Hätte der russische Angriff auf die Ukraine verhindert werden können? Nicht nur für ihre Entscheidung, im Sommer 2015 die Grenzen für Geflüchtete offenzulassen, muss sich die Altkanzlerin im Nachhinein rechtfertigen. Auch ihre Haltung gegenüber Kreml-Herrscher Wladimir Putin wird Angela Merkel oft als zu lapidar ausgelegt. Die Altkanzlerin hatte nach der Annexion der Krim 2014 das Minsk-Abkommen mitverhandelt – das spätestens mit dem Einmarsch der russischen Truppen in die gesamte Ukraine jede Relevanz verloren hatte. Zudem hielt sie bis zum Ende ihrer Amtszeit am Energieprojekt Nordstream 2 fest und festigte damit eine gewisse Energieabhängigkeit vom Nachbar im Osten.

„Erlebt habe ich, dass im Jahre 2015 die Russen immer aggressiver in der Ukraine vorangekommen sind“, rechtfertigt Merkel nun gut zehn Jahre später in einem Interview mit dem ungarischen Medium „Partizan“ die Minsk-Verhandlungen. „Das war alles andere als perfekt“, gesteht sie. Dennoch habe es bis zum Truppeneinmarsch 2022 eine „Beruhigung“ der Lage gebracht. Sie habe jedoch wahrgenommen, dass Putin gegen Ende ihrer Kanzlerschaft das Abkommen nicht mehr ernst genommen habe.
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Als Grund dafür, dass sie einer weiteren russischen Aggression nicht vorbeugen konnte, nennt Merkel gegenüber dem Medium unter anderem die Corona-Pandemie: „Hätte Putin die Ukraine überfallen, wenn es Corona nicht gegeben hätte?“, fragt Merkel, ohne eine Antwort darauf geben zu können. Sie weist allerdings auf den Umstand hin, dass es während der Pandemie keine Möglichkeit gab, sich mit Putin direkt auszutauschen. Putin habe „Angst“ vor dem Coronavirus gehabt. Berichten zufolge hatte sich der Kreml-Herrscher in dieser Zeit fast vollständig isoliert. „Es ist klar, dass das Virus (...) die Weltpolitik verändert hat“, so die Altkanzlerin.
Darüber hinaus zeigt sie bei der Frage, warum keine weiteren wirksamen Maßnahmen gegen die potenzielle russische Aggression folgten, mit dem Finger auf andere EU-Staaten. Und zwar solche, die sich nach dem Überfall auf die Ukraine deutlich mit dem angegriffenen Land solidarisiert hatten. „Ich wollte ein neues Format“, so Merkel über eine Initiative, die sie gemeinsam mit Frankreichs Präsident Macron vorangetrieben hatte. Ihrer Ansicht nach hätte die EU direkt mit Putin verhandeln sollen. „Das wurde von einigen nicht unterstützt“, so Merkel. Sie nennt in diesem Zusammenhang die baltischen Staaten und Polen. Sie hätten „Angst gehabt, dass wir keine gemeinsame Politik gegen Russland haben“.




