Kurz bevor Wolodymyr Selenskyj am Weißen Haus vorfuhr, kamen daraus vertraute Klänge. Andrea Bocelli, der erblindete Opern-Star, stattete USA-Präsident Donald Trump einen Besuch ab. Der mit Spannung erwartete Termin mit dem ukrainischen Präsidenten, der vom Gastgeber die Zusage für die Lieferung von Tomahawk-Langstrecken-Raketen im Abwehrkampf gegen Russland erhoffte, begann auch darum eine halbe Stunde später. Ob sich das Warten für den Mann aus Kiew gelohnt hat, der für sein schwarzes Jackett von Trump Sonderlob erfuhr („Es ist tatsächlich sehr stilvoll. Es gefällt mir“), ist zweifelhaft.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Im traditionellen Frage-und-Antwort-Pingpong mit den Medien ließ Trump mehr als einmal durchblicken, dass er die besagten Marschflugkörper, die weit im russischen Hinterland großen Schaden anrichten und womöglich das Kriegsgeschehen verändern könnten, nicht zur Verfügung stellen will. „Wir würden es viel lieber sehen, wenn sie (die Ukrainer – d. Red.) keine Tomahawks bräuchten“, sagte Trump und fügte hinzu, dass er den Krieg lieber beendet sehen würde.
News aus den USA
Donald Trump: Tomahawks sind „sehr gefährliche Waffen“
Tomahawks seien „sehr gefährliche Waffen“, betonte der Commander-in-Chief. Und obwohl in US-Beständen ungefähr 4000 dieser jeweils 1,3 Millionen Dollar teuren Raketen lagern, erweckte Trump den Eindruck, die Vereinigten Staaten könnten sich aus eigenen sicherheitspolitischen Erwägungen kaum erlauben, auch nur einen Teil dieser Waffen abzugeben. „Wir brauchen sie selber”, sagte er auf eine entsprechende Reporter-Frage.

Trumps umständlich-zögerliche Ausdrucksweise geht auf ein 150 Minuten langes Telefonat zurück, das der US-Präsident am Donnerstag, da war Selenskyj gerade im Anflug auf Washington, mit Russlands Präsident Wladimir Putin geführt hat. Was genau dort erörtert wurde, blieb vorerst unter Verschluss, jedenfalls auf amerikanischer Seite.
Putin-Berater Juri Uschakow sagte nach dem Telefonat, der russische Präsident habe Trump darüber informiert, dass die Lieferung von Tomahawks das Kriegsgeschehen nicht substanziell verändern würde. Die Beziehungen zwischen Russland und den USA allerdings könnten schwer beschädigt werden. Hat Trump sich von dieser Drohung beeindrucken lassen?
Trump will Putin in Ungarn treffen – ohne Selenskyj
Trump wiederholte lediglich gefühlte 20 Mal, dass er glaube, dass Putin den Krieg wirklich beenden wolle. Indizien? Keine. So war es auch vor und nach dem Alaska-Gipfel Mitte August, der Trump überwiegend miserable Noten einbrachte. Weil Putin allen Friedensbemühungen die kalte Schulter zeigte und die Bombardierung vor allem ziviler Ziele in der Ukraine danach sogar noch intensivierte.
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Dennoch schaut Trump nach eigenen Worten den nächsten Tagen hoffnungsvoll entgegen, wenn ein Team unter Leitung von Außenminister Marco Rubio mit den Russen einen für Anfang November angedachten Trump-Putin-Gipfel im ungarischen Budapest konfigurieren soll. Warum Budapest? „Weil wir Viktor Orban mögen. Und weil er uns mag.“ Dass es ein Zweier- und kein Dreier-Treffen werde, liege daran, dass „es jede Menge böses Blut zwischen Putin und Selenskyj gibt“, so Trump, „diese beiden Staatschefs mögen sich nicht, und wir wollen es für alle angenehm gestalten.“
Selenskyj: „Trump hat eine großartige Chance, diesen Krieg zu beenden“
Ohne den später hinter verschlossenen Türen folgenden Gesprächen vorzugreifen, betonte Selenskyj höflich-zurückhaltend, wie wichtig für die Ukraine die Tomahawk-Lieferungen wären. Nur so könne der Kreml-Herrscher, „der keinen Frieden will“, an den Verhandlungstisch gezwungen werden, sagte der ukrainische Präsident. Und bot kurioserweise ein Kompensationsgeschäft an: Die USA könnten mit ukrainischen Drohnen versorgt werden, sagte Selenskyj. Auf die Frage, ob Trump interessiert sei, nickte der Präsident.
Finanzminister Scott Bessent, Vizepräsident JD Vance, Außenminister Marco Rubio und Verteidigungsminister Pete Hegseth, die der Zeremonie beiwohnten, hörten interessiert zu, schalteten sich aber bis auf Rubio nie in das Palaver ein. Alle merkten auf, als Selenskyj von einem Korrespondenten von Lindell TV, das von dem Wahlleugner und Trump-Unterstützer Mike Lindell betrieben wird, gefragt wurde, ob er bereit sei, auf den Nato-Beitritt zu verzichten. Selenskyj wich aus und betonte, dass für sein Land „starke Sicherheitsgarantien“ Amerikas entscheidend seien.
Selbstredend nutze Selenskyj den Moment und ging Trump, dem selbsternannten Friedensfürsten, um den Bart. Er gratulierte dem Amerikaner zum Waffenstillstand in Gaza. „Sie haben es geschafft.” Selenskyj will nach der positiven Entwicklung im Mittleren Osten ein Momentum festgestellt haben, das auch den Russland-Ukraine-Konflikt beleben könne. „Präsident Trump hat eine großartige Chance, diesen Krieg zu beenden.“
Mehr als dreieinhalb Jahre nach der vollständigen Invasion der Ukraine hat Russland in diesem Jahr einige territoriale Gewinne erzielt, aber der oberste Militärbefehlshaber der Ukraine, Oleksandr Syrskyi, sagte in dieser Woche, dass die russische Offensive gescheitert sei. Putin dagegen behauptet, seine Streitkräfte hätten 2025 fast 5000 Quadratkilometer Land in der Ukraine erobert – das entspräche einer Erweiterung des bereits kontrollierten Territoriums von fast 20 Prozent um weitere 1 Prozent.








