Wer das Kreisen um den eigenen Look zu einem Coffee-Table-Buch verarbeitet, muss schon ziemlich eitel sein. Bei Michelle Obama, der früheren First Lady der Vereinigten Staaten, ist diese Eitelkeit Programm, allerdings immer in Kombination mit einer Botschaft. „Ich wollte immer so gut wie möglich aussehen“: Mit dieser entwaffnenden wie schlichten Feststellung beschreibt Obama gleich in der Einleitung ihres neuen Buches „The Look“, was ihr Antrieb auf dem Weg zur Stilikone war. Als Princeton-Studentin, die auf der Suche nach dem besten Friseursalon war. Als berufstätige Mutter und Politiker-Gattin, der immer Zeit zum Shoppen fehlte. Als First Lady, die sich von Profis helfen ließ. Und nun als Autorin, die sich endlich frei von den Zwängen bestimmter Modediktate fühlt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Um dort anzukommen, das verrät dieses opulente Buch mit vielen Hochglanzbildern auf 304 Seiten, betrieb sie einen enormen Aufwand. Als First Lady beschäftigte sie Stylisten, suchte Designer. „Profis halfen mir bei Make-up und Mode.“ Ihre Strategie dahinter: „Ich wollte Kleidung zu meinem Vorteil nutzen.“ Also sorgte sie dafür, dass nicht nur über die Abendrobe, sondern auch der unbekannte schwarze Designer dahinter gewürdigt wurde.
War der Pulli, den sie bei der Arbeit im Gemüsegarten trug, ein Thema, dann verband Michelle Obama damit die Botschaft einer gesunden Ernährung. Oder: Wer sie auf der Titelseite haben wollte, musste auch über ihren Kampf um die Rechte von Mädchen berichten. Strickjacken trug sie im Gefühl, jederzeit Menschen umarmen zu können. In Krisenregionen wählte sie Bluse und Rock, um nicht abzulenken.

Michelle Obama versteht ihre Mode als Botschaft einer schwarzen Frau
Mode als Botschaft: So will Michelle Obama auch ihr Buch verstehen. „Es feiert Mode, aber es feiert auch Selbstvertrauen.“ Und zwar in erster Linie das Selbstvertrauen einer schwarzen Frau. „Offenbar provozierte die Farbe meiner Haut meine strengen Richter stärker, als es die Farben meiner Kleider waren“, fasst sie die Ressentiments zusammen, die ihr zu Beginn der ersten Amtszeit entgegenschlugen. Da hätten auch die Ratschläge von Laura Bush und Hillary Clinton, ihren Vorgängerinnen, nicht geholfen.
Also suchte Michelle Obama ihren eigenen Weg mit nicht so bekannten Designern: Tracy Reese, Narciso Rodriguez, Naeem Khan. Also mit einer schwarzen Frau, einem Sohn kubanischer Einwanderer, einem Indoamerikaner. „Die Leute freuten sich darauf, neue Outfits zu sehen“, schreibt sie. „Und sobald ich ihre Aufmerksamkeit hatte, hörten sie an, was ich zu sagen hatte.“
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Nach diesem Prinzip stimmte sie auch mehrfach zu, Cover der „Vogue“ zu sein. „Ich wusste, wie viel es schwarzen Frauen und Mädchen bedeuten würde, mein Gesicht auf dem Cover zu sehen.“ Eben einer Zeitschrift, die als Symbol für Schönheit und Stil stehe. Anna Wintour, bis vor einem Monat Chefredakteurin der „Vogue“ und selbst eine Stilikone, kommentiert Michelles Präsenz in der Modewelt: „Sie nahm beträchtlich Einfluss auf die Mode. Sie inspirierte Menschen in aller Welt“.

Als Kind lernt Michelle: Das naturgelockte Haar ist der Todfeind
Vor allen Dingen legte sie offen, was es bedeutet, sich als schwarze Frau dem Schönheitsideal weißer Frauen unterwerfen zu müssen. Im Zentrum stehen dabei die Haare; das lernt das Mädchen Michelle schon im Alter von fünf Jahren; damals sollte „die Krause weg“. Obamas Erinnerung: „Als die Waschtage anbrachen, verlor ich den Sonntag.“ Ihre Mutter wusch ihr die Haare mit Balsam, es folgte eine Prozedur, die sie „glattbügeln“ nennt: Dafür erhitzte die Mutter einen feinzinkigen Messingkamm und zog ihn durch die Haare, Brandwunden an Ohren und Nasen inklusive.
An heißen Tagen im Wasser plantschen, gar schwimmen: War streng verboten. Nassgeregnete Haare eine Katastrophe. „Lauf nicht so viel, sonst schwitzt du in die Haare rein“, der Standardsatz ihrer Kindheit. Was sich eingräbt in ihre Seele: Das naturgelockte Haar „ist der Todfeind“.

Später gibt die Mutter nach und der „Todfeind“ darf in Zöpfe, sogenannte Braids, geflochten werden. Das Freiheitsgefühl vergisst das Kind Michelle nicht, doch es ist nur von kurzer Dauer: Noch als Schülerin lässt sie sich die Haare chemisch glätten, eine Tortur für die Kopfhaut. Michelle jobbt, um die teuren Besuche in Haarsalons bezahlen zu können. Letztlich sei sie schon als Schülerin gefangen gewesen in der Haarindustrie, schreibt Obama und ergänzt: „Viele weiße Frauen haben keine Ahnung, wie viel Zeit und Geld schwarze Frauen in ihr Haar investieren.“
Michelle Obama trägt jetzt Cornrows
Der Ausflug in die Frisurenwelt von schwarzen Frauen ist wohl der politisch wichtigste Teil ihres Buches. Selbst Michelle Obama schafft es erst am Ende der zweiten Amtszeit, sich vom Schönheitsideal der weißen Frau zu lösen. Mutiger zu werden in der Mode, Jeans ebenso zu tragen wie glitzernde Overknee-Stiefel. Und endlich aufzuhören, ihre Haare zu glätten. Inzwischen trägt sie Braids, lange Zöpfe, die als sogenannte Cornrows eng am Kopf entlang geflochten werden. Und dabei, schreibt sie, werde es wohl bleiben.

Die Erkenntnis, mit der sie ihr Buch beendet, ist an sich banal. „Jeder kann sich schön anziehen, aber wenn man sich in seinen Sachen nicht wohlfühlt, ergibt die schönste Kleidung keinen Sinn“. Bei Michelle Obama sitzt die Botschaft tiefer. Letztlich geht es um die Emanzipation einer schwarzen Frau, die erst die Hürden des Weißen Hauses durchlaufen muss, bis sie aufhört, sich dem weißen Schönheitsideal zu unterwerfen.
Michelle Obama, The Look. Prestel Verlag, 304 Seiten, 42 €





