Wenn man sich die jüngsten Digitalkarten des Washingtoner „Institute for the Study of War“ (ISW) ansieht, kann man erahnen, was Donald Trump am Freitag vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj im Oval Office des Weißen Hauses vordringlich wissen will: Welche Ziele in Russland würde der ukrainische Präsident ins Visier nehmen, wenn die USA ihm erstmals Tomahawk-Langstreckenraketen zur Verfügung stellen würden?

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Die Marschflugkörper – mit Bewaffnung über sechs Meter lang, pro Stück 1,3 Millionen US-Dollar teuer – können mit Unterschallgeschwindigkeit bis zu 2500 Kilometer weit fliegen, um ihre Sprengköpfe detonieren zu lassen. Tomahawks fliegen sehr tief, um dem Radar auszuweichen, und treffen dank Satelliten-Navigation metergenau. Die bisher aus den USA gelieferten „Army Tactical Missile Systems“ (Atacms) sind auf 300 Kilometer begrenzt.
Tomahawks an Ukraine? Russische Luftwaffenbasis als strategisch wichtiges Ziel
Wie die ISW-Fachleute ermittelt haben, gerieten durch die Tomahawks auf einen Schlag erstmals bis zu 2000 neue russische Ziele, darunter Dutzende Militärbasen, Abschussrampen, Flugplätze, Kommandozentralen, Trainingsgelände, Treibstofflager, Munitionsdepots und Rüstungsfabriken, in Reichweite der Ukraine.
Zu den strategisch wichtigsten Adressen gehört die Engels-2-Luftwaffenbasis in Saratow, von wo aus Russland seine Bomber einsetzt, die Marschflugkörper auf die Ukraine abfeuern. Auch die große Fabrik in Jelabuga in Tartastan, in der monatlich 2700 der vom Iran entwickelten Shahed-Drohnen hergestellt werden sollen, stünde dann im Zielfernrohr der Ukraine.
ISW continues to assess that the Kremlin is waging a reflexive control campaign to deter the United States from authorizing the sale of Tomahawk missiles to Ukraine by threatening a deterioration in US-Russian relations.
— Institute for the Study of War (@TheStudyofWar) 16. Oktober 2025
ISW assesses that the US provisioning of Tomahawk missiles… https://t.co/g9u0WzR4IB pic.twitter.com/TomWt9peX1
Durch die Tomahawks, so der ISW-Geodaten-Chef George Barros, könnte Kiew „die Kampfkraft Russlands an der Front wahrscheinlich erheblich beeinträchtigen“. Selenskyj will tief im russischen Hinterland wirksame Nadelstiche setzen und die russische Kriegsmaschine so ins Stottern bringen, dass Präsident Wladimir Putin doch noch an den Verhandlungstisch kommt.

Trump will Eskalation mit Russland vermeiden
Donald Trump, der noch im Sommer prorussische Positionen einnahm, Kiew indirekt zur Aufgabe eroberter Landstriche drängte und mit Putin in Alaska ein (ergebnisloses) Gipfeltreffen inszenierte, zeigt sich seit Wochen zunehmend frustriert darüber, dass der Kreml-Herrscher alle Friedensbemühungen torpediert. Er redet seit Tagen offen darüber, die Ukraine in den Stand zu versetzen, in die Offensive zu gehen, „wenn dieser Krieg nicht beigelegt wird“. Dabei, so sagte Trump am Mittwoch im Weißen Haus, müsse eine Eskalation vermieden werden.
Genau damit hatte der Kreml zuletzt mehrfach gedroht. Regierungssprecher Dmitri Peskow nannte die Spekulationen um die Tomahawks „äußerst besorgniserregend“. Putin selber sprach von einer „qualitativ neuen Eskalationsstufe“, falls Washington den Verkauf der Raketen über Dritte an die Ukraine genehmigt. Dmitri Medwedew, der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrats, sagte, die Lieferung dieser Marschflugkörper „könnte für alle schlecht ausgehen – am meisten für Trump selbst“. Dahinter steht die Warnung, dass Moskau sich eventuell mit Nuklearwaffen zur Wehr setzen könnte. Experten in Washingtoner Denkfabriken erkennen im russischen Vorgehen eine erneute Kampagne, „die den Westen davon abschrecken soll, der Ukraine militärisch nachhaltig zu helfen“.
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Tomahawks: Verteidigungspolitiker sehen Probleme
Gleichzeitig dämpfen sie die Erwartungen für den Fall, dass Trump grünes Licht geben sollte, die Tomahawks zu genehmigen, um die „Kosten für Putin” in die Höhe zu treiben und zu wirklicher Friedensbereitschaft zu bewegen. Tenor: „Tomahawks werden den Verlauf des Krieges nicht grundsätzlich auf den Kopf stellen.”
Der Grund: Zwar könnten die USA bei Tomahawk-Beständen von rund 4000 Stück aus dem Vollen schöpfen. Dagegen herrsche bei den nötigen bodengestützten Abschussvorrichtungen akuter Mangel. Tomahawks werden normalerweise von Kriegsschiffen und U-Booten auf See abgefeuert. Die Rede in Pentagon-Kreisen, wo bereits Pläne für die eventuelle Auslieferung der Raketen erarbeitet wurden, ist von maximal 50 Marschflugkörpern, die via europäischen Nato-Staaten an Kiew geliefert werden könnten.
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Vor dem Betrieb des Waffensystems, sagte ein demokratischer Verteidigungspolitiker, „sind monatelange Schulungen notwendig“. Bei der Zielerfassung wäre die Ukraine zudem von der Datenzufuhr der Amerikaner abhängig, was die USA einer „direkten Konfrontation mit Russland gefährlich näherbringen könnte“. Andererseits könnte Trump so indirekt darüber wachen, dass die Ukraine keine hochsensiblen russischen Ziele attackiert, etwa Städte wie St. Petersburg oder Moskau, was eine eskalierende Antwort Putins auslösen könnte. Ob zu den verbotenen Zielen auch russische Ölraffinerien gehören würden, die bereits vereinzelt mit ukrainischen Drohnen angegriffen wurden, ist vorläufig unklar.
Insider rechnen nicht mit einer Tomahawk-Zusage Trumps
Insider in Militärkreisen der Republikaner rechneten am Donnerstag nicht damit, dass Selenskyj am Freitag das Weiße Haus mit einer festen Lieferzusage Trumps verlässt. Erscheint Trump das Risiko einer Zuspitzung im amerikanisch-russischen Verhältnis zu hoch, heißt es, werde er der Ukraine die Tomahawks „wahrscheinlich verweigern“.
Dem scheidenden republikanischen Abgeordneten und Trump-Kritiker Don Bacon ist das zu viel Taktiererei. „Die Russen haben seit Kriegsbeginn über 910 ukrainische Kliniken bombardiert. Warum? Putin will Zivilisten töten und terrorisieren. Herr Präsident, schicken Sie unseren Freunden die Tomahawk-Raketen!”







