügte die Hamas noch über regelrechte Kampfeinheiten, eine Art Armee mit schätzungsweise 30.000 bis 40.000 Soldaten. Jetzt operiert sie mit Zellen, die israelische Soldaten in einen Hinterhalt locken und sich dann wieder zurückziehen. Teile des unterirdischen Tunnelsystems existieren immer noch als Fluchtwege.“

Dr. Hans-Jakob Schindler, senior director of the Counter Extremism Project
Hans-Jakob Schindler ist Senior Directorer Berliner Denkfabrik Counter Extremism Project.© Screenshot | ZDF

Kann Israels Armee den Häuserkampf in einer Millionenstadt gewinnen?

Die Operation ist extrem heikel, weil die Hamas immer wieder versuchen wird, den Israelis durch terroristische Nadelstiche Verluste zuzufügen. „Ein Häuserkampf in Gaza-Stadt wird für die israelischen Streitkräfte sehr gefährlich und sehr blutig“, betont der Nahost-Experte Schindler. „Die israelische Armee könnte zwar Gaza-Stadt kontrollieren, indem sie Check-Points errichtet. Die Hamas wird aber trotzdem in der Lage sein, punktuell Terrorangriffe durchzuführen.“

Teile der Hamas würden sich auch wieder in die Gebiete des Gazastreifens zurückziehen, die Israel noch nicht kontrolliere. Nach Schindlers Einschätzung hätte Israel von Beginn an versuchen müssen, selbst oder durch eine internationale Truppe den gesamten Gazastreifen zu kontrollieren: „Die Zahl der Hamas-Kämpfer ist daher in den letzten Monaten nicht dramatisch geschrumpft, zumal die Terrororganisation immer wieder neue Kämpfer rekrutiert.“

Was bedeutet dies für die Zivilbevölkerung in der Küstenstadt?

Fast alle der rund zwei Millionen Einwohner des Gazastreifens sind zu Binnenvertriebenen geworden. Viele von ihnen mussten schon mehrmals unter katastrophalen Umständen fliehen. Im vergangenen Monat wurde die Zahl der Zivilisten in der Stadt Gaza auf rund eine Million geschätzt. Nach Angaben beider Seiten ist mehr als ein Drittel von ihnen bereits geflohen, zumeist in Richtung Süden. Bislang wurden nach palästinensischen Angaben rund 65.000 Menschen getötet.

Nahostkonflikt - Gaza
Vertriebene Palästinenser fliehen zu Fuß und in Fahrzeugen aus dem nördlichen Gazastreifen und tragen ihre Habseligkeiten entlang der Küstenstraße in Richtung südlicher Gazastreifen. © AP/dpa | Abdel Kareem Hana

Kann die Hamas vernichtet werden?

Das Tunnelsystem der Islamisten könnte mit erheblichem Aufwand zerstört werden. Zudem wäre es wohl möglich, die Zahl der Terrorangriffe der Hamas deutlich zu reduzieren, wenn der gesamte Gazastreifen – am besten durch eine internationale Truppe – kontrolliert würde. Idealerweise würden arabische Staaten hier mitmachen. Doch sie knüpfen dies an Israels Bereitschaft zu einer Zweistaaten-Lösung, was Premier Benjamin Netanjahu ablehnt.

Eine komplette Vernichtung der Terrororganisation halten Fachleute für abwegig. „Die Hamas hat im Ausland Operateure und Zellen. Sie erhält über den Gazastreifen hinaus internationale Spenden, die zum Teil durch Scheinorganisationen über die sozialen Medien gesteuert werden“, betont der Terrorismusexperte Schindler. „So wurden zum Beispiel in den letzten Jahren Hunderte Millionen Dollar Transfers an die Hamas und die libanesische Hisbollah über Kryptowährungen getätigt – und zwar aus der ganzen Welt. Zudem haben US- und EU-Sanktionen gezeigt, dass die Hamas in Firmen im Libanon, in der Türkei, im Golfraum und Nordafrika investiert.“ Dabei gehe es um Immobilen, Investment, Landwirtschaft. Selbst in Europa seien Unternehmen sanktioniert worden.

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Netanjahu in der Kritik – Israels Kriege an mehreren Fronten
Im Krisenmodus
 

Sind die Geiseln nun verloren?

Im Gazastreifen befinden sich noch 48 Geiseln, von denen nach israelischen Informationen noch 20 am Leben sind – darunter auch deutsche Staatsbürger. Ihre Angehörigen demonstrieren seit Wochen in Israel und fordern einen Waffenstillstand in Gaza und Verhandlungen über die Freilassung der Geiseln.

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Militärische Geiselbefreiungen seien hingegen extrem heikel, warnt Nahost-Experte Schindler: „Wenn viele Geiseln an verschiedenen Orten verteilt sind, steigt das Risiko exponentiell.“ Trotzdem sei es nicht ausgeschlossen, über Gespräche doch noch Freilassungen zu erreichen. „Lebende Geiseln sind die letzte Rückversicherung für die Hamas. Diese hat kein Interesse daran, sie zu töten“, so Schindler. „Es besteht eine minimale Chance, dass die Hamas trotz der israelischen Offensive in Gaza-Stadt wieder zu Verhandlungen bereit ist. Und sei es nur, um der Hamas-Führung freies Geleit aus dem Gazastreifen ins Exil zu ermöglichen.“