Charlotte Merz trägt flache Schuhe – beim Gang zum Atatürk-Mausoleum, wo ihr Mann an diesem Morgen einen Kranz niederlegt. Die Wahl der Schuhe ist schlau. Die Steine auf der Paradestraße sind mit tiefen Lücken verlegt, bei jedem Schritt kann man umknicken. Es ist kein einfaches Pflaster, auf dem sich Merz bei seinem Antrittsbesuch beim türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan bewegt. Es ist eine Gratwanderung.  

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Merz braucht Erdogan – als stabilen Nato-Partner, als Vermittler in Nahost und in der Ukraine, als Unterstützer bei der Rückführung von ausreisepflichtigen Türken und Syrern. Erdogan braucht Merz – als Fürsprecher in der EU, als Kanzler eines der wichtigsten Exportländer für türkische Unternehmen. Wie viel Raum aber bleibt bei so massiven gegenseitigen Interessen für kritische Töne? Nicht viel – aber mehr als erwartet.

Kanzler Merz in der Türkei
Bundeskanzler Friedrich Merz nimmt neben seiner Frau Charlotte an der Kranzniederlegung am Atatürk-Mausoleum teil. © Michael Kappeler/dpa | Michael Kappeler

Merz betont nach dem Treffen, dass er im Gespräch mit Erdogan auf die Einhaltung der Kopenhagener Kriterien bestanden habe – die Verpflichtung der Beitrittskandidaten auf Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechte. Angesprochen auf die Inhaftierung des Erdogan-kritischen Istanbuler Bürgermeisters Ekrem Imamoglu, kritisiert Merz, dass in der Türkei zuletzt Entscheidungen getroffen worden seien, die noch nicht den Kriterien genügten. Er habe seine „Besorgnis zum Ausdruck gebracht“, dass die Verhältnisse in der Türkei bei der Rechtsstaatlichkeit noch nicht „unseren Vorstellungen“ entsprächen. Erdogan zeigt sich jedoch unbeeindruckt: Die Türkei sei ein demokratisches Land, der Fall zeige, dass die Justiz richtig reagiere.

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Merz nutzt den Auftritt zudem für eine Liebeserklärung an die Deutschtürken, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben – es ist seine Antwort auf Erdogans Vorwurf, es gebe in Deutschland zunehmende Fremdenfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit. Offene Differenzen gibt es auch beim Blick auf die Lage in Gaza: Merz betont die ursprüngliche Verantwortung der Hamas für den Krieg und das Leid – Erdogan dagegen bleibt bei seiner israelfeindlichen Haltung, spricht von Völkermord.

Merz und Erdogan: Aus diesem Grund war Charlotte Merz dabei

Es sind drei konkrete Konfliktfelder – die Generalbotschaft, die Merz senden will, ist eine andere: „Wir müssen unsere strategische Partnerschaft ausbauen“, sagt der Kanzler. „Lassen sie uns das enorme Potenzial unserer Beziehungen noch besser nutzen.“

Merz hat extra seine Frau Charlotte mit nach Ankara gebracht, um für gute Stimmung zu sorgen. Die Idee dazu hatte Erdogans Ehefrau Emine am Rande des Nato-Gipfels im Frühsommer. Merz dürfte es ganz recht gewesen sein: Der freundlich-familiäre Touch des Besuchs macht manchen harten Ton überhaupt erst möglich.  

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Merz und die Töchter
Rambo Zambo – Der Merz-Podcast
 

Am Mittwochabend, unmittelbar nach der Ankunft, hatte sich der Kanzler mit verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren getroffen. Die Teilnehmerliste blieb unter Verschluss, der sonst so unerschrockene Merz ist in Ankara extrem darauf bedacht, nicht unnötig Porzellan zu zerschlagen, keinen demonstrativen Schulterschluss mit der Opposition zu veranstalten. Merz, das wird bei diesem Besuch sichtbar, verschweigt Differenzen nicht, es geht ihm aber nicht um den erhobenen Zeigefinger, sondern vorerst vor allem um Stabilität. An der Südostflanke der Nato, an der EU-Außengrenze. Dort, wo er Erdogan dringend braucht.