Er schwingt die Kettensäge wie ein Symbol der Befreiung, singt Hardrock auf Wahlkampfbühnen und bezeichnet den Staat als „Feind der Freiheit“: Javier Milei (55), Präsident Argentiniens, spaltet wie kaum ein anderer Politiker in Südamerika. Für die einen ist er ein genialer Reformer, für die anderen ein gefährlicher Populist. Bei den Zwischenwahlen im Oktober 2025 hat Milei seine Macht jedenfalls eindrucksvoll bestätigt: Seine Bewegung La Libertad Avanza holte landesweit über 40 Prozent der Stimmen – selbst in den einst unerschütterlichen Bastionen der Peronisten. 

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Doch wer ist dieser Mann, der den Staat halbieren, den Peso abschaffen und Argentinien in ein libertäres Experiment verwandeln will? Was treibt ihn an – und was verrät sein Leben über den Menschen hinter der lauten Fassade? Hier finden Sie die wichtigsten Informationen zu Javier Milei – von seiner Kindheit in Buenos Aires über seine Karriere als Ökonomieprofessor und Fernsehprovokateur bis hin zu seinem Aufstieg zum Präsidenten mit der Kettensäge.

Javier Milei: Die wichtigsten Infos zum Politiker im Steckbrief

NameJavier Gerardo Milei
Geburtsdatum22. Oktober 1970
ParteiLa Libertad Avanza
Parteimitglied seit2020
Familienstandledig
WohnortBuenos Aires, Argentinien

Javier Milei: Kindheit, Familie und die Nähe zu seiner Schwester Karina

Geboren wurde Javier Gerardo Milei am 22. Oktober 1970 in Buenos Aires als Sohn einer italienischstämmigen Mittelstandsfamilie. Sein Vater arbeitete zunächst als Busfahrer und besaß später mehrere Buslinien – eine Branche, die in Argentinien traditionell eng mit Lokalpolitik und Korruption verknüpft war.

Der Journalist Juan Luis González beschreibt Milei in seiner 2022 erschienenen Biografie „El Loco“ („Der Verrückte”) als ein Kind, das mit einem gewalttätigen Vater und einer emotional distanzierten Mutter aufwächst. Er schreibt, Milei „wurde geschlagen, gedemütigt, von beiden Eltern abgelehnt.“ Die Familie habe, so der Autor, „funktioniert wie ein Unternehmen, in dem Kinder nur störten.“ 

Milei selbst spricht selten über seine Kindheit, doch wenn, dann klingt Bitterkeit durch. In einem Interview mit der argentinischen Zeitung „La Nación“ im August 2023 sagte er über seine Eltern: „Sie sind nicht grundlegend. Die Einzige, die hier grundlegend ist, ist meine Schwester.“ Berichten zufolge hatte er mehr als zehn Jahre kaum Kontakt zu seinen Eltern. Nähe und Vertrauen findet er erst viel später – in Karina Milei (52), seiner jüngeren Schwester, die heute als seine wichtigste Vertraute und politische Managerin gilt. Er nennt sie liebevoll „den Boss“.

Javier Milei feiert 2023 gemeinsam mit seiner Schwester Karina Milei, seiner engsten Vertrauten und heutigen Kabinettschefin.
Javier Milei feiert 2023 gemeinsam mit seiner Schwester Karina Milei, seiner engsten Vertrauten und heutigen Kabinettschefin.© Natacha Pisarenko/AP/dpa | Unbekannt

Javier Mileis Jugend: Fußball, Rock’n’Roll und der Spitzname „El Loco“

In seiner Jugend versucht sich Milei zunächst als Fußballtorwart. Bei den Chacarita Juniors, einem Verein aus der Peripherie von Buenos Aires, spielt er in der zweiten Liga. Mit seiner kompromisslosen Spielweise und seinem Hang zur Exzentrik verdient er sich früh den Spitznamen, der ihn bis heute begleitet: „El Loco“, der Verrückte.

Als seine Fußballkarriere scheitert, wendet sich Milei der Musik zu und gründet eine Rolling-Stones-Coverband. Musik, sagte er später der argentinischen Zeitung „Buenos Aires Times“, sei für ihn mehr gewesen als ein Hobby: „Die Proben haben mir geholfen, den Kopf freizubekommen und neue Kraft zu finden.“ Auch heute noch greift er in Interviews auf Rockmetaphern zurück, spricht vom „Rhythmus des Marktes“ oder dem „Donner der Freiheit“.

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Javier Milei: Studium und intellektuelle Wandlung – Vom Keynesianer zum Marktanarchisten

Nach dem Abitur schreibt sich Javier Milei an der Universidad de Belgrano ein, einer privaten Hochschule in Buenos Aires. Er studiert Wirtschaftswissenschaften, schließt mit zwei Mastertiteln ab und gilt früh als brillanter, wenn auch eigenwilliger Kopf. Zunächst überzeugt ihn der Keynesianismus – die Vorstellung, dass staatliche Ausgaben in Krisenzeiten Wachstum ankurbeln und Arbeitslosigkeit mindern können.

Doch gegen Ende des Studiums kommt die ideologische Wende. Wie Juan Luis González in „El Loco“ beschreibt, stößt Milei auf einen „150 Seiten langen Aufsatz“ des amerikanischen Ökonomen Murray Rothbard, einem der Vordenker des Anarchokapitalismus. Die Lektüre verändert ihn grundlegend. Von da an bezeichnet sich Milei als „liberalen Libertären“ – ein Ökonom, der an die totale Freiheit des Marktes glaubt und den Staat als Wurzel allen Übels betrachtet.

Bei einer Konferenz in Buenos Aires 2024 sagte Milei: „Ich bin ein liberaler Libertärer. Philosophisch gesehen bin ich ein Marktanarchist. Ich betrachte den Staat als Feind; Besteuerung ist ein Überbleibsel der Sklaverei. Der Liberalismus wurde geschaffen, um die Menschen von der Unterdrückung der Monarchen zu befreien – heute ist das der Staat.“ Damit ordnet er sich in die Tradition der Österreichischen Schule ein, jener Denkrichtung um Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek, die staatliche Eingriffe in den Markt als moralische wie ökonomische Fehlentwicklung versteht. Seine kompromisslose Staatskritik folgt auch derselben libertären Logik, die den sogenannten „Trump-Wahnsinn“ antreibt.

Mehr dazu lesen Sie hier: Gegen den Staat – Dieser Ideologie folgt der Trump-Wahnsinn.

Nach dem Studium arbeitet Milei als Chefvolkswirt bei HSBC Argentinien und später als Finanzberater für den Unternehmer Eduardo Eurnekian, einen der mächtigsten Geschäftsmänner Argentiniens. Parallel lehrt Milei an mehreren Universitäten, bis er wegen seines harschen Umgangstons mit Studierenden entlassen wird.

Sein medialer Durchbruch kommt schließlich durch Auftritte in argentinischen Talkshows, in denen er laut Berichten mit deutlichen Worten gegen „Den Staat“ und „Die Parasiten des Systems“ wetterte. Die britische Zeitung „Guardian“ beschrieb ihn im Wahlkampf als jemanden, der „wie Wolverine auftritt“ – eine Metapher für seine harte, medienwirksame Rhetorik. In einem Land, das ständig über Inflation, Krise und Korruption debattiert, wird er zum Publikumsliebling – oder -schreck.

Politischer Aufstieg Javier Milleis: Der Rock’n’Roller wird Präsident

2019 betritt Javier Milei die politische Bühne – zunächst als provokanter Außenseiter, unterstützt von libertären Gruppen und als lautstarker Gegner des Establishments. Zwei Jahre später zieht er mit seiner Bewegung La Libertad Avanza ins Parlament ein. Im Präsidentschaftswahlkampf 2023 präsentiert sich Milei als Anti-System-Kandidat mit klarer Mission. Mit einer Kettensäge als Symbol seines Programms verspricht er, „den aufgeblähten Staat zu zerschneiden“. In Anspielung auf seine Anhänger bezeichnet er sich als „Löwenführer“ und ruft ihnen zu: „Ich bin nicht gekommen, um Lämmer zu führen, sondern um Löwen zu wecken!“

Im November 2023 gewinnt Milei die Stichwahl mit rund 55 Prozent der Stimmen – ein politisches Erdbeben. Medien wie „Al Jazeera“ sprechen von einem „Triumph des Anti-Establishments“, „Reuters“ von einem „libertären Experiment auf offenem Feld“. Besonders junge Wählerinnen und Wähler fühlen sich von seinem Versprechen radikaler Erneuerung angezogen.

Zwei Jahre später, bei den Zwischenwahlen 2025, gelingt ihm der nächste Coup: La Libertad Avanza erreicht über 40 Prozent der Stimmen, selbst in der einst uneinnehmbaren Hochburg der Peronisten, der Provinz Buenos Aires. Damit sichert sich Milei die parlamentarische Rückendeckung, die ihm in den ersten Regierungsjahren fehlte – und öffnet die Tür für einen seiner ehrgeizigsten Pläne: den Umbau Argentiniens zu einem radikal marktwirtschaftlichen Staat. In seiner Siegesrede sagt Milei: „Heute beginnt der Aufbau eines großartigen Argentiniens.“

Javier Milei: Das sind die politischen Ziele des argentinischen Präsidenten

Als Präsident konzentriert sich Javier Milei weiterhin auf den Kern seines bisherigen politischen Programms: den radikalen Umbau des Staates, eine marktorientierte Wirtschaftspolitik und ein libertäres Gesellschaftsmodell.

  • Staatsabbau und wirtschaftliche Schocktherapie: Milei will die Minimierung öffentlicher Ausgaben, die Deregulierung der Wirtschaft und eine drastische Reduktion staatlicher Strukturen. Bereits im ersten Amtsjahr verringerte er die Zahl der Ministerien deutlich, entließ Tausende Staatsbedienstete, kürzte Subventionen und fuhr die Staatsausgaben massiv zurück. Laut „AP News“ und „Reuters“ bezeichnete er diese Maßnahmen als „notwendige Rosskur“ für ein Land, das „über Jahrzehnte über seine Verhältnisse gelebt“ habe.
  • Dollar statt Peso: Ein zentrales, aber noch nicht vollständig umgesetztes Reformziel bleibt die Schließung der argentinischen Zentralbank und die Einführung des US-Dollars als gesetzliches Zahlungsmittel. Gegenüber „Reuters“ erklärte Milei: „Die Schließung unserer Zentralbank ist nicht verhandelbar.“ Der Schritt soll die Inflation eindämmen – doch Ökonomen warnen vor erheblichen Risiken, etwa dem Verlust geldpolitischer Kontrolle und erhöhter Abhängigkeit von den USA.
  • Gesellschaftspolitik und Freiheitsbegriff: Auch gesellschaftspolitisch bleibt Milei seiner Linie treu: radikale Eigenverantwortung statt staatlicher Fürsorge. Er befürwortet das Recht auf Waffenbesitz, lehnt Sozialtransfers ab und sprach sich in Interviews sogar für einen „freien Markt auch im Bereich der Organe“ aus. Er ist ein Befürworter der Ehe für alle, lehnt Sterbehilfe und Schwangerschaftsabbrüche aber ab.

Seit seinem Amtsantritt ist es Milei gelungen, die Inflationsrate deutlich zu senken – ein Erfolg, den selbst Gegner anerkennen. Doch die Kehrseite sind Rezession, steigende Arbeitslosigkeit und sinkende Reallöhne. Die spanische Zeitung „El País“ berichtete im September 2025, dass „die Börsen und der Peso nach der Wahl in Buenos Aires einbrachen“. Zwei führende Analysten warnten, Mileis Politik funktioniere „wie eine Kettensäge – effizient, aber gefährlich nah am Nerv“.

Javier Milleis Privatleben: Klonhunde, Liebe und Exzentrik

So kompromisslos Milei in der Politik auftritt, so eigenwillig gestaltet er auch sein Privatleben. Seine Leidenschaft gilt Hunden – genauer gesagt: den Nachbildungen seines einstigen Mastiffs Conan. In der Präsidentenresidenz lebt er mit mehreren großen englischen Mastiffs, die laut Medienberichten 2018 in den USA für rund 50.000 US-Dollar geklont wurden. In einem Bericht der „Buenos Aires Times“ heißt es: „Die geklonten Hunde, die Milei als seine ‘vier­beinigen Kinder’ betrachtet, tragen die Namen berühmter Ökonomen.“

Javier Milei und seine damalige Lebensgefährtin Fátima Flórez feiern am 19. November 2023 in Buenos Aires den Sieg in der Stichwahl zum Präsidenten.
Javier Milei und seine damalige Lebensgefährtin Fátima Flórez feiern am 19. November 2023 in Buenos Aires den Sieg in der Stichwahl zum Präsidenten.© AFP | LUIS ROBAYO

Auch in emotionaler Hinsicht ist Mileis Leben von ungewöhnlichen Bindungen geprägt. Von August 2023 bis April 2024 war er mit der Schauspielerin und Komikerin Fátima Flórez (47) liiert – einer der bekanntesten Persönlichkeiten des argentinischen Showbusiness. Die Beziehung, in der sich Politik und Unterhaltung sichtbar vermischten, endete laut Medienberichten an der Realität des Präsidentenamts und der beruflichen Verpflichtungen beider.