Die Kamera an der Straße in der Mannheimer Innenstadt zeigt Passanten, Autos, Bürgersteige. Aber die Software liefert mehr als nur ein Video. Sie analysiert die Bewegungen der Körper, rastert die Positionen der Gliedmaßen, erstellt ein „digitales Skelett“. Die Technik erkennt, wenn sich Menschen aggressiv annähern und sich schlagen oder treten. Dann schlägt die Videoüberwachung Alarm – Beamte rücken aus.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Auch im berüchtigten Frankfurter Bahnhofsviertel scannen 50 Kameras seit einigen Wochen die Reisenden. Eine Software meldet, wenn sie Gesichter von vermissten Menschen oder polizeibekannten terroristischen Gefährdern in den Datenbanken entdeckt oder verdächtige Gepäckstücke ausmacht.

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Mannheim und Frankfurt – es sind zwei Fälle, wie sich Kriminalbeamte moderne Überwachung vorstellen. Auch an Bahnhöfen, denn an den Gleisen der deutschen Metropolen tummeln sich täglich Hunderttausende Menschen. Vor allem Reisende, aber auch Obdachlose, Taschendiebe, Drogenabhängige. Eine Großstadt-Melange der Hektik und des Gedränges, der Strauchelnden und Gestrandeten, der Süchtigen und Kriminellen. An den Bahnhöfen zwischen München und Berlin, Leipzig und Hamburg kulminiert nun auch die Debatte um ein verändertes „Stadtbild“, die Bundeskanzler Merz mit seiner umstrittenen Äußerung ausgelöst hat.

Allein in Hamburg sind es täglich mehr als eine halbe Million Reisende, die den Hauptbahnhof passieren. Etwas weniger sind es in Frankfurt, knapp 200.000 in Berlin und Köln. In ganz Deutschland gibt es mehr als 5000 Bahnhöfe. Für die Polizei ist das nicht ansatzweise lückenlos mit Patrouillen zu überwachen. Und so geht es bei der Verkehrspolitik der Bundesregierung nicht nur um Pünktlichkeit der Züge. Immer wieder sticht ein Thema hervor: Wie sicher sind die Bahnhöfe?

Von 2023 bis 2025 steigt die Zahl der Gewalttaten in Bahnhöfen und Zügen

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) schlägt nun Alarm. „Gerade an den großen Bahnhöfen in den Innenstädten wird es immer gefährlicher, auch für unsere Kolleginnen und Kollegen“, sagte der Bundespolizei-Vorsitzende Andreas Roßkopf dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) kündigte „Schwerpunkteinsätze der Polizei zur Gewaltprävention“ in Innenstädten und an Bahnhöfen an.

Was ist dran an diesen Warnungen? Zunächst lohnt ein Blick auf die Polizeistatistiken, sie sind – anders als aufwendige Befragungen von Passanten – zwar anfällig für Verzerrungen, aber zumindest ein Indikator für Trends bei der Kriminalität. Von 2023 bis zum ersten Halbjahr 2025 steigt die Zahl der Gewalttaten in Bahnhöfen und Zügen, die durch die Bundespolizei erfasst wurde – von etwa 13.000 auf 14.000 Fälle pro Halbjahr.

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Merz und die Töchter
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Auch die Waffendelikte – wie Messerangriffe – nehmen zu. Von 550 zweiten Halbjahr 2023 auf gut 800 im ersten Halbjahr 2025. Die von der Polizei erfassten Sachbeschädigungen wachsen ebenfalls. Andererseits: Die Zahl der registrierten Sexualdelikte in Bahnhöfen und Zügen ist 2025 bisher niedriger als 2024. Und auch die Delikte bei der Rauschgiftkriminalität im Umfeld des Bahnhofs gehen zurück – im Vergleich zu 2023 sogar deutlich. Ein rückläufiger Trend zeigt sich auch bei den Eigentumsdelikten, also etwa den Taschendiebstählen.

Die Statistik ist nicht eindeutig. Zugleich erzählen die Zahlen nichts über Verzerrungen. So wurden Waffenverbotszonen in den vergangenen Jahren stark ausgeweitet. Das bedeutet: Die Polizisten können an Bahnhöfen mit wenig rechtlichen Schranken und teilweise ohne Anlass Menschen kontrollieren. Das kann einen Anstieg der registrierten Waffendelikte erklären.

Will mehr „Schwerpunkteinsätze“ auch an Bahnhöfen: Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU).
Will mehr „Schwerpunkteinsätze“ auch an Bahnhöfen: Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU).© dpa | Michael Kappeler

Wer mehr überprüft, findet auch mehr, so eine Logik der Polizeistatistik. In Hamburg etwa patrouillieren in sogenannten „Quattro-Streifen“ Bundespolizisten an der Seite der Landespolizei, der Wachleute der Bahn sowie der Hochbahn-Wache.

Zugleich aber steigen die registrierten Fälle von Gewalt. Auch sie kann man damit erklären, das Menschen schneller Fälle von Übergriffen bei der Polizei anzeigen als früher. Gewalt wird weniger akzeptiert als noch vor zwanzig Jahren. Ohnehin gilt: Viele Jahre war die Zahl der Gewalttaten in Deutschland in den Statistiken rückläufig.

Das hat sich geändert. Und so flankieren sorgenvolle Erfahrungen die gestiegenen Fallzahlen an Bahnhöfen. „Insgesamt ist die Stimmung aggressiver geworden“, stellt der Fahrgastverband Pro Bahn fest. „Früher war der Schaffner eine Autorität, vor dem Menschen ohne Fahrkarte geflohen sind. Heute trifft der Schaffner auf Schwarzfahrer, die ihn beschimpfen, bespucken oder treten statt wegzulaufen.“

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    Das Klima wird rauer – auch auf den Bahnsteigen und in den Zugabteilen. Hinzu kommt, dass einige besonders brutale Fälle eine hohe Aufmerksamkeit bekommen, wie etwa der Messerangriff einer psychisch kranken Frau am Hamburger Hauptbahnhof.

    Manche Soziologen sprechen schon von einer „Durchrohung der Gesellschaft“. Dabei heben Kriminologen in neueren Studien hervor, dass nicht insgesamt junge Menschen gewalttätiger werden. Nicht die Jugend ist das Problem, sondern einzelne, vor allem junge Männer. Sie fallen Polizisten immer wieder auf, sogenannte „Intensivtäter“.

    Hier ist auch die Zahl der Menschen mit Fluchtgeschichte unter den Tätern hoch. Bei den Taten an Bahnhöfen und Zügen sind Deutsche die größte Gruppe der Tatverdächtigen. Aber Afghanen und Syrer sind überproportional vertreten. Oftmals, heißt es bei der Polizeigewerkschaft, hätten diese Tatverdächtigen kein Aufenthaltsrecht in Deutschland. Auch polnische Tatverdächtige fallen der Polizei stark auf.

    Oftmals haben diese Menschen eigene Gewalt erlebt, im Krieg, auf der Flucht, in der Heimat. Und hier in Deutschland: auf der Straße, in den Asylunterkünften. Am Bahnhofsvorplatz treffen dann der Drogenabhängige, der syrische Flüchtling und der polnische Bettler aufeinander. Fachleute fordern deshalb, nicht nur auf den Einsatz von Polizisten zu setzen, sondern auch auf Sozialarbeit, Integrationsberater und Drogenhilfe. Doch nur an rund 100 von mehr als 5000 Bahnhöfen gibt es beispielsweise eine Bahnhofsmission. Sie sind getragen von christlichen Einrichtungen.

    Hinzukommen für Tausende Polizisten Woche für Woche die teuren Einsätze an Bahnhöfen, wenn sie Fußballfans zu den Spielen begleiten. Immer wieder kommt es zu Ausschreitungen und Übergriffen. Mehrere Tausend Personen sind in der Datei „Gewalttäter Sport“ bei der Polizei erfasst.

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    Sozialarbeit, Spezial-Streifen, mehr Polizeikontrollen, Waffenverbote – das sind Reaktionen auf das Unsicherheitsgefühl einiger Menschen in Bahnhöfen und Zügen. Für die Bahn-AG geht es auch um eine bessere Beleuchtung der Bahnsteige. Zugbegleiter können Bodycams freiwillig im Dienst tragen. So sollen Übergriffe dokumentiert und im Idealfall verhindert werden. 2024 meldete die Bahn mehr als 3.300 körperliche Übergriffe. 

    Der Deutsche Landkreistag sieht vor allem die Bahn in der Verantwortung, für Sicherheit zu sorgen. „Daneben ist für das Umfeld aber eben auch eine ordentliche kommunale Finanzausstattung nötig, um die kommunale Infrastruktur zu ertüchtigen“, sagt Präsident Achim Brötel.

    Kriminalbeamte sehen einen weiteren Weg in moderner Technik. Pilotprojekte wie in Mannheim oder Frankfurt würden zeigen, wie Künstliche Intelligenz und Datenanalyse die Polizei auf Muster aufmerksam mache, „die menschliche Wahrnehmung allein kaum leisten kann“, sagt Dirk Peglow unserer Redaktion. Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) war einst selbst als Polizist im Frankfurter Bahnhofsviertel im Einsatz. Peglow sagt aber auch: „KI darf niemals als Instrument flächendeckender Überwachung verstanden werden, sondern muss der zielgerichteten Gefahrenabwehr dienen – im Einklang mit Rechtsstaat und Datenschutz.“

    Eine Lösung für mehr Sicherheit? Fachleute sehen Vorteile der Videoüberwachung. Aber auch Nachteile.
    Eine Lösung für mehr Sicherheit? Fachleute sehen Vorteile der Videoüberwachung. Aber auch Nachteile.© Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa/Archivbild | Unbekannt

    Videoüberwachung hat Stärken und Schwächen. Sie schreckt Täter eher weniger ab. Sie kann sogar dazu führen, dass Menschen weniger Straftaten anzeigen, weil sie sich auf die Kameras verlassen. Zugleich helfen Videos der Polizei, Täter nach Gewalttaten zu identifizieren und zu erfassen. Immer stärker sollen Datenprogramme auch bei der Abwehr von Gefahren wie Terroranschlägen helfen. „Es findet keine biometrische Gesichtserkennung im Echtzeitbetrieb statt, sondern eine gezielte, rechtlich kontrollierte Anwendung – beispielswese bei der Suche nach vermissten Personen oder zur Abwehr terroristischer Gefahren“, hebt Kriminalbeamter Peglow hervor.

    Polizeigewerkschaften drängen auf bessere Kontrolle an den Bahnhöfen, laut GdP fehlen 3000 bis 4000 Beamte an den Gleisen und in den Zügen. Auch der Landkreis-Präsident fordert mehr Polizeistreifen. „Das ist für das Sicherheitsgefühl vieler Menschen von ganz zentraler Bedeutung“, sagte Brötel. Der Druck auf Minister Dobrindt wächst. Zuständig für die Sicherheit auf den Bahngleisen und in den Zügen sind seine Bundespolizisten, nicht die Landespolizei. Doch mehrere Tausend Bundespolizisten sind gerade an anderen Orten gebunden. Sie sind im Einsatz gegen irreguläre Migranten und Schleuser an den deutschen Grenzen – auf Anordnung des Ministers.