Er ist der Sterngucker des Papstes: Der indische Jesuit Richard Anthony D‘Souza ist der Direktor der vatikanischen Sternwarte. Der 47-jährige Astrophysiker, der in Goa aufgewachsen ist und in Heidelberg und in München studiert hat, leitet ein Team aus zwölf Jesuiten, die in der historischen Sternwarte in Castel Gandolfo bei Rom die Sterne beobachten. Die im Park der päpstlichen Sommerresidenz in den Albaner Bergen gelegene Sternwarte zählt zu den weltweit ältesten Einrichtungen ihrer Art. Der Kalenderreformator Papst Gregor XIII. beauftragte 1582 erstmals Jesuiten mit der Himmelsbeobachtung. Mit dem Direktor der vatikanischen Sternwarten haben wir in Rom gesprochen.

Pater D‘Souza, sind Glaube und Wissenschaft überhaupt vereinbar? 

D‘Souza: Mit unseren Forschungen zeigen wir der Welt, dass Kirche und Wissenschaft keine Gegensätze sind: Gott offenbart sich in der Schöpfung, und die Aufgabe der Wissenschaft ist es, ihre Gesetze und ihre Komplexität zu verstehen. Die Sternwarte wurde 1891 von Papst Leo XIII. gegründet: Er wollte in einer Zeit der Industrialisierung der Kirche und der Welt zeigen, dass Glaube und Wissenschaft nicht in Konflikt stehen. 

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Richard Anthony D'Souza in der im Jahr 1891 eröffneten Sternwarte.© Geoff Pugh/Shutterstock | Geoff Pugh/Shutterstock

Wie wird ein Priester zum Astronom?

D‘Souza: Schon als Jugendlicher habe ich mich für Astronomie begeistert. Mit 18 Jahren trat ich ins Priesterseminar und in den Jesuitenorden ein, der eng mit der Wissenschaft verbunden ist. Als junger Seminarist studierte ich zunächst Physik. Ich wurde dann gebeten, mich auf Astronomie zu spezialisieren – was ich gerne tat, aus Gehorsam, aber auch aus Leidenschaft.

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Sie haben auch in Deutschland studiert.

D‘Souza: Ich habe in Mumbai studiert und habe später zwischen 2002 und 2005 an der Universität Heidelberg meinen Master in Astronomie absolviert. In dieser Zeit habe ich die deutsche Sprache gelernt. Danach legte ich eine Pause ein, um in Indien Philosophie und Theologie zu studieren und mich auf das Priestertum vorzubereiten. Ich stamme aus einer katholischen Familie aus Goa, einer von den Portugiesen gegründete Stadt in Indien. 2012 kehrte ich nach Deutschland zurück, um am Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching bei München zu forschen. Ich habe danach an der University of Michigan gearbeitet. Seit 2019 bin ich in Rom in der Sternwarte tätig. 

Sie sind im August vom neuen Papst Leo XIV. zum Direktor der vatikanischen Sternwarte ernannt worden. Wie hat sich Ihr Leben verändert?

D‘Souza: Vor meiner Ernennung zum Direktor der Sternwarte widmete ich mich ganz der Forschung. Als Direktor hat man auch viele andere Aufgaben, beispielsweise im administrativen Bereich. Ein wichtiger Teil meiner Tätigkeit besteht darin, bereits gesammelte Daten neu auszuwerten, wissenschaftliche Artikel zu verfassen und diese anschließend zu veröffentlichen. Wir pflegen die Zusammenarbeit mit anderen wissenschaftlichen Institutionen. Alle zwei Jahre organisieren wir einen Sommerkurs für junge Menschen, um die Astronomie insbesondere in Entwicklungsländern zu fördern. Unser Ziel ist es, ärmere Länder zu ermutigen, eigene astronomische Projekte zu entwickeln.

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Ein großer Teil der Beobachtungen findet heute in einem Observatorium auf dem 3270 Meter hohen Mount Graham im US-Bundesstaat Arizona statt. Weshalb gerade dort?

D‘Souza: Der römische Nachthimmel ist schlicht zu hell geworden. Das vatikanische Forschungszentrum in den USA ist heute eines der weltweit größten und modernsten Zentren seiner Art. Das Teleskop in Arizona ist dank eines automatischen Steuerungssystems auch aus der Ferne nutzbar.

Was denken Sie über das Starlink-Projekt von Tech-Milliardär Elon Musk?

D‘Souza: Satelliten dienen in erster Linie der weltweiten Internetversorgung – doch für die Astronomie stellen sie eine große Bedrohung dar. Auf den Aufnahmen unserer Teleskope erscheinen sie als helle, sich schnell bewegende Streifen, die viele Beobachtungen unmöglich machen. Dadurch wird der Zugang zum Himmel stark eingeschränkt, was wichtige astronomische Großprojekte gefährdet. Man könnte beinahe von einer neuen Form der Lichtverschmutzung sprechen. Zugleich wächst die Sorge auch in sicherheitspolitischer Hinsicht: Es entsteht ein regelrechter Wettlauf um die Kontrolle des Weltraums. Wer die finanziellen und technischen Mittel hat, besetzt die besten Positionen im Orbit. Die astronomische Gemeinschaft steht nun vor der Herausforderung, Wege zu finden, um die Schäden für die Himmelsbeobachtung zu begrenzen.

Meinen Sie, dass es zur Mars-Kolonisierung kommen wird, wie es Elon Musk hofft?

D‘Souza: Dieses Projekt verbirgt ein erhebliches Risiko. Alle wissenschaftlichen Projekte auf der Oberfläche des Mars haben das Ziel, nach Spuren früheren Lebens zu suchen. Wenn der Mensch jedoch selbst den Boden kontaminiert, wird es sehr schwierig, zwischen natürlichen und menschengemachten Spuren zu unterscheiden – und damit auch, die Vergangenheit des Planeten wirklich zu verstehen. Wir müssen sehr vorsichtig sein, um nicht das zu zerstören, was wir eigentlich erforschen wollen. Außerdem sind solche Projekte extrem kostspielig und letztlich nur den wohlhabenden Nationen und Institutionen offenstehend.

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Gab es Leben auf dem Mars? Richard Anthony D'Souza warnt davor, dass Projekte wie die Mars-Kolonisierung von Elon Musk dazu führt, dass sich diese Frage womöglich nicht mehr beantworten lassen wird.© Geoff Pugh/Shutterstock | Geoff Pugh/Shutterstock

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Gibt es Leben jenseits der Erde?

D‘Souza: Die Suche nach Leben jenseits der Erde ist eines der großen Themen der modernen Astronomie. Bis heute haben wir rund 6000 Planeten entdeckt. Dabei wurden bisher nur die Sterne in unserer näheren Umgebung untersucht, doch in unserer Galaxie gibt es Milliarden von Sternen. Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo außerhalb des Sonnensystems Leben existiert, ist daher groß. Forscher suchen nach indirekten Anzeichen für Leben, etwa nach bestimmten Molekülen. Wir sprechen dabei nicht von intelligenten oder komplexen Lebensformen, sondern von einfachen Organismen – Bakterien oder Mikroben. In den kommenden 20 Jahren könnte es durchaus gelingen, solche Spuren zu finden.

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Vor allem seit der Corona-Pandemie wird die Kritik an der Wissenschaft lauter. Warum?

D‘Souza: Zweifel an wissenschaftlichen Errungenschaften hat es immer schon gegeben. Neu ist jedoch, dass solche Ideen heute durch soziale Medien viel leichter verbreitet werden. Jeder kann im Internet seine Meinung äußern und so Fehlinformationen in großem Maßstab weitergeben. Früher wurden Informationen von Redaktionen oder wissenschaftlichen Institutionen überprüft; heute ist die „Veröffentlichung“ für jedermann möglich. Dadurch verbreiten sich Falschmeldungen sehr schnell und sind schwer zu kontrollieren. 

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Papst Leo XIV. ernannte Richard Anthony D‘Souza zum Leiter der Sternwarte.© action press | Maria Laura Antonelli/AGF/SIPA

Interessieren sich Jugendliche für Astronomie?

D‘Souza: Es gibt unter jungen Menschen großes Interesse an der Astronomie. Diese Wissenschaft hat seit jeher eine besondere Anziehungskraft auf alle Menschen ausgeübt – denn von allen Naturwissenschaften ist es wohl der Blick zum Himmel, der am tiefsten berührt. Der Mensch ist, wie Michelangelos Fresko in der Sixtinischen Kapelle zeigt, als Abbild Gottes geschaffen: Gott streckt die Hand nach Adam aus, und Adam versucht, Gott zu erreichen. Diese Geste nach oben – zum Himmel, zu den Sternen – ist Teil unserer menschlichen Natur. Der Wunsch, das Universum zu verstehen, entspringt genau diesem inneren Drang.