Im März vergangenen Jahres kommt eine Gruppe Bewaffneter nach Rmeich. Es herrscht Krieg zwischen Israel und der Hisbollah, und die Kämpfer wollen einen Raketenwerfer im Zentrum des Dorfes aufstellen. Der Priester lässt die Glocken der beiden Kirchen läuten, die Dorfbewohner strömen zusammen und reden auf die Männer ein. Die Christen in Rmeich wollen nicht in den Konflikt hineingezogen werden. Es ist nicht ihr Krieg. Schließlich knicken die Uniformierten ein und ziehen ab. Bürgermeister Hanna el Amil sitzt eineinhalb Jahre später in seinem Büro und lächelt: „Wir benutzen die Methoden von Gandhi.“ Die Frage ist nur, wie lange die Dorfbewohner damit durchkommen. Denn jetzt könnte der Krieg aufflammen.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Rmeich ist das südlichste Dorf des Libanon, von hier sind es nur einige Hundert Meter bis zur israelischen Grenze. Von einem Hügel, auf dem ein großes Kreuz gepflanzt ist, thronen in den Bergen die Stellungen der israelischen Armee, weiter westlich kauern sich Baracken der libanesischen Armee in den Hang. Die Fahrt in das Dorf führt durch kleine Städte und Dörfer, deren Straßen gesäumt sind mit den gelben Fahnen der Hisbollah und mit den Bildern der Männer, die im jüngsten Waffengang mit Israel gefallen sind. Der Süden des Libanon ist Hisbollah-Land. Nur in Rmeich konnte die in vielen westlichen Ländern und in Israel als Terrororganisation geltende schiitisch-islamistische Truppe keinen Fuß fassen. Der Fall erinnert ein wenig an das gallische Dorf von Asterix, nur dass dieser und sein Freund Obelix handfester gegen die unbeliebten Römer kämpfen.

Israel gegen die Hisbollah: „Ich hoffe, dass der Krieg nicht wiederkommt“
Alain Hannah von den St-Georgs-Pfadfindern steht an einem sonnigen Dezembertag vor einer Kirche. Er ist pessimistisch: „Ich hoffe, dass der Krieg nicht wiederkommt. Aber vieles spricht dafür.“ Einen Tag nach dem Terrorüberfall der Hamas auf den Süden Israels hatte die Hisbollah am 8. Oktober 2023 begonnen, den Norden des jüdischen Staates zu beschießen. Zehntausende Israelis mussten die grenznahen Dörfer und Städte verlassen.

Etwa ein Jahr später starteten die israelischen Streitkräfte eine Bodenoffensive im Libanon, um die Infrastruktur der Hisbollah zu zerschlagen. Zahlreiche Führungskader der Organisation, darunter ihr langjähriger Generalsekretär Hassan Nasrallah, starben bei israelischen Luftschlägen. Insgesamt sollen auf libanesischer Seite nach Angaben der dortigen Gesundheitsbehörden etwa 3500 Menschen getötet worden sein, darunter viele Kämpfer der Miliz. Seit November vergangenen Jahres gilt ein Waffenstillstand. Der aber ist brüchig. Erst Anfang Januar griff die israelische Armee mehrere Ziele im Süden und Osten des Libanon an, es sollen mehrere Waffenlager und Militäranlagen der Hisbollah getroffen worden sein.
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Die Terrororganisation weigert sich, ihre Waffen niederzulegen, wie es die libanesische Regierung im Sommer vergangenen Jahres beschlossen hat. Israelische Politiker und Analysten wie Sarit Zehavi von der Sicherheitsdenkfabrik Alma gehen im Gegenteil davon aus, dass die Hisbollah sich darum bemüht, ihre gelichteten Ränge wieder aufzufüllen und sich zu reorganisieren.
Was südlich des Litani-Flusses liegt, ist Sperrgebiet
„Die Hisbollah wird von Ehre, Stolz und dem tiefen Glauben an den bewaffneten Kampf gegen Israel getrieben“, schreibt Zehavi in einer Bilanz zum Jahrestag des Waffenstillstands. Dieser Kampf sei der Kern ihrer Ideologie und ihrer Identität. Israel will die Wiederaufbaubemühungen durch Luftschläge unterbinden – fast 700 sollen es seit November 2024 gewesen sein.

In Rmeich hören sie nahezu jeden Tag Explosionen. Über 40 Bomben haben nach Zählung des Alma-Instituts allein Ayta ash-Shaab getroffen, ein schiitisches Dorf direkt in der Nachbarschaft. Es ist großflächig zerstört und nahezu menschenleer, wie mehr als ein Dutzend anderer schiitischer Dörfer, die unmittelbar an der Grenze liegen. Was südlich des Litani-Flusses liegt, der in 30 Kilometer Entfernung parallel zur israelischen Grenze fließt, ist Sperrgebiet. Wer als Ausländer hierhin will, braucht eine Genehmigung des Militärs.
Olivenernte nur mit Erlaubnis der Armee
In Rmeich leben sie vom Anbau von Tabak und Oliven, auch einige Weinstöcke sind in den Feldern zu sehen. In seinem Büro klagt Bürgermeister Hanna el Almi: „Wenn wir zu unseren Olivenbäumen nah an der Grenze wollen, benötigen wir die Erlaubnis der libanesischen Armee und von UNIFIL. Dann begleiten uns Soldaten.“ UNIFIL, das ist die zahnlose Friedensmission der Vereinten Nationen in der Region. Noch am Morgen des Besuchs hat sich ein Bauer nicht an die Regeln gehalten. „Die Israelis haben ihn und seinen Traktor mit Gewehren beschossen. Zum Glück ist ihm nichts passiert.“ Hier an der Grenze gilt jeder als Gefahr, der sich Israel nähert.

Die Menschen von Rmeich sind zwischen den Konfliktparteien gefangen – und das schon seit vielen Jahrzehnten. „Wir haben seit 1969 Probleme. Erst kamen die palästinensischen Organisationen, jetzt die Hisbollah“, erzählt der Bürgermeister. „Aber wir sind ein friedliches Dorf. Wir haben allen gesagt, dass sie uns in Ruhe lassen sollen.“
An den etwa 10.000 Einwohnern ist der Krieg nicht spurlos vorbeigegangen, trotz aller Bemühungen, sich aus ihm herauszuhalten. Gleich neben einem Posten von UNIFIL liegen vertrocknete Blumen an einer rußgeschwärzten Wand. Hier schlug im April vergangenen Jahres ein Geschoss in ein Fahrzeug mit einem Hisbollah-Kämpfer ein.
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Die Wände dreier Häuser unter dem Hügel mit dem großen Kreuz sind noch immer vom Einschlag von Schrapnellen vernarbt. Das Kreuz, erzählen sie, habe nach der Explosion ganz windschief gestanden, aber sie haben es wieder aufgerichtet. „Es ist ein Wunder, dass wir nach all den Jahren noch hier sind“, sagt der Bürgermeister.

Emanuel, 52, sitzt in seinem Haus auf einer Anhöhe im südlichen Teil der Stadt. Er hat es wieder aufgebaut, nachdem es im Januar vergangenen Jahres von einer israelischen Hellfire-Rakete zerstört wurde. Emanuel ist nicht der richtige Name des Mannes, er arbeitet für die Regierung und ist deswegen vorsichtig. „Damals waren Hisbollah-Kämpfer hier in der Region.“

Er selbst hatte Bewaffnete in der Nähe seines Hauses gesehen. „Ich habe ihnen gesagt, dass sie bitte gehen sollen, das haben sie dann auch gemacht.“ Wie die anderen Einwohner von Rmeich wird auch Emanuel nicht müde zu betonen, dass sie eigentlich im guten Einvernehmen mit ihren schiitischen Nachbarn leben. „Aber die Hisbollah sagt, sie sei der Widerstand. Und sie hätten das Recht zu kämpfen. Die Israelis sagen, sie sind Terroristen. Wir sind in der Mitte.“
Libanon: Nichts spricht dafür, dass die Hisbollah ihre Waffen abgibt
In der Verklärungskirche im Zentrum der Stadt steht Najib el Amil unter einem bunten Bild über dem Altar. Er ist seit 36 Jahren der Priester von Rmeich. Er zeigt nach oben: „Das Bild hat ein Künstler aus der Ukraine gemalt.“ Dann dreht er sich um und zeigt auf die großen Kronleuchter: „Die stammen aus Russland.“ In Rmeich, sagt er, „lieben wir den Frieden. Wir wollen auf niemanden schießen.“ Aber auch er weiß, dass es bald wieder Krieg geben könnte. Israel hat der Hisbollah bis Ende des Jahres Zeit gegeben, sich zu entwaffnen. Nichts spricht dafür, dass sie das tun wird. Der Priester sagt: „Die Menschen hier haben Angst vor der Zukunft.“




