Für die einen war er ein Hoffnungsträger und möglicher SPD-Kanzlerkandidat, andere hielten ihn für einen politischen Traumtänzer, der überlebte sozialistische Ideen propagierte. Doch für wohl alle war es eine Überraschung, als Kevin Kühnert im Herbst 2024 ankündigte, seinen Posten als SPD-Generalsekretär aufzugeben und sich aus der Politik zurückzuziehen. Bei der Bundestagswahl 2025 trat er nicht mehr an. Seinen Ausstieg begründete Kühnert im April dieses Jahres in einem Interview in der „Zeit“ mit verbalen und körperlichen Bedrohungen durch Corona-Leugner und Rechtsextreme.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Einige Monate war es still um Kühnert, bis er sich zuletzt peu à peu zurückmeldete. Seit Oktober schreibt er Kolumnen für das „Rolling Stone“, etwa zu Themen wie Söders Social-Media-Auftritt („Söders Wurstfalle“), die deutschen Hamas-Geiseln oder die Rentenpolitik. Außerdem ist Kühnert auch Gastgeber einer Gesprächsreihe im Berliner Kabarett „Distel“. Dort wird er ab Februar unter den Titel „Missverstehen Sie mich richtig“ Personen des öffentlichen Lebens wie den Schauspieler Lars Eidinger oder den Soziologen Harald Welzer interviewen.

Kühnert steigt bei der Bürgerbewegung Finanzwende ein

Eine Rückkehr in die Politik hat Kühnert bis auf Weiteres ausgeschlossen. Nun übernimmt er allerdings eine Aufgabe, bei der ihm seine Expertise in der Sozialpolitik zugute kommen dürfte. Kühnert wird bei der Bürgerbewegung Finanzwende Leiter des Bereichs Steuern, Verteilung und Lobbyismus. Finanzwende war von dem früheren Grünen-Finanzexperten im Bundestag, Gerhard Schick, als Gegengewicht zur einflussreichen Finanzlobby gegründet worden. Kühnert war immer wieder mit der Forderung nach tiefgreifenden Reformen aufgefallen.

SPD-Fraktionschef Matthias Miersch begrüßt, dass sein Parteikollege nach einer Auszeit nun in die Öffentlichkeit zurückgekehrt ist. „Ich wünsche Kevin einen guten Wiedereinstieg, Kraft und alles Gute“, sagte Miersch dieser Redaktion. „Ich freue mich, dass Kevin Kühnert nach seiner Auszeit wieder im Job und in der Öffentlichkeit ist und sich nun bei Finanzwende engagiert.“

Kühnert hatte im Herbst 2024 sein Amt als SPD-Generalsekretär abgegeben und sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Miersch folgte ihm vorübergehend auf dem Posten. „Politik ist fordernd, umso wichtiger ist es, auf sich selbst zu achten“, sagte Miersch nun zu der Auszeit seines Genossen. „Kevin hat diesen Schritt bewusst getan, und das verdient Respekt.“

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Was Kühnert erreichen will

„Finanzwende ist auf dem besten Weg, ein effektives Gegengewicht der Finanzlobby zu werden – und ich möchte aktiv dazu beitragen, dass dieses Mammutprojekt gelingt“, sagte Kühnert. Der frühere Chef des SPD-Nachwuchses und dann Spitzenfunktionär seiner Partei machte auf die Ungleichheit bei den finanziellen Mitteln aufmerksam. Auch die politische Macht verschiebe sich dadurch, sagte er. 

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„Extreme Ungleichheit verbaut nicht nur Lebenschancen. Sie verzerrt auch zunehmend Debatten in Medien und Politik“, sagt er. Und: „Reichtum wird weltweit immer offener als Machtinstrument missbraucht.“ Gegen diese Gefahr wolle er mit ankämpfen. Er lobte Stärke und Überparteilichkeit seines neuen, in einem Berliner Ausgehkiez im Stadtteil Schöneberg ansässigen Arbeitgebers. „Mit seiner Arbeit bei Finanzwende bringt er seine Erfahrung nun in wichtige Fragen von Gerechtigkeit, fairer Besteuerung und Transparenz ein“, begrüßte Parteikollege Miersch das Engagement.

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Überparteilicher Verein mit mehr als 17.000 Mitgliedern

Finanzwende hat mehr als 17.000 Mitglieder. Der Verein setzt sich für die Bekämpfung der Finanzkriminalität (Cum-Ex) ein, will grüne Investitionen vorantreiben, die Macht der Finanzlobby reduzieren und Steuerprivilegien für Superreiche abschaffen. Das Ziel sind stabilere, faire und nachhaltige Finanzmärkte. Vorstand Schick begrüßte den Schritt Kühnerts „außerordentlich“. Schick war selbst politische Hoffnung seiner Partei und wichtige Grünen-Stimme im Parlament, bevor er dem politischen Tagesgeschäft den Rücken kehrte.

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„Als ich Finanzwende gegründet habe, hätte ich nicht unbedingt erwartet, dass hier mal ein ehemaliger SPD-Generalsekretär arbeitet – gemeinsam mit einer ehemaligen Oberstaatsanwältin wie Anne Brorhilker und mit sehr vielen anderen engagierten Menschen.“ Dem Aufbau einer Bürgerbewegung mit unterschiedlichen Köpfen komme man nun immer näher, Kühnerts Stelle sei eine von 15 neuen in dem Verein. Die frühere Kölner Oberstaatsanwältin Brorhilker war 2024 zu Finanzwende gekommen.

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sh/tok/jdö/dpa