Covid-19, Grippe, Tetanus – wer sich impfen lässt, schützt sich und andere. Doch eine neue Studie, die das Meinungsforschungsinstitut Civey im Auftrag des Verbands Pharma Deutschland durchgeführt hat, deckt nun besorgniserregende Ergebnisse auf. Deutsche sind demnach nach wie vor eher impf-faul und vor allem jüngere Menschen unter 30 Jahren messen dem Thema immer weniger Bedeutung bei, heißt es in der Untersuchung, die dieser Redaktion exklusiv vorliegt.

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Konkret ist bei den 18- bis 29-Jährigen die Impfbereitschaft innerhalb eines Jahres um fast zehn Prozent zurückgegangen. Auf die Frage, wie sie den Nutzen von Impfungen im Allgemeinen bewerteten, antworteten in dieser Altersklasse nur noch 63,9 Prozent der Befragten mit „positiv“. In einer ein Jahr zuvor durchgeführten ähnlich angelegten Befragung waren es noch 71,6 Prozent. Möglicherweise könnte dies an einer gewissen „Impf-Fatigue“ liegen, mutmaßen die Civey-Analysten – also an einer Impfmüdigkeit.

Ein Arzt impft eine Frau
Ein Piks, viel Schutz: Die Wirkung von Impfungen ist wissenschaftlich nachgewiesen. Doch vor allem bei jungen Deutschen sinkt die Impfbereitschaft.© Zacharie Scheurer/dpa-tmn | Zacharie Scheurer

Impfen: Generelle Bewertung des Impfnutzens kühlt laut Studie ab

Auch insgesamt habe die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, der Erhebung zufolge nachgelassen, besonders bei Covid. 67,5 Prozent der Befragten gaben an, sich in dieser Herbst/Winter-Saison nicht gegen Corona impfen lassen zu wollen. Gleichzeitig bescheinigt die Studie auch eine generelle Abkühlung mit Blick auf Impfungen. Auf die Frage „Wie bewerten Sie den Nutzen von Impfungen im Allgemeinen?“ antworteten 76,9 Prozent der Befragten „positiv“. Ein Jahr zuvor lag die Zustimmung noch fast drei Prozent höher (79,2 Prozent). Civey sieht die Deutschen zwar noch „überwiegend positiv“ gestimmt mit Blick auf den Impf-Piks, „aber mit weniger Notwendigkeit in der Gesellschaft“. Dieser Befund spreche eher für eine nachlassende Dringlichkeit als für grundsätzliche Ablehnung.

Experten sind kaum überrascht: „Die Deutschen, vor allem im Westen, waren immer relativ zurückhaltend beim Impfen. Man hatte gehofft, dass sich das durch Covid geändert haben könnte, aber das ist offenbar nicht der Fall“, sagte der Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner, der an der Universität Bielefeld lehrt, unserer Redaktion. Und auch der Medizinmanagement-Professor Jürgen Wasem von der Universität Duisburg unterstreicht die unzureichende Impfbereitschaft vieler Bundesbürger. Die Deutschen erreichten seit Jahren nicht die wünschenswerten Impfziele, so Wasem gegenüber dieser Redaktion.

Impfen: Deutsche zurückhaltend – Gesundheitsexperten nicht überrascht

„Die tatsächlichen Impfquoten sind nämlich noch einmal deutlich schlechter als die in Umfragen geäußerten Bekundungen. So empfiehlt die WHO bei den Grippeschutzimpfungen bei den über 60-Jährigen und besonderen Risikogruppen eine Impfquote von 75 Prozent, wir dümpeln aber bei unter 50 Prozent herum“, so Wasem. Mit Blick auf Covid nehme wohl die allgemeine Sorge vor der Erkrankung ab. „Die Verläufe sind gerade bei den Jüngeren in der Regel ja auch mild. Deswegen sind die meisten der Auffassung, dass man sich nicht impfen müsste“, sagte der Fachmann weiter.

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Die Impfzurückhaltung spiegelt sich laut Befragung auch in den Routinen wider. Sogar bei Standardimpfungen wie gegen Tetanus, Kinderlähmung oder Masern, Mumps, Röteln geben die Menschen in diesem Jahr seltener an, aktuell geschützt zu sein. Bei Grippe beschreibt sich ein größerer Teil der Deutschen als „unregelmäßig“ (23,8 Prozent) oder „nie geimpft“ (31,6 Prozent). Civey sieht darin allerdings „weniger ein Meinungsumschwung gegen Impfungen als ein Alltagsproblem“. Vorsätze würden schlichtweg seltener in tatsächliche Termine umgesetzt.

Impfen: Fachleute erklären, wie sich die Impfquoten steigern ließen

Gesundheitsökonom Greiner dringt nun darauf, Impfungen „näher an die Menschen zu bringen“. Impfungen im betrieblichen Zusammenhang würden dabei helfen können, ebenso Mehrfachimpfungen mit nur einem Termin. Immerhin: 52 Prozent der Befragten ist grundsätzlich geläufig, dass auch Apotheken in Deutschland gegen Covid und Grippe impfen dürfen, zunächst während der Pandemie in Modellvorhaben, mittlerweile auch im Regelbetrieb. Um Impfungen dort noch zu steigern, empfiehlt der Experte gezielte Ansprache und Werbung vor Ort. Apotheken zeigten sich auf Anfrage dafür offen. „Die Apothekerschaft möchte zu einer besseren Immunisierung der Bevölkerung beitragen“, sagte der Präsident der Bundesapothekerkammer ABDA, Thomas Preis.

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Experte Jürgen Wasem empfiehlt hingegen auch, den Krankenkassen „explizit finanzielle Anreize zum Fördern von Impfen“ zu geben. „Sie haben heute nur Ausgaben fürs Impfen profitieren einzelwirtschaftlich jedoch nicht von vermiedenen Erkrankungen“, erklärte er. AOK, Barmer & Co. könnten laut Befragung tatsächlich ein wirkungsvoller Hebel sein, die Impfbereitschaft zu erhöhen: Gut ein Viertel der Befragten (24,3 Prozent) der Pharma-Deutschland-Erhebung empfände Erinnerungen durch Krankenkassen oder Apps als motivierend, um sich öfter impfen zu lassen.

Impfen: Gesundheitsministerin hat Plan, Verband pocht auf Umdenken

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) rief gegenüber dieser Redaktion zum Impfen auf: Impfungen wirkten, das sei wissenschaftlich nachgewiesen. „Sie gehören zu den wichtigsten Maßnahmen zum Schutz vor Infektionskrankheiten. Eine Impfung kostet nur wenige Minuten, hat aber einen großen Nutzen – individuell und für die Mitmenschen“, so die Ministerin. Wo immer medizinisch vertretbar, brauche man mehr niedrigschwellige Impfangebote. „Deshalb sollen Apotheken im Rahmen der geplanten Apothekenreform stärker beim Impfen einbezogen werden. Schon jetzt dürfen sie Impfungen zum Schutz vor Grippe und Covid-19 anbieten. Dieses Angebot soll zukünftig auf alle sogenannten ‚Totimpfstoffe‘ erweitert werden“, kündigte sie an.

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Pharma Deutschland forderte mit Blick auf die Studienergebnisse ein Umdenken. „Impfen, die Prävention par exellence, muss einfacher und klarer geregelt werden. Wir schließen diese Lücke nicht mit lauteren Appellen, sondern nur damit, endlich alle an einem Strang zu ziehen und den Menschen einen niederschwelligen Zugang zu dem sichersten Schutz vor so vielen Krankheiten zu bieten“, sagte die Hauptgeschäftsführerin des Verbands, Dorothee Brakmann, dieser Redaktion. Schnelle zusätzliche Angebote könnten etwa durch eine Ausweitung der Befugnisse der Apotheken entstehen. In anderen europäischen Ländern wurden laut Brakmann auch gute Erfahrungen mit regelmäßigen Angeboten in Betrieben und an Schulen gemacht.