Sarajevo, die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina. Einst besungen von U2 und dem Startenor Luciano Pavarotti. In Westeuropa verbinden viele damit eine dunkle Erinnerung an einen blutigen Konflikt Anfang der Neunzigerjahre.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Während der Belagerung der Stadt, die vom April 1992 bis Februar 1996 dauerte, umzingelten bosnisch-serbische Truppen und Teile der Jugoslawischen Volksarmee die Stadt. Sie schnitten Sarajevo somit von der Versorgung mit Lebensmitteln, Heizung und Strom ab. Die 1425 Tage lange Belagerung ist die längste einer Hauptstadt in der modernen Kriegsgeschichte. Für die Lebenssituation der knapp 400.000 Stadtbewohner hatte dies dramatische Folgen. In den Hügeln rund um die Stadt und in den Hochhäusern lauerten serbische Scharfschützen und schossen auf die Bewohner. Über 11.000 Menschen kamen in diesen Jahren in Sarajevo ums Leben.

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#17 Omid Nouripour über seine Flucht aus dem Iran – und wie man auf Farsi rappt
Meine schwerste Entscheidung
 

30 Jahre nach dem Ende des Bosnien-Kriegs hat die Staatsanwaltschaft Mailand Ermittlungen wegen eines möglichen „Scharfschützen-Tourismus“ eingeleitet. Es geht um den Verdacht, dass wohlhabende Italiener und Bürger anderer westlicher Länder in den Jahren 1993 bis 1995 die damaligen bosnisch-serbischen Streitkräfte bezahlt haben, um einige Tage auf Zivilisten schießen zu können. Getarnt wurden die „Sniper-Safaris“ in Bosnien als Jagdtouren am Balkan, die von Triest aus starteten. Eingeleitet wurden die Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Hobby-Heckenschützen nach einer Anzeige des Mailänder Schriftstellers Ezio Gavazzeni (66). Er stellte der Staatsanwaltschaft in Mailand Dokumente und Zeugenaussagen aus jahrelangen Recherchen zur Verfügung. Unsere Redaktion hat mit Gavazzeni gesprochen.

Herr Gavazzeni, die Ergebnisse Ihrer Recherchen über die „Menschen-Safari“ in Sarajevo sind schauderhaft. Warum wird das Thema erst nach 30 Jahren aufgegriffen?

Ezio Gavazzeni: Schon 1995 hatten zwei italienische Tageszeitungen über angebliche Touristen-Scharfschützen in Bosnien berichtet und diese Artikel waren mir aufgefallen. Doch den Anstoß, tiefer zu graben und Zeugen zu finden, gab mir der 2022 erschienene Dokumentarfilm „Sarajevo Safari“ des slowenischen Regisseurs Miran Zupanic. In dem Film, basierend auf Aussagen anonym bleibender Geheimdienstmitarbeiter, ist die Rede von reichen Ausländern, die dafür bezahlt hätten, auf Menschen in Sarajevo zu schießen. Der Dokumentarfilm ist im ganzen Balkan und in vielen afrikanischen Ländern ausgestrahlt worden. Ich frage mich, warum kein westliches Fernsehen die Rechte für diesen Film gekauft hat.

Haben Sie mit dem slowenischen Regisseur zusammengearbeitet?

Gavazzeni: Zupanic hat mir geholfen, einige Kontakte mit Zeugen herzustellen. Er wollte aber danach nicht mehr mitmachen, sodass ich dann selber allein recherchiert und Zeugen gesucht habe. Das Bild, das aus meinen Recherchen hervorgeht, ist erschütternd. Vier Jahre lang wurden an jedem Wochende Reisen für sogenannte Scharfschützen-Touristen organisiert, die sich in den Hügeln Sarajewos den bosnischen-serbischen Truppen anschlossen, um auf Zivilisten zu schießen. Wir sprechen hier von 200 Wochenenden, an denen viele italienische und ausländische Scharfschützen aus westlichen Ländern Zivilisten erschossen haben. Dahinter steckte wahrscheinlich eine Organisation, die die Reisen der reichen ausländischen Schützen von Triest aus anboten – getarnt als Jagdtouren am Balkan.

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Unter den Teilnehmern der Menschensafaris sollen sich laut Ihrem Dossier auch italienische Staatsbürger befinden. Der im Fall ermittelnde Mailänder Staatsanwalt hat aber noch keine konkreten Verdächtigen ins Register seiner Ermittlungen eingeschrieben. Warum?

Gavazzeni: Ich habe dem Staatsanwalt ein 90-seitiges Dossier mit ausführlichen Informationen eingereicht. Jetzt sind die Carabinieri mit den Ermittlungen beauftragt worden. Ich erwarte, bald befragt zu werden. Eigentlich wollte ich den Fall erst nach Ende der Justizermittlungen publik machen und darüber in einem Buch berichten. Informationen über die Ermittlungen sind jedoch an die Presse gelangt und der Fall ist öffentlich geworden.

Hätten Sie ein derartiges Medieninteresse erwartet?

Gavazzeni: Eigentlich nicht. Ich werde inzwischen von Interview-Anfragen überhäuft. Ich bekomme Anrufe aus der ganzen Welt.

Wie viel kostete eine „Menschensafari“ in Sarajevo?

Gavazzeni: Die Scharfschützen waren wohlhabende Menschen, die bis zu 300.000 Euro für ein Wochenende auf den Hügel in Sarajevo zahlen konnten. Es gab keine politischen oder religiösen Motive. Es waren reiche Leute, die dorthin gingen, um Spaß zu haben. Wir sprechen von Menschen, die Waffen lieben und vielleicht auch auf Safari nach Afrika fahren. Für solche Menschen ist das Schießen wie ein Videospiel, es ist für sie egal, ob sie ein Tier, eine Frau, einen alten Menschen, oder ein Kind treffen. Sie kennen nur die Sprache des Geldes. Mit Geld können sie alles bekommen. Es gibt Jäger, die 200.000 Euro zahlen, um einen Löwen in Afrika zu töten. Im Fall der Sarajevo-Safaris zahlte man für menschliche Beuten. Ich nenne das Gleichgültigkeit gegenüber dem Bösen. Diese Menschen fühlen sich wie Gott und meinen, dass sie unbestraft bleiben.

Ezio Gavazzeni
Schriftsteller Ezio Gavazzeni recherchiert zu den „Sniper-Touristen“ im Bosnien-Krieg.© privat | Privat

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Machen Sie sich Sorgen um Ihre Sicherheit, nachdem der Fall publik geworden ist?

Gabazzeni: Ja, ich werde die Staatsanwaltschaft um Schutz bittet. Ich bin der Einzige, der in Europa den Schleier über dieser Angelegenheit gelüftet hat. Wir haben es hier mit blutrünstigen Verrückten zu tun, die sogar Kinder töten und dabei völlig ungerührt bleiben. Sie brauchen keinen Grund, um jemanden zu töten. Wahrscheinlich sind die Personen, die sich an diesen Safaris beteiligten heute zwischen 65 und 80 Jahre alt. Vielleicht ist in der Zwischenzeit jemand verstorben, aber man geht davon aus, dass ein großer Teil noch am Leben ist. Ich erwarte, dass man zumindest einen oder zwei dieser italienischen Scharfschützen ausfindig machen kann. Es sind viele, mehr kann ich nicht sagen.

Der italienische Geheimdienst SISMI wurde 1994 von den Bosniern über die Anwesenheit von Italienern in den Hügeln Sarajevos informiert. Was geschah dann?

Gavazzeni: Wir wissen, dass es ein Dossier über diese Safaris gab. Ich würde gern die Dokumente lesen, die in den Archiven des italienischen Geheimdienstes aufbewahrt sein sollten. Ich hoffe, dass sie nicht verschwunden sind und dass man einen oder zwei dieser italienischen Scharfschützen identifizieren kann.

Exklusive Politik-Hintergründe – für Sie recherchiert

Sie sind Autor mehrerer Bücher über Verbrechen in der jüngeren Geschichte Italiens, unter anderem über das Attentat auf Papst Johannes Paul II. Was versprechen Sie sich von den Ermittlungen zu den Hobby-Scharfschützen in Sarajevo?

Gavazzeni: Ich bin ein Investigativ-Schriftsteller. Es gibt Geschichten, die mich faszinieren, und denen gehe ich nach. Auch im Fall der Sarajevo-Scharfschützen war es so. Ich warte auf die nächsten Entwicklungen, ich bin gespannt. Es gibt noch vieles, was aufgeklärt werden muss.