Der Tatort ist eine ruhige Wohngegend oberhalb von Herdecke (Ennepe-Ruhr-Kreis in Nordrhein-Westfalen): gusseiserne Zäune, Wintergärten, Pampasgras. Am Dienstagmittag stehen dort Dutzende Polizeiwagen, Rettungskräfte sind vor Ort, die Straße ist in beide Richtungen abgesperrt. Flatterband, Einsatzfahrzeuge, Blaulicht. Es ist der Ort, an dem sich offenbar ein Verbrechen ereignet hat – eines, das bundesweit für Aufsehen sorgt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Das Opfer: Iris Stalzer, 57 Jahre alt – und seit den Stichwahlen auf kommunaler Ebene vor einigen Tagen die angehende Bürgermeisterin der Stadt Herdecke. Sie soll bei einem Angriff an ihrer Wohnanschrift zahlreiche Stichverletzungen erlitten haben. Ein Rettungshubschrauber brachte sie in ein Krankenhaus. Nach Polizeiangaben schwebt sie in Lebensgefahr.
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Die Hintergründe der „abscheulichen Tat“, wie Bundeskanzler Friedrich Merz in einer ersten Reaktion formulierte, waren zunächst unklar. Eine Mordkommission wurde eingerichtet. „Wir ermitteln in alle Richtungen“, sagte Polizeisprecher Tino Schäfer am Dienstag auf Nachfrage knapp. Die Ermittlungen laufen, die Spurensicherung rückte am Nachmittag an. Am Abend teilten Polizei und Staatsanwaltschaft schließlich mit, dass die Ermittler von einem familiären Hintergrund ausgehen. „Nach derzeitigem Stand der Erkenntnisse gibt es keine Hinweise auf eine politisch motivierte Tat“, heißt es.

Angriff auf Iris Stalzer: Mordkommission ist eingerichtet
Wie die „Westfalenpost“, die wie diese Redaktion zur Funke Mediengruppe gehört, aus Ermittlerkreisen erfuhr, richtet sich der Verdacht gegen einen minderjährigen Jungen aus dem familiären Umfeld der SPD-Politikerin. Am Nachmittag wurde ein junger Mann offenbar in Handschellen aus dem Haus abgeführt. „Auch ein familiärer Hintergrund kann derzeit nicht ausgeschlossen werden“, formulieren die Polizei und die Staatsanwaltschaft Hagen in einer gemeinsamen Presseerklärung am Dienstagnachmittag. Gegen 12.40 Uhr seien die Einsatzkräfte informiert worden. Die Deutsche Presse-Agentur berichtet, die Adoptivkinder hätten die Polizei verständigt.
Am Tag nach dem Messerangriff läuft die Suche nach dem Tatmotiv und den Hintergründen. Die beiden Adoptivkinder der Juristin im Alter von 15 und 17 Jahren waren laut Angaben der Ermittler nach der Tat zur Klärung des Sachverhalts zu einer Polizeiwache gebracht worden. Auf die Frage, ob beide oder eines der Kinder als Zeugen oder Verdächtige auf der Wache befragt wurden, wollte eine Polizeisprecherin am Dienstagabend keine Antwort geben. Die Kinder würden betreut, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.
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Iris Stalzer hatte am 28. September die Stichwahl als Bürgermeisterin in Herdecke gegen den CDU-Kandidaten Fabian Haas gewonnen. Die Kommunalpolitikerin, die außer von der SPD auch von den Grünen unterstützt wurde, konnte sich in der 23.000-Einwohner-Stadt im Ennepe-Ruhr-Kreis mit 52,2 Prozent der Stimmen durchsetzen. Nach Angaben der Stadt war die offizielle Amtseinführung am 4. November geplant. Stalzer ist Rechtsanwältin und saß bereits vor der Kommunalwahl im Herdecker Stadtrat. Auf ihrer Homepage gibt sie an, dass sie verheiratet und Mutter von zwei Kindern im Teenageralter sei.
Der Großeinsatz hielt die beschauliche Stadt am Dienstag in Atem. Ein älterer Herr mit Hut steht unterhalb des Tatorts, er wohne unweit, sagt er und schüttelt den Kopf. „Ich habe nichts mitbekommen – außer natürlich den Polizeiauflauf“, sagt er, während hinter ihm das Blaulicht seit Stunden zuckt und die eigentliche ruhige Wohnstraße noch durch die Polizei abgesperrt ist. „Keine Ahnung, welcher Verrückte das wieder war“, sagt er und geht weiter.
Herdecke: Blaulicht in ruhiger Wohnstraße
Vom mutmaßlichen Tatort war Stalzer mit einem Rettungswagen hinab ins Tal gebracht worden, wo der Hubschrauber auf einer großen Wiese landen konnte – fast einen Steinwurf von der Innenstadt entfernt. Hinter einem Sichtschutz behandelten die Ärzte das Opfer, ehe es nach Bochum in die Klinik geflogen wurde. Dutzende Schaulustige verfolgten das Geschehen – vor allem Jugendliche, die aus der Schule kamen.
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Deutschlandweit herrschte Entsetzen über die Tat. „Uns erreicht eine Nachricht über eine abscheuliche Tat aus Herdecke. Sie muss jetzt schnell aufgeklärt werden. Wir bangen um das Leben der designierten Bürgermeisterin Iris Stalzer und hoffen auf vollständige Genesung“, schrieb Bundeskanzler Merz auf der Plattform X. „Meine Gedanken sind bei ihrer Familie und ihren Angehörigen.“ Auch Tim Klüssendorf, Generalsekretär der SPD, zeigte sich erschüttert. „Die Nachrichten aus Herdecke machen uns tief betroffen“, erklärte er am Dienstag. „Wir bangen mit unserer Genossin und Bürgermeisterin und sind in Gedanken bei ihren Angehörigen.“
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Beruflich war die Volljuristin als selbstständige Fachanwältin für Arbeitsrecht in ihrer Herdecker Kanzlei in einer Bürogemeinschaft tätig. „Meine Arbeit – ob im Beruf oder in der Politik – ist geprägt vom Dialog, vom Zuhören und vom Willen, Lösungen zu finden. Werte wie Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und eine klare Haltung sind für mich selbstverständlich.“ So charakterisierte sich Iris Stalzer auf ihrer Internetpräsenz für die Kommunalwahl selbst. In der Kanzlei war sie am Dienstagmorgen erwartet worden. Für ihre Verspätung hatte zunächst niemand eine Erklärung. Dann kamen die schlechten Nachrichten.
Hinweise auf ein politisches Motiv gibt es in Herdecke bislang nicht. Trotzdem ruft die Tat Erinnerungen wach an andere Angriffe auf Politikerinnen und Politiker in den vergangenen Jahren. Im vergangenen Jahr war etwa der Europa-Abgeordnete Matthias Ecke beim Wahlkampf in Dresden von mehreren Jugendlichen niedergeschlagen worden, der SPD-Politiker musste in der Folge operiert werden. Henriette Reker, damals Kandidatin für das Oberbürgermeisteramt in Köln, wurde 2015 einen Tag vor der Wahl aus fremdenfeindlichen Motiven von einem Mann mit einem Messer schwer verletzt. Die Politikerin überlebte den Stich in den Hals damals nur knapp.








